Kritische Fragen zu Figurtest für Kinder

Diskussion

"Wie zufrieden bist du mit deiner Figur?" Oder: "Du siehst Fotos von schönen, schlanken Stars. Was denkst du?" Fragen, die nicht etwa aus dem Casting-Katalog für die TV-Show "Germany’s next Topmodel" stammen, sondern aus "Medizini", einem kostenlosen Apotheken-Magazin. Für Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren.

VREDEN

, 06.01.2016, 17:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Und genau dafür ernten die Macher der Januar-Ausgabe zurzeit jede Menge Kritik. Von empörten Eltern wie auch von Apothekern. Sie halten den Test für schädlich oder sogar gefährlich. Und auch in Vreden haben sich Apotheker genau wegen des fraglichen "Figurtests" zum Boykott entschlossen. Sprich: Sie geben das aktuelle Blättchen nur ohne sein kritisches Innenleben heraus.

Falsches Medium

So hat Dr. Michael Göring zum Beispiel in seinen beiden Häusern (Marien- und Mühlenapotheke) in Vreden sofort reagiert: "Als ich am Montag im Fernsehen von der Problematik hörte, habe ich entschieden, dass wir ,Medizini’ ab jetzt nur noch ohne Inlay herausgeben." Man habe sogar überlegt, die kritischen Teilseiten aus den rund 150 Heften an den Verlag zurückzuschicken, so Göring. Einen kritischen Kommentar - vielleicht per Mail - werde es aber in jedem Fall geben. Görings Kommentar zum Test: "Das geht gar nicht!"

Sein Argument: "Die Intention, für ein gesundes Körperbewusstsein zu sorgen, ist ja gar nicht so verkehrt, nur das Medium ist das falsche." Für die Aufarbeitung des Themas sieht der Apotheker stattdessen Schule und Elternhaus als richtige Adressaten der Kinder. Erst durch unsere Zeitung hat Paul-Winfried Kröger (Hirsch-Apotheke) von der aktuellen Kritik erfahren und ebenfalls sofort Handlungsbedarf gesehen.

Für "mehr als unglücklich" und "völlig fehl am Platze" hält er es, dass das Thema "Figur" und "Körpergefühl" auf diesem Weg auch schon an ganz junge Kinder herangetragen wird. Kröger weiß nämlich um die Attraktivität von "Medizini", das verschiedenen Altersgruppen zugänglich gemacht wird: "Viele Kinder fragen selbst nach, oder die Eltern nehmen es mit, von den rund 100 Exemplaren ist am Ende des Monats jedenfalls keines mehr da."

Trotz der heftigen Kritik verteidigt die Redaktion des Verlags von Wort&Bild den Test. Auf der Homepage nimmt sie dazu Stellung. Dort heißt es wörtlich: "Die Medizini-Redaktion ist der Meinung, dass sich Kindergartenkinder oder Schulanfänger am besten noch gar nicht mit der eigenen Figur beschäftigen sollten. Die Medizini-Redaktion ist aber überzeugt, dass die Themen Aussehen, Figur und Schönheitsideal spätestens am Übergang zu den weiterführenden Schulen ein Thema sind." Genau da solle der Beitrag Teenager sensibilisieren, damit sie und ihre Eltern rechtzeitig darauf hingewiesen werden, dass sie sich möglicherweise zu sehr mit ihrem Aussehen beschäftigen, heißt es weiter. Dieses Angebot halte die Medizini-Redaktion für richtig.

Interview Schulpsychologe Michael Sylla

Zur aktuellen Kritik rund um das Januar-Heft von „Medizini“ sprachen wir mit Michael Sylla, Diplom-Psychologe und Leiter des Schulpsychologischen Dienstes des Kreises Borken.

Herr Sylla, viele Apotheken geben die aktuelle Ausgabe von „Medizini“ nur noch ohne den kritisierten Figurtest an die Kinder ab. Wie finden Sie diese Entscheidung?

Das halte ich für absolut richtig.

Warum? Was stört Sie, den Psychologen, an dem Test?

Das sind eigentlich mehrere Dinge. Da werden zum Beispiel Kinder mit einem Thema konfrontiert, das eigentlich aus der Zeit der Pubertät oder der Welt der Erwachsenen stammt. In der von Medizini angesprochenen Altersgruppe und deren Entwicklungsstufen von fünf bis zwölf Jahren sind Figur und Selbstwahrnehmung jedenfalls natürlicherweise kein Thema. Es wird erst von außen an sie herangetragen.

Was ist denn so schlimm daran?

Der Test suggeriert, dass er Qualität besitzt, das ist Unfug!

Das ist eine heftige Kritik, woran machen Sie die fest?

Ein Beispiel: Wenn die Kinder ankreuzen, dass das Thema als gar nicht so wichtig wahrgenommen wird, heißt es in der Auswertung, dass das eine „lässige“ Einstellung“ sei. Kein Problem wird also so erst zum Problem. Das kann durchaus zu paradoxen Effekten führen und die Kinder fangen plötzlich an, sich zu beobachten, sich zu vergleichen.

Gibt es noch Punkte, die Sie stören?

Grundsätzlich frage ich mich: Woher nehmen die eigentlich den Auftrag, besitzen sie überhaupt irgendeine Art von Fachkompetenz für diese Art von Aufklärung?

Was raten Sie Eltern, deren Kinder schon im Besitz des Tests sind?

Von sich aus sollten die Eltern das Thema gar nicht anschneiden und es nur aufgreifen, wenn die Kinder von sich aus auf sie zukommen. Dann sollten sie mit kindgerechten Fragen (Was interessiert dich?) einsteigen.

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