Die alten Bunker am Lüntener Munitionsdepot sind teilweise ziemlich zugewachsen. Dieser hier ist der einzige, der sich öffnen lässt. © Victoria Garwer
Bundeswehr

Mit Video: Einblicke in Bunker und Hallen des alten Munitionsdepots

Das Munitionslager Lünten ist ein Stück Dorfgeschichte, das kaum jemand wirklich kennt. Denn das Gelände ist nicht öffentlich zugänglich. Wir durften einen Blick hinter Zaun und Stahltüren werfen.

Die Vögel zwitschern, unter den Füßen knacken die Zweige und der Wind weht raschelnd einige Blätter über den Boden. Die Sonne scheint zwischen den Ästen hindurch und reflektiert auf den sumpfigen Wasserflächen. Plötzlich durchbricht ein lautes Rasseln die idyllische Ruhe. Revierförster Horst Böke zieht an einer langen Kette, eine schwere Stahltür gleitet auf.

Revierförster Horst Böke zieht an einer Kette, um die schwere Stahltür des Bunkers zu öffnen.
Revierförster Horst Böke zieht an einer Kette, um die schwere Stahltür des Bunkers zu öffnen. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

„Das ist relativ unspektakulär ein großer Bunker von innen“, sagt er und lacht. Seine Worte sind doppelt zu hören, sie hallen in dem großen, leeren Raum nach. Der Bunker ist Teil des ehemaligen Munitionsdepots in Lünten. Früher wurden hier Raketen instand gesetzt und Munition gelagert, inzwischen ist die komplette Fläche Teil des nationalen Naturerbes. Sie ist nicht öffentlich zugänglich, doch die Redaktion hat eine exklusive Führung bekommen.

Bundeswehr hat dem Förster strenge Vorschriften gemacht

Nur einer der 77 Bunker auf der 132 Hektar großen Fläche ist offen. Die restlichen hat die Bundeswehr verschlossen, als sie das Munitionsdepot 2009 endgültig verlassen hat.

Sieben Meter breit und 24 Meter lang ist die Halle, das zeigen Markierungen an den Wänden. „Die wurden so konstruiert, dass im Falle einer Explosion das Dach aufbricht und nicht die Wände, damit die benachbarten Bunker nicht beschädigt werden“, sagt Horst Böke.

So sieht einer der Bunker von innen aus. Eigentlich nur eine große leere Halle.
So sieht einer der Bunker von innen aus. Eigentlich nur eine große leere Halle. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Ein altes Schild gibt an, wie viel Explosivstoffmasse hier gelagert werden durfte: Je nach Gefahrenklasse zwischen 70.000 und 250.000 Kilogramm. Gesehen hat Horst Böke diese Munition nie. Er ist zwar schon seit 1998 der zuständige Förster, aber die Bundeswehr hat auch ihm strenge Vorschriften gemacht. „Ich durfte den Gefahrenbereich nur nach Anmeldung und mit Sonderausweis betreten.“

Immer wieder Ärger mit Vandalismus

Auch die Halle zur Munitionsinstandsetzung hat er erst nach dem Abzug der Bundeswehr von innen gesehen. Der Weg zur Tür ist inzwischen zugewachsen, kleine Kiefern haben sich hier breit gemacht. Der Notausgang lässt sich gar nicht mehr öffnen.

Die Tür zur Munitionsinstandsetzungshalle ist inzwischen ziemlich zugewachsen.
Die Tür zur Munitionsinstandsetzungshalle ist inzwischen ziemlich zugewachsen. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Über ein großes Tor wurden hier früher die Raketen angeliefert. Mit Fließbändern konnten sie von einem Zwischenraum in den nächsten transportiert werden. Was genau hier passiert ist, weiß Horst Böke nicht. „Das war immer streng geheim“, sagt er. Die Maschinen und Werkzeuge sind längst nicht mehr da, Stahlträger an den Wänden sind die einzigen Überbleibsel.

Hier wurden früher Raketen und Munition auseinander genommen und instand gesetzt.
Hier wurden früher Raketen und Munition auseinander genommen und instand gesetzt. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

„Der Müll war letztens auch noch nicht da“, sagt Horst Böke und zeigt auf eine Ecke voller Plastikflaschen und Verpackungsmüll. Immer wieder schneiden Unbekannte den Zaun auf und brechen in die Gebäude ein. Auch Kabeldiebe waren schon mehrfach am Werk. Inzwischen haben die Verantwortlichen aufgehört, die Schäden notdürftig zu reparieren. Denn in letzter Zeit häufen sich diese Vorfälle.

Überall liegen Scherben und Müll. Verkokelte Papierreste deuten darauf hin, dass hier jemand ein Feuer gemacht hat. Dabei ist der Zutritt streng verboten, aus Sicherheitsgründen. Die Verletzungsgefahr ist hier unübersehbar. Scharfe Kanten, offene Schächte im Boden, lose Kabel.

Außerdem sollen die Tiere hier eigentlich ihre Ruhe haben. Dafür setzt sich die DBU Naturerbe als Besitzerin der Fläche ein. Mit Erfolg. In einem alten Kasten für einen Feuerlöscher ist ein Nest zu sehen. „Zuletzt haben hier häufiger Eulen gebrütet“, sagt Horst Böke. In dem leeren Bunker haben Falter ein neues Zuhause gefunden und die alte Kantine war lange ein Brutplatz für Schwalben, bevor der Eingang von Pflanzen so überwuchert wurde, dass nicht einmal mehr Vögel einen Weg hinein fanden.

Straßennamen und durchnummerierte Bunker

Mit dem Auto geht es quer über das Gelände, das wie eine kleine Stadt wirkt. Es gibt Straßenschilder, Wegweiser, Straßennamen und die Bunker sind nummeriert. Die Wege zwischen den einzelnen Stationen der Führung wären zu Fuß eindeutig zu lang. Insgesamt 113 Gebäude stehen hier: Bunker, Wachhäuser, Kantine, Bürogebäude, Feuerwache, Lagerhallen. Einige dieser Verwaltungsgebäude nutzen heute die Polizei für Übungen und die Stadt Vreden als Lagerhallen.

Horst Böke war schon als Revierförster zuständig, als die Bundeswehr das Munitionsdepot noch betrieben hat.
Horst Böke war schon als Revierförster zuständig, als die Bundeswehr das Munitionsdepot noch betrieben hat. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Doch ein Großteil der Fläche ist Wald, nämlich genau 116 der 132 Hektar. „Das war auch schon früher so, da ging es vor allem um die Tarnung“, erklärt Horst Böke. Schließlich sollten die Feinde nicht wissen, wo genau das Munitionsdepot ist. Das ist auch der Grund, warum von der Straße aus nur ein relativ kleines Tor zu sehen ist.

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Ein Blick ins Munitionsdepot

Seine Arbeit als Förster war zu dieser aktiven Zeit jedoch eine andere als heute. „Ein ganz großes Thema war Brandschutz. Es durfte kein Totholz im Wald bleiben“, erklärt er. Außerdem musste er die Schutzwälle und Wege immer frei halten.

Wald soll sich naturnah entwickeln

Heute wächst hier alles ganz wild. Die Fläche soll auch weiterhin der Natur gehören, aber einige Eingriffe sind wohl doch nötig. Denn vor Jahren wurden die ursprünglich mal feuchten Laub- und Sumpfwälder mit Gräben durchzogen und Kiefern wurden gepflanzt.

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Historische Fotos aus dem Munitionsdepot

Die DBU Naturerbe hat das dauerhafte Ziel, dass sich die Natur hier wieder zu ihrer ursprünglichen Form zurück entwickelt. Heißt: „Es soll möglichst das wachsen, was standortheimisch ist“, sagt Michelle Liedtke von der DBU-Pressestelle. Laubbäume sollen zurückkehren und Wasserflächen sollen sich wieder bilden. An einigen Stellen hat die Natur das schon ganz alleine hinbekommen. Damit das flächendeckend so wird, soll bald ein konkreter Naturentwicklungsplan entwickelt werden.

Die Natur soll sich die Fläche zurückerobern. An einigen Stellen bilden sich schon Wasserflächen. Das ist ein Schritt zurück zum ursprünglichen Sumpfwald.
Die Natur soll sich die Fläche zurückerobern. An einigen Stellen bilden sich schon Wasserflächen. Das ist ein Schritt zurück zum ursprünglichen Sumpfwald. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Die alten Gebäude werden aber wohl stehen bleiben. Ein Abriss der atombombensicheren Bunker und der Hallen mitsamt der unterirdischen Bunker wäre schlicht viel zu teuer. Das Grundstück bleibt bis auf Weitere verschlossen, Interessierte können nach der Corona-Pandemie aber eine Führung bei Horst Böke buchen.

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Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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