Lebenswerk von Otto Andreas Schreiber differenziert betrachten

"Korrigieren ohne leugnen"

Kunst liegt immer im Auge des Betrachters. Besonders schwer wird die Rezension, wenn es sich um Kunst handelt, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstanden ist. Eigentlich gibt es bei derlei Kunst nur zwei Arten der kunsthistorischen Bewertung: Entweder wird sie als "Nazi"-Kunst oder als "entartet" bezeichnet. In der Regel gibt es bei der Rezension Schwarz oder Weiß, Täter oder Opfer - ein Grau dazwischen scheint es nicht zu geben, nicht möglich zu sein. Der Maler Otto Andreas Schreiber, der in den Jahren von 1946 bis 1954 mit seiner Familie in Vreden lebte und arbeitete, ist einer der Künstler, an dem sich die Geister der Kunstkritik scheiden

VREDEN

23.04.2016, 05:09 Uhr / Lesedauer: 4 min

Seine Rolle als Kunstpublizist und Kulturfunktionär während des Dritten Reiches überschattet sein künstlerisches Schaffen bis heute. Während ihn die einen für sein Engagement und Eintreten für "unerwünschte", moderne Kunst loben, sehen ihn die anderen als nationalsozialistischen Aktivisten und Karrieristen. Attestiert ihm der bekannte Expressionist und Mitbegründer der "Brücke", Karl Schmidt-Rottluff, im Jahre 1946 " (...) daß er von Anfang an gegen die Kunstauffassung des vergangenen Regimes Stellung genommen hat. So lange es möglich war (...)", kam der Vredener Hans Terhechte in seinen "Biographischen Anmerkungen zu Otto Andreas Schreiber" (Chronik: Vreden nach 1150 Jahren, 1989) zu einem anderen Schluss: "Alles, was Schreiber nach dem Krieg über sein Wirken in der NS-Diktatur gesagt hat, ist nur halbwahr geglättet, beschönigt und letzten Endes falsch (...)". Doch was entspricht nun der Wahrheit?

Schreibers Aktivitäten im Bereich der Kunstpolitik des Dritten Reiches sind Fakt, aber die Frage nach seiner Motivation scheint noch unzureichend beantwortet. Bei einem Besuch von Mathias Schreiber, dem jüngsten Sohn Otto Andreas Schreibers, am vergangenen Wochenende in Vreden, versuchte Denise Perrevort-Elkemann, Mitarbeitern der Münsterland Zeitung, in einem Gespräch Licht in das Dunkel der Geschichte zu bringen.

Guten Tag, Herr Schreiber! Was führt Sie nach Vreden?

Mein Vater ist bereits im Jahre 1978 gestorben, aber erst in diesem Jahr wurde von Konrad Donhuijsen und Rosemarie Donhuijsen-Ant ein Buch über sein Lebenswerk herausgegeben und ein Exemplar davon möchten wir heute Hubert Krandick vom Vredener Stadtarchiv übergeben.

Weil Sie mit Ihrer Familie hier einige Zeit gelebt haben?

Ja, nach der Ausbombung und Evakuierung in Berlin sind wir nach Vreden gekommen und haben dort in Große Mast in einer alten Kate bei Bauer Ehlers gewohnt. Mein Vater hat als Maler gearbeitet und später auch als Kunsterzieher.

Was verbinden Sie mit Vreden?

Kindheitserinnerungen. Ich weiß noch, wie auf den Schienen hinter unserer Kate der Pengel-Anton vorbeigefahren ist und habe noch das Klingeln der Glocke im Ohr, die die Bahn ankündigte. (Nach einer kleinen Pause fährt er mit einem Lächeln fort:) Besonders freut mich, dass ich heute hier in Vreden im alten und neuen Rathaus mir unbekannte Werke meines Vaters sehen konnte, insgesamt sieben Gemälde und die Graffitto-Arbeiten im Alten Rathaus - allein dafür hat sich die Reise gelohnt.

Aber das ist nicht der einzige Grund Ihres Besuchs?

Nein. Wie Sie vielleicht wissen, ist die Rezension des Werkes meines Vaters ziemlich unterschiedlich und seine kunstpolitischen Tätigkeiten in der NS-Zeit viel diskutiert. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte hier keine Tatsachen beschönigen. Was stimmt, soll nicht geleugnet werden, aber uns war es wichtig zu hinterfragen, ob die politische Verstrickung - ohne Zweifel der Lebensirrtum meines Vaters - sein gesamtes Werk wertlos macht? Unser Anliegen ist: Korrigieren, ohne etwas zu leugnen!

Was muss in Ihren Augen korrigiert werden?

Die Unterstellung, mein Vater sei ein Handlanger Hitlers und Karrierist gewesen. Fakt ist: Mein Vater war Mitglied der NSDAP, Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, Schriftleiter der Zeitschrift Kunst der Nation und arbeitete für die Organisation Kraft durch Freude. Aber Fakt ist auch, dass er dies nicht tat, weil er Antisemit war, sondern weil er die Nazis als das geringere Übel als die Kommunisten sah und hoffte, unter den Nazis den Expressionismus etablieren zu können.

War das nicht ein Pakt mit dem Teufel?

Natürlich, aber das war ihm so nicht bewusst. Sein Anliegen war es, die Expressionisten als Kunst des neuen Deutschland zu etablieren, womit er eindeutig gegen die Kulturpolitik Alfred Rosenbergs eintrat. Er organisierte zum Beispiel 1933 die Ausstellung "30 deutsche Künstler", in der auch einige spätere entartete Künstler zu sehen waren, zudem 2500 Fabrikausstellungen und zeigte unter anderem Kunst, die als "Verfallskunst" galt.

Hatte das Konsequenzen für Ihren Vater?

Er hatte durch diese Aktivitäten cirka zwei Drittel der Nazis gegen sich, wurde als "Kulturbolschewist" und "kultureller Otto Strasser" bezeichnet, er wurde aus dem Nationalsozialistischen Studentenbund ausgeschlossen, die Zeitung "Kunst der Nation", bei der er als Schriftleiter tätig war, wurde verboten, eines seiner Bilder wurde selbst als "entartet" gebrandmarkt. Was übrigens auch nicht unterschätzt werden darf: Er hat die Künstler auch anderweitig unterstützt. Viele Künstler hatten ein Arbeitsverbot und konnten sich nicht mehr offiziell gute Künstlerfarben kaufen. Mein Vater hat dann zum Beispiel für Emil Nolde, mit dem er befreundet war, 1942 die Farben gekauft, mit dem er den Zyklus "Ungemalte Bilder" schuf.

Hat Ihr Vater mit Ihnen über diese Zeit gesprochen?

Ich habe immer wieder gebohrt und gefragt, warum er als gläubiger Christ nicht spätestens nach den Pogromen 1938 mit den Nazis brach. Vater war kein Antisemit, war aber das, was man einen Heimtatverbundenen nannte und nutzte den Unsinn und Ungeist der Zeit, um den Expressionismus bei den Nazis anzupreisen.

Was soll das Buch klarstellen?

Dass mein Vater ein ganzes Lebenswerk als Maler und Schriftsteller vorzuweisen hat, das nun, soweit möglich, zusammengefasst wurde. Alles ist dokumentiert, alle Fakten und Unschönheiten, und nun ist es an der Zeit, dass auch mal das Werk angeschaut wird. Mein Vater hat jeden Tag gemalt und er hat es geschafft uns - meine Mutter, meiner beiden Brüder und mich -, davon zu ernähren. Und er hat keine völkische Kunst gemalt, wie ein Blick in den Katalog zeigt.

Was wäre Ihr Wunsch?

Dass differenziert geschaut wird und nicht nur gefragt wird: "Warst Du in der Partei oder nicht?", sondern auch "Was hast Du gemacht?"

 

Herausgeber hat sich selbst ein Bild gemacht

Buch-Herausgeber Konrad Donhuijsen ist über seine Eltern mit dem Werk Schreibers in Berührung gekommen. "Sie besaßen mehrere Bilder von ihm, unter anderem Portraits meiner Eltern", so  Donhuijsen. Ob ihn die Beurteilung „Nazi-Kunst“ nicht abgeschreckt habe? "Ich stamme aus der 1968er-Generation und wir haben natürlich alles, was den Stempel „Nazi“ trug, verurteilt. Aber ich habe mir dann selbst ein Bild gemacht, und das, was ich gesehen habe, hatte nichts mit „völkischer Kunst“ zu tun", antwortet er. Er habe eine Neubeurteilung von Schreibers Kunst und die Darlegung der Fakten gewollt, ohne die eine realistische Beurteilung nicht möglich ist. "Und diese zeigt nun: Die Bilder sind gut, das können wir jetzt beweisen", ist der Herausgeber des Buches überzeugt. 

Vitae

  • Mathias Schreiber promovierte 1969 mit einer literaturtheoretischen Arbeit über „Die unvorstellbare Kunst“. Als Journalist arbeitete er auch für die FAZ (1982-1991) und den Spiegel (1991-2009); mehrere Buch-Publikationen.
  • Konrad Donhuijsen, Medizinstudium 1965-1970, Staatsexamen und Promotion, Professor für Pathologie am Klinikum Braunschweig von 1991-2013. Seitdem Studium Kunstwissenschaft und Geschichte.  
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