In einem Klassenraum in Ruanda werden Corona-Tests durchgeführt. © Interplast Vreden
Dr. Arnulf Lehmköster

Interplast Vreden: Hilfseinsätze abgesagt, Spenden werden trotzdem gebraucht

Die Hilfseinsätze von Interplast Vreden in Uganda und Ruanda mussten abgesagt werden. Hilfe gibt es nun in anderer Form. Die Corona-Situation dort habe auch Auswirkungen aus Deutschland.

Fast zwei Jahre ist es her, dass Dr. Arnulf Lehmköster und sein Team von Interplast zuletzt in Afrika waren, um Patienten mit plastisch-chirurgischen Problem zu operieren. Die Corona-Pandemie hat auch den Hilfseinsätzen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Organisation hilft den Menschen in Ruanda und Uganda dennoch, denn die Situation vor Ort sei zum Teil katastrophal, sagt Arnulf Lehmköster.

„Wenn die Lockdown sagen, dann meinen die Lockdown“, berichtet er. Heißt: keine Busse fahren, Geschäfte schließen, Firmen sind dicht. Für viele Menschen bedeutet das auch, dass sie kein Einkommen mehr haben. Eine Ärztin sei im ersten Lockdown wegen des fehlenden öffentlichen Verkehrs nicht zu Arbeit gekommen. Wochenlang hat sie deswegen kein Geld verdient.

Beim zweiten Lockdown war diese Ärztin auf der Arbeit, als von jetzt auf gleich die Busse den Betrieb einstellten. „Drei Wochen lang kam sie nicht nach Hause zu ihren Kindern“, erzählt Arnulf Lehmköster.

Viele Familien in Afrika leiden Hunger

Wegen des Lockdowns hat mehr als jeder zweite seinen Job verloren. Viele Menschen in Uganda und Ruanda leiden Hunger. Zwar liefert die Regierung immer mal wieder Lebensmittel in die betroffenen Regionen, doch es fehlt vor allem an protein- und vitaminreicher Nahrung, die so wichtig für ein intaktes Immunsystem ist.

Viele Menschen in Ruanda und Uganda leiden Hunger wegen der Pandemie. Hier freuen sich einige Kinder über Nahrung, die mit Geld von Interplast gekauft wurde.
Viele Menschen in Ruanda und Uganda leiden Hunger wegen der Pandemie. Hier freuen sich einige Kinder über Nahrung, die mit Geld von Interplast gekauft wurde. © Interplast Vreden © Interplast Vreden

Deswegen hat Interplast in den vergangenen Wochen und Monaten viele der Spenden genutzt, um den Menschen vor Ort den Kauf von Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten zu ermöglichen. Außerdem wurden Kittel, Handschuhe, Desinfektionsmittel und Masken aus den Interplast-Lagern vor Ort an die Bevölkerung verteilt.

„Das sind Dinge, die im Moment einfach wichtiger sind. Niemand denkt an eine Operation an einer verformten Hand, wenn er kurz vorm Verhungern ist“, sagt Arnulf Lehmköster.

Krankenhaus-Personal bekommt weniger Geld

Der Kontakt zu den Mitarbeitern in den Krankenhäusern in Murunda und Kamuli blieb trotz allem bestehen. „Es ist wenig zu tun. Denn zum einen kommen die Leute wegen der fehlenden Busse nicht ins Krankenhaus, zum anderen haben sie auch Angst vor einer Ansteckung mit Corona“, sagt Arnulf Lehmköster. Für das Personal ist das ein Problem. Denn die geringeren Einnahmen der Hospitäler bedeutet automatisch eine Gehaltskürzung für die Mitarbeiter.

Agnes, eine der OP-Schwestern im Kamuli-Mission-Hospital in Uganda, nutzt diese Zeit für eine Fortbildung. Diese wird von Interplast bezahlt, da der Arbeitgeber die Kosten nicht übernimmt. In Murunda in Ruanda hat die Organisation zudem Geld in eine Photovoltaik-Anlage für das Krankenhaus gesteckt.

Angehörige von Verstorbenen dürfen in Ruanda nicht einmal das Haus verlassen, um die Toten zu beerdigen. Deswegen muss das Krankenhaus-Personal die Toten in der Nähe der Klinik beerdigen.
Angehörige von Verstorbenen dürfen in Ruanda nicht einmal das Haus verlassen, um die Toten zu beerdigen. Deswegen muss das Krankenhaus-Personal die Toten in der Nähe der Klinik beerdigen. © Interplast Vreden © Interplast Vreden

Wie hoch die Infektionsrate in den afrikanischen Ländern ist, ist nicht so einfach zu beziffern. Denn belastbare Zahlen, die mit der deutschen Inzidenz vergleichbar sind, gibt es nicht. Corona-Tests sind in einigen Teilen von Ruanda und Uganda inzwischen jedoch an der Tagesordnung. Und auch die Impfungen laufen an.

In Ruanda und Uganda fehlt der Impfstoff

Ruanda gilt sogar als Musterschüler, weil Impfdosen unglaublich schnell verimpft werden. Es gibt zudem ein zentrales Register, in dem zu sehen ist, wer geimpft ist und wer nicht. So etwas gibt es in Deutschland nicht.

Trotzdem liegt die Impfquote in Ruanda gerade einmal bei knapp fünf Prozent. Denn es fehlt Impfstoff. Das Land ist auf Lieferungen der Initiative Covax angewiesen.

„Und gleichzeitig liegen in Deutschland tausende Impfdosen in Arztpraxen, die keiner haben will“, regt sich Arnulf Lehmköster auf. Die Situation in Ruanda und Uganda gehe zudem alle etwas an, macht er deutlich.

„Herdenimmunität bedeutet, dass 85 Prozent der Weltbevölkerung geimpft sein müssen. Weltweit!“ Eine hohe Impfquote in Deutschland nutze nichts, wenn sich in anderen Ländern ungehindert weiter Mutanten bilden, die dann auch nach Deutschland kommen und gegen die die Impfung nicht wirkt.

Wenn die Pandemie es zulässt, reist ein Team von Interplast Vreden im November nach Ruanda. Ein Spendenkonto ist bei der Sparkasse Westmünsterland eingerichtet.

Über die Autorin
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Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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