In Deutschland zuhause

Genau 50 Jahre ist es am Sonntag her, dass in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterschrieben wurde. Seitdem durften türkische Einwanderer in Deutschland beruflich tätig sein. Die Vredener Medine und Ahmet Gümüs sind ebenfalls als Gastarbeiter gekommen. Mittlerweile ist Deutschland ihr Zuhause geworden.

VREDEN

von Von Jessica Beck

, 28.10.2011, 17:56 Uhr / Lesedauer: 3 min
Medine Gümüs kam zuerst nach Deutschland. Nach ihrer Hochzeit wanderte auch Ahmet aus.

Medine Gümüs kam zuerst nach Deutschland. Nach ihrer Hochzeit wanderte auch Ahmet aus.

Er erzählt, dass er damals keine Arbeitserlaubnis bekommen habe, denn er durfte nur als Familienmitglied immigrieren. So musste Medine für das Einkommen sorgen. Und das war nicht immer leicht: „Ich musste schwere Arbeit an den Maschinen machen, das war ich nicht gewohnt.“ Aber es war nicht nur die ungewohnte Arbeit, die Medine Gümüs zu schaffen machte: „Das Schlimmste für mich war die Kälte“, erzählt sie. „1971 war ein harter Winter, der Schnee ging mir in die Stiefel – und die waren kniehoch.“ Zudem musste sie früh morgens um 4 Uhr aufstehen und zur Arbeit laufen. „Am Anfang habe ich nur geheult und wollte zurück zu meiner Oma in die Türkei“, berichtet die 58-Jährige. Aber dank eines netten Betriebsleiters, der sie und zwei andere Gastarbeiterinnen seine „Töchter“ genannt habe, sei es besser geworden. „Ab 1972 wollte ich nicht mehr zurück. Ich fand alles so schön hier.“

Ahmet Gümüs hatte anfangs ebenfalls mit der Kälte in Deutschland zu kämpfen, denn auch er kam in einem harten Winter mit Temperaturen von Minus 15 Grad und kälter. „Es war auch schlimm für mich, nicht arbeiten zu dürfen. Das war für uns beide hart, denn wir mussten mit 600 Mark im Monat auskommen“, erzählt er. Als Mitte der 80er Jahre das Gesetz geändert wurde und die Einwanderer die Arbeitserlaubnis austauschen durften, ging er auf dem Bau arbeiten und seine Frau blieb zu Hause. „Die Arbeit auf dem Bau habe ich gehasst, weil es so kalt und nass war“, gesteht der 55-Jährige. Heute arbeitet er nicht mehr dort, sondern in der Metalltechnik. „Man hatte anfangs immer noch den Traum: Irgendwann gehe ich zurück.“ Doch der Türkei ging es wirtschaftlich immer schlechter und Deutschland wurde mehr und mehr zum Zuhause des Ehepaars.

Die deutsche Sprache lernten Medine und Ahmet Gümü s ganz nebenbei – ohne Sprachkurs. „Auf dem Bau hatten wir unter uns Gastarbeitern die Abmachung, kein Wort Türkisch zu reden“, erzählt Ahmet. Auch Medine lernte Deutsch auf der Arbeit. „Unser Betriebsleiter hat uns dabei sehr geholfen. Und nach zwei Monaten konnten wir schon für die Neuen dolmetschen“, erinnert sich Medine. Die beiden sprechen nun drei Sprachen: Deutsch, Türkisch und Arabisch, das aufgrund der Geschichte ihrer Heimatregion nahe der syrischen Grenze die Muttersprache ist. „Manchmal verwenden wir in einem Satz drei Sprachen. Auch in der Türkei habe ich Probleme, weil mir einige Wörter nicht mehr einfallen“, erklärt Medine.

Das Ehepaar Gümüs hat drei Kinder – Yildiz, Deniz und Filiz – die alle in Deutschland geboren und zur Schule gegangen sind. Die Mädchen waren auf dem Gymnasium und haben studiert, Deniz machte eine Ausbildung. Er lebt jetzt in Wüllen und arbeitet in Legden. Filiz und Yildiz hat es weiter weggezogen. Beide haben lange Zeit im Ausland – Argentinien und Brasilien – verbracht. Anfang der 90er Jahre beschloss die Familie in Deutschland zu bleiben und kaufte eine Doppelhaushälfte in Vreden. „Erst wollten wir wieder zurück, bevor die Kinder zur Schule gehen. Aber das hätten sie uns nie verziehen. Sie sind hier geboren und fühlen sich als Deutsche“, sagt Medine. Auch Medine und Ahmet besitzen neben der türkischen seit 1994 die deutsche Staatsbürgerschaft. „Man kann sagen, dass wir zwei Zuhause haben – hier und in der Türkei. Aber mit der Zeit ist in Deutschland unser richtiges Zuhause“, erklärt Ahmet Gümüs.

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