Nach dem Brexit ist vor dem Brexit – Vredener Unternehmen zwischen Hoffen und Bangen

mlzEU-Austritt

Es ist vollbracht. Das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland ist offiziell nicht mehr Mitglied der EU. Für einige Vredener Unternehmen geht das Zittern aber weiter.

Vreden

, 31.01.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Über den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs wurde viel gestritten. Teils hitzig, teils unterhalb der Gürtellinie. Doch Mittwochnacht, kurz nachdem das EU-Parlament mit knapper Mehrheit den „Brexit“ formal besiegelte, war von der Wut, die diese Diskussion dreieinhalb Jahre geprägt hatte, nichts mehr zu spüren. Die Parlamentarier nahmen sich an die Hand, stimmten gemeinsam das Lied „Auld Lang Syne“ an, das sonst zum Jahreswechsel in Gedenken an die Verstorbenen gesungen wird. Tränen flossen.

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Weit rationaler verfolgten viele Unternehmer die Abstimmung. Denn für sie stand und steht viel auf dem Spiel. Auch in Vreden gibt es „Global Player“, die den britischen Markt fest im Blick haben. Die Kemper GmbH, Technologieführer im Bereich der Schweißrauchabsaugung, hat im englischen Wellingborough sogar eine Zweigstelle. „Großbritannien gehört für uns zu den wichtigsten Märkten“, erklärt Geschäftsführer Björn Kemper. Beleg: „Kemper UK“ verbuchte 2019 einen Rekordumsatz, der insbesondere mit der Verschärfung des englischen Arbeitsschutzgesetzes zusammenhängt.

Kemper beschäftigt sich intensiv mit der Brexit-Thematik

Deshalb habe man sich seit der Bekanntgabe des britischen EU-Austritts im Juni 2016 intensiv mit der Thematik beschäftigt. „Wir entwerfen unterschiedliche Szenarien und bereiten uns auf die veränderten Bedingungen infolge des Austritts vor. Dabei fassen wir sämtliche Aspekte ins Auge – von strategischen Fragen bis hin zur Produktlagerung“, so Björn Kemper. Die aktuelle Lage sei weiterhin geprägt von zahlreichen Unklarheiten, die man in den kommenden Monaten ausräumen müsse. „Deshalb ist es schwierig, konkrete Maßnahmen daraus abzuleiten“, erklärt der Geschäftsführer.

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Statt zu klagen, versucht Björn Kemper im Brexit auch etwas Positives zu sehen: „Wir sehen im EU-Austritt eine gewisse Chancen für die lokale britische Produktionswirtschaft und somit auch für unsere Produkte. Wenn in Großbritannien zukünftig mehr produziert und geschweißt wird, dann steigt in metallverarbeitenden Betrieben der Bedarf nach Arbeitsschutz und Luftreinhaltung.“

Schmitz Cargobull bedauert den EU-Austritt

Bei Schmitz Cargobull, führender Hersteller von Sattelaufliegern mit Standort in Vreden, ist man zunächst einmal froh, dass der befürchtete No-Deal-Brexit zumindest vorerst abgewendet werden konnte. Dennoch bedauert man den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs und hofft darauf, dass die nun anstehenden Verhandlungen zwischen der EU und UK ein positives Ende finden.

„Als international tätiges Unternehmen weiß man die Errungenschaften der EU (...) zu schätzen. In der Transportbranche sind die Logistikketten eng verwoben und ein Wegfall des freien Warenverkehrs wirkt sich nicht nur in Großbritannien selbst massiv aus, sondern betrifft auch alle Unternehmen in Ländern, die enge Handelsbeziehungen unterhalten, wie Irland, die BeNeLux-Länder, Skandinavien und auch Deutschland“, erklärt Pressesprecherin Anna Stuhlmeier auf Anfrage der Redaktion.

Brexit-Verhandlungen ziehen sich wie Kaugummi

Dass die Brexit-Verhandlungen sich ziehen wie Kaugummi, ist auch für den Sattelauflieger-Produzenten ein großes Problem, erklärt Anna Stuhlmeier: „Unsicherheiten im wirtschaftlichen Umfeld schlagen sich immer in Zurückhaltung – zum Beispiel bei Investitionen – nieder, etwas das wir ganz klar auch in den letzten 3,5 Jahren im Rahmen der Brexit-Diskussion gesehen haben.“ Umso positiver sei zu bewerten, dass für Schmitz Cargobull der britische Markt im Jahr 2019 annähernd stabil geblieben ist. „Die Nachfrage ist sogar leicht gestiegen“, so die Pressesprecherin.

Ein wichtiger Faktor ist dabei die Kursentwicklung des britischen Pfunds. „Fällt das Pfund, werden importierte Produkte in Großbritannien teurer, was sich auch auf die Nachfrage auswirkt.“ Nun ist Geduld gefragt, denn obwohl der Brexit formal vollzogen wurde, beginnt nun die heiße Phase der Verhandlungen. Die Übergangszeit läuft bis zum 31. Dezember dieses Jahres. Wenn bis dahin keine Einigung erzielt wird, kann es immer noch zum No-Deal-Brexit kommen. Mit weitreichenden Konsequenzen, auch für Vredener Unternehmer.

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