Carl-Otto und Marianne Rademacher schließen das Geschäft Mümken in der Vredener Innenstadt -wegen der Corona-Pandemie ein paar Jahre früher als eigentlich geplant. © Anne Winter-Weckenbrock
Einzelhandel in Vreden

Mümken in Vreden schließt: Corona nahm am Ende die Lust zum Weitermachen

Nach gut 120 Jahren ist Schluss mit Schlüsseln, Schrauben und Schüsseln: Das Geschäft Mümken wird schließen. Marianne und Carl-Otto Rademacher nennen verschiedene Gründe. Corona ist nur einer.

Der Name Mümken ist mit der Wüllener Straße in Vreden eng verbunden. Mehr als 120 Jahre war Mümken eine Adresse für vieles rund um den Haushalt. Ein klassischer Fachhändler. Jetzt werden Marianne und Carl-Otto Rademacher das Geschäft schließen, der Räumungsverkauf läuft seit einer Woche. Das Ehepaar dreht den Schlüssel der Ladentür ohne Bitterkeit um. Die beiden Vredener finden aber klare Worte um zu erklären, was sie dazu bewogen hat.

Der Räumungsverkauf bei Mümken läuft mitten in der Corona-Pandemie. Pünktlich zum geplanten Start ließ das Land NRW wieder zu, dass Kunden in den Laden dürfen – nach Anmeldung und in festen Zeitfenstern. „Click and meet“: „Das ist ganz entspannt, wir sind froh über die Möglichkeit“, zieht Carl-Otto Rademacher eine Zwischenbilanz.

Auch das Hotel Mümken war in der Wüllener Straße zu finden im früheren Jahrhundert.
Auch das Hotel Mümken war in der Wüllener Straße zu finden im früheren Jahrhundert. © privat © privat

Aber natürlich haben die Corona-Pandemie und die Lockdowns eine Rolle gespielt bei der Entscheidung des Ehepaars, jetzt – und nicht wie eigentlich geplant 2023 – das Geschäft zu schließen. „Corona hat uns die Lust genommen“, fasst Carl-Otto Rademacher zusammen. In dieser Woche erreicht der Vredener das Rentenalter. Nach dem Räumungsverkauf werden die Rademachers Zeit haben für andere Dinge. „Wir haben sechs Enkelkinder“, sagt Marianne Rademacher schmunzelnd. Langeweile fürchten beide nicht.

Das Geschäft hat viel Wandel erlebt

Beide sind gelöst, von Wehmut keine Spur. Zu lange haben sie sich schon mit dem Gedanken beschäftigt. Das Geschäft hat viel Wandel erlebt, hat immer auf Anforderungen reagiert, Sortimente dazu genommen und wieder aus dem Programm. „Schon vor 20 Jahren“, sagt Carl-Otto Rademacher, hätte er seinen drei Kindern nicht empfohlen, das Geschäft zu übernehmen. Er ist froh, dass sie beruflich andere Wege eingeschlagen haben und dort glücklich geworden seien.

Mitte der 1990er-Jahre erweiterte Mümken sein Sortiment um das „Spielzeugland
Mitte der 1990er-Jahre erweiterte Mümken sein Sortiment um das „Spielzeugland“. © privat © privat

Das Ehepaar sieht keine gute Perspektive für den Fachhandel, „das ist mit dem Internet immer schlimmer geworden“, sagt Carl-Otto Rademacher. Ein Beispiel für den Wandel: Die Spielwaren. Mitte der 1990er-Jahre wurde Mümken auch zum „Spielzeugland“. Erfolgreich zunächst. Aber dann fingen die Kunden der Generation Internet an, mit dem Handy im Laden zu fotografieren und zu scannen. „Ich überlege es mir noch“ – dieses Satz hat das Mümken-Team oft gehört und die Kunden nicht wiedergesehen, die dann online bestellt haben.

„Der Fachhandel wird für den Beratungsklau genutzt“

„Der Fachhandel wird für den Beratungsklau genutzt“, sagt der Vredener aus Erfahrung. Ob Spielzeug oder Bratpfanne: Erklärt wird im Fachhandel, und zu oft per Mausklick woanders gekauft. „Handel ist Wandel“, stellt Carl-Otto Rademacher fest. Das Kaufverhalten der Kunden ändert sich. Das wissen die Rademachers und haben es über Jahrzehnte beherzigt. Das Sortiment wurde erweitert oder bereinigt. Garten- und Freizeitmöbel wurden lange angeboten, 2006 aber ein Schlussstrich gezogen, 2014 dasselbe für Spielzeug.

Mit Humor in den Räumungsverkauf zu Corona-Zeiten: Ein hölzerner Flamingo vor der Ladentür trägt einen Mund-Schnabel-Schutz.
Mit Humor in den Räumungsverkauf zu Corona-Zeiten: Ein hölzerner Flamingo vor der Ladentür trägt einen Mund-Schnabel-Schutz. © Anne Winter-Weckenbrock © Anne Winter-Weckenbrock

Die Ladenfläche des großen Geschäftshauses wurde nach und nach verkleinert, der Eingang zur Wüllener Straße irgendwann aufgegeben. Vom Domhof aus geht es seither in das Geschäft, das neben Glas, Porzellan, Keramik, Geschenkartikel und hochwertige Haushaltswaren vor allem auch eine Adresse für Werkzeug und Maschinenzubehör ist.

Der Blick vom Domhof aus auf das Geschäftshaus Mümken. Zuletzt wurde Einzelhandel nur noch im Erdgeschoss betrieben, oben sind in den vergangenen Jahren Wohnungen entstanden.
Der Blick vom Domhof aus auf das Geschäftshaus Mümken. Zuletzt wurde Einzelhandel nur noch im Erdgeschoss betrieben, oben sind in den vergangenen Jahren Wohnungen entstanden. © privat © privat

Eine wichtige Abteilung und seither Carl-Otto Rademachers Herzensangelegenheit sind der Schlüsseldienst und die mechanische und elektronische Schließanlagentechnik, auch Tür-Notöffnungen zählten dazu. Carl-Otto Rademacher ist sehr froh, dass er für diesen Bereich eine Nachfolgeregelung und „einen guten Partner“ gefunden hat: Bei Plewa in Vreden wird diese Abteilung weitergeführt, dort steht er zu Beginn auch als „Coach“ zur Verfügung.

Corona nahm am Ende die Lust zum Weitermachen

Zu dem „Wandel im Handel“ kam dann Corona dazu. „Wir wollen uns nicht drüber aufregen“, sagt Marianne Rademacher. „Aber wir sind natürlich betroffen und andere Einzelhändler ebenso“. Der Fachhandel muss schließen, der Discounter darf munter Bratpfannen verkaufen, das verstehe, wer will, meinen die Rademachers. Das Geschäft Mümken sei dafür bekannt gewesen, Qualität im Angebot zu haben, zu beraten. „Ich habe gerne im Geschäft gestanden, Kontakt zu Kunden gehabt“, blickt Marianne Rademacher auf ihr Berufsleben zurück.

Nun, in „Click and meet“-Zeiten, schaffen Marianne und Carl-Otto Rademacher das Geschäft alleine. Die zuletzt beschäftigten Mitarbeiter, in Hochzeiten der 90er-Jahre waren es um die 20, sind alle anderweitig untergekommen. „Wir hatten immer viele langjährige Mitarbeiter“, betont Marianne Rademacher. Und: Über 100 junge Menschen wurden als Groß- und Einzelhandels- oder Bürokaufleute ausgebildet. „Schon unter meinen Eltern war Mümken immer ein Ausbildungsbetrieb“. Sie und ihr Mann waren überdies im IHK-Prüfungsausschuss tätig.

Wilhelm Mümken senior - der Firmengründer, verlegte das Geschäft vom Wüllener Tor an ein eigenes Haus an der Wüllener Straße 8 – bis heute Teil der Ladenfläche.
Wilhelm Mümken senior – der Firmengründer, verlegte das Geschäft vom Wüllener Tor an ein eigenes Haus an der Wüllener Straße 8 – bis heute Teil der Ladenfläche. © privat © privat

Schon seit den 1850er-Jahren betrieb die Familie Mümken am Wüllener Tor eine Gastwirtschaft und Gemischtwarenhandlung, Hausrat, Nägel und ähnliches waren dort auch zu bekommen. Als eigentliches Gründungsdatum für ihr Geschäft sieht Familie Mümken aber 1898 an. Wilhelm Mümken gründete das Geschäft auf dem elterlichen Anwesen, um die Jahrhundertwende aber zog er um an die Wüllener Straße 8. Der Firmengründer starb früh im Jahr 1922, der aus Südlohn stammende Ignaz Busert heiratete die Witwe Änne und stieg in die Firma ein. „Mümken-Busert“ ist bei den älteren Vredenern noch ein gängiger Begriff.

Nach der Bombardierung ein weiterer Neubau

1927 wurde neu gebaut, der Schwerpunkt lag neben dem Eisenhandel im Bereich des Großhandels: Überregional wurden Schreinereien und Schlossereien von Mümken beliefert. Nach der Bombardierung der Innenstadt 1945 musste wieder neu gebaut werden, das Hauptgeschäft war vergleichsweise wenig beschädigt worden, aber für Hausrat und Porzellan gab es ein neues Gebäude, das 1952 an der Ecke Wüllener/Wessendorfer Straße fertiggestellt wurde.

Das Geschäft Mümken in der Wüllener Straße vor vielen Jahrzehnten
Das Geschäft Mümken in der Wüllener Straße vor vielen Jahrzehnten © privat © privat

Wilhelm Mümken junior und seine Frau Maria lenkten ab den 1950er-Jahren die Geschicke der Firma. In diese Zeit fiel ein weiterer Neubau. War Wilhelm Mümken senior auf gut 100 Quadratmetern angefangen, verfügte Mümken 1984 über eine Geschäftsfläche von 1400 Quadratmetern. Ein Jahr später traten Carl-Otto Rademacher und Marianne, die Enkelin des Firmengründers, in den Betrieb ein.

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Anne Winter-Weckenbrock

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