Rinderseuche: 276 Tiere von einem Landwirt in Lünten mussten getötet werden

mlzHerpes-Virus

Auf drei Höfen in Lünten, Graes und Gronau-Epe wurde das Herpesvirus BHV1 nachgewiesen. Für einen Landwirt in Lünten bedeutete es den Verlust von 276 Tieren.

Vreden

, 14.02.2019, 18:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Routinekontrolle in Rinderbeständen brachte es ans Licht. Nach einer Pause von 15 Monaten ist im Kreis Borken wieder die Rinderseuche BHV1 (Bovine Herpesvirus 1) ausgebrochen. Während in Graes und Epe nur 16 und vier Tiere getötet werden mussten, traf es einen Landwirt in Lünten besonders hart.

Da mehr als 70 Prozent des Bestands betroffen waren, musste der Hof komplett geräumt werden. „Die Zuchtarbeit der vergangenen 30 Jahre wurde komplett vernichtet“, sagt der Landwirt, der namentlich nicht genannt werden will, auf Anfrage der Münsterland Zeitung.

100 weitere Bestände werden geprüft

Nach dieser Entdeckung prüft der Kreis Borken weitere 100 Bestände. „Zwei Drittel sind bereits überprüft“, erläutert Kreisveterinär Dr. Albert Groeneveld auf Anfrage, „bislang ohne weitere Fälle.“

Krankheitszeichen hatten die Tiere in keinem der drei Bestände. Wie bei Menschen, die Herpes haben, tragen die Tiere das Virus in sich, ausbrechen muss es nicht unbedingt. Entdeckt wurde es bei den regelmäßigen Tankmilchkontrollen. Da die Tiere nicht erkrankt waren, konnten sie zum Schlachter gebracht werden. Das geht aber nicht bei tragenden Kühen, die nicht geschlachtet werden dürfen. Auch diese gab es auf dem Lüntener Hof. „Sie wurden auf dem Hof euthanasiert“, sagte Albert Groeneveld. Sie wurden also eingeschläfert.

Ursache ist noch ungeklärt

Wie das Virus auf den Hof gelangt ist, ist noch ungeklärt. Dass der Klauenpfleger das Virus eingeschleppt haben soll, wie es einige Landwirte der Region vermuten, kann der Kreis Borken nicht bestätigen.

Sicher ist, dass es oft persönliche Kontakte sind, die für eine Übertragung sorgen. Tierärzte, Viehhändler, Besamungstechniker oder Klauenpfleger fahren von einem Hof zum anderen. Hier beginnt auch die Arbeit des Kreisveterinäramts, das nach der Entdeckung auf den drei Höfen alle Kontakte prüft. Dafür wurde auch ein Radius von einem Kilometer um die Höfe gezogen. Das ergab 100 zu prüfende Betriebe mit Rinder- oder Milchviehhaltung.

Trotz Versicherungen, dem Verkaufspreis für die geschlachteten Tiere und Zahlungen aus der Tierseuchenkasse – der wirtschaftliche Schaden ist groß. Für die Landwirte hängt jahrelange Arbeit an der Herde. „Man verfolgt über Jahrzehnte eine Zuchtphilosophie und baut seine Herde langsam auf“, sagt Ludger Rolfes, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Alstätte, der selbst 100 Rinder im Stall hat. Und der Lüntener Ortslandwirt Bernd Esseling sagt: „Man hängt an den Tieren, verbessert seine Herde Jahr für Jahr, ist mit Herzblut dabei.“

„Wenn der Stall plötzlich leer ist“

„Wir wissen aus der Vergangenheit von betroffenen Betriebsleitern oder -familien, wie sehr es sie trifft, die eigene Herde gehen zu lassen, dass plötzlich der Stall leer ist“, sagt auch Stephan Wolfert, Pressesprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaft-Kreisverbands. „Neben dem wirtschaftlichen Druck kommt auch der emotionale Druck dazu.“ Wichtig ist Wolfert, dass für die Bevölkerung keine Gefährdung besteht. Das Rinderherpesvirus ist nicht auf Menschen übertragbar.

Für Menschen ist das Virus also ungefährlich. Landwirte in unserer grenznahen Region sprechen deshalb am Donnerstag gegenüber der Münsterland Zeitung auch von einer „politischen Krankheit“. „Man will Deutschland BHV1-frei haben“, sagt Rolfes. Bernd Esseling, Ortslandwirt in Lünten, sagt es ganz deutlich: „Hier werden die Tiere gekeult und in Holland passiert nichts.“

Zuletzt waren Ende 2017 mehrere Höfe in Stadtlohn von der Rinderseuche betroffen. Der neue Fall hat in diesen Tagen auch die Frage nach Hygienestandards aufgeworfen. Während man in einen Schweinestall heute nicht mehr ohne einen kompletten Schutzanzug kommt, ist der Zugang zu Ställen mit Milchkühen, Bullen oder Rindern nicht streng geregelt. Es gibt lediglich Richtlinien, die allgemein gehalten sind. Und auch bei den betroffenen Höfen eingehalten wurden.

Wechsel von Stiefeln und Stallkleidung hilft

„Viehhändler kommen bei mir gar nicht erst in den Stall“, sagt Ludger Rolfes. „Die tragen an den Stiefeln den Mist von anderen Höfen mit.“ Er selbst wird Spinde in seinem Betrieb einrichten, in denen Stallkleidung beispielsweise für den Veterinär aufbewahrt wird. Auch Bernd Esseling regt an, über eine Hygieneschleuse nachzudenken.

Für Kreisveterinär Albert Groeneveld sind die Richtlinien zu allgemein. So ist es beispielsweise nicht vorgeschrieben, dass Klauenpfleger aus den Niederlanden, deren Arbeit auch hier sehr geschätzt wird, eine eigene Ausrüstung in Deutschland haben müssen. In Holland sind erst 70 Prozent aller Bestände BHV1-frei. Der Kreis Borken schreibt deshalb in einer Mitteilung: „Milchviehhalter sollten zugekaufte Tiere immer untersuchen lassen und beispielsweise bei Dienstleistern (Personen / Fahrzeuge) insbesondere aus EU-Nachbarländern ohne Sanierungsverfahren auf geeignete Hygienemaßnahmen achten.“

Seit 2017 offiziell BHV1-frei

Zum Hintergrund: In Deutschland wurde schon vor Jahrzehnten damit begonnen, den Virus aus den Ställen zu verbannen. Dafür wurde lange Zeit auch mit Impfungen gearbeitet. Waren vor 10, 15 Jahren 70 Prozent der Bestände BHV1-frei, wurde 2017 in Deutschland nach Entfernung aller entdeckten Reagenten ein jahrzehntelanges Tilgungsprogramm abgeschlossen. Seitdem gilt Deutschland als frei von BHV1. „Dieses hohe Gut wollen wir nicht verlieren“, sagt Albert Groeneveld . Deshalb gebe es seit 2017 die Tötungsverordnung.

In den Niederlanden, wo der Begriff IBR (Infektiöse Bovine Rhinotracheitis) üblich ist, wird ein ähnliches Sanierungsverfahren erst seit April 2018 betrieben. Hier wird derzeit mit Impfungen gearbeitet. Groeneveld: „Sie sind auf einem Stand wie wir vor 15 Jahren.“

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