Nachbarn auf Zeit

Schausteller in Vreden

Jordan Marschall streckt lachend den Kopf aus der Tür des kleinen roten Häuschens. Sein Bruder Jakob schaut von der Veranda, während Jannis Schwering und sein Freund Michel Wensker davor die Stellung halten. Kinder im Spiel miteinander – ein Alltagsbild. Aber nicht in dieser Konstellation.

VREDEN

, 05.09.2014, 17:51 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der zehnjährige Jannis freute sich riesig als, Familie Marschall wieder anrollte. Die Kinder kennen sich wie die Erwachsenen schon seit Jahren. Die Jungs spielen gemeinsam im Garten hinter dem Haus, bauen mit Lego, hüpfen auf dem Trampolin, lassen sich einfach etwas Lustiges einfallen – all die kleinen und großen Abenteuer, die Kinder in diesem Alter miteinander erleben. Jens Schwering ist gebürtiger Vredener. Von Kindesbeinen an ist ihm die Zeit im Jahreslauf vertraut, in der sich die Straße vor seiner Haustür in einen regelrechten Campingplatz verwandelt. Die Wagen der Schausteller reihen sich dort auch in diesen Tagen aneinander, die Namen sind in Vreden schon seit vielen Jahren bekannt: Heitmann, Mocke, Kracke, McConaghy, Höhle, Becker und viele, viele mehr.

Am Donnerstagnachmittag herrscht dort die Ruhe vor dem Sturm. Im Sommerwind baumeln ein paar gewaschene Handtücher. Wer den Aufbau seines Geschäfts abgeschlossen hat, nutzt die Zeit, um durchzuatmen, bevor am Samstag der Trubel beginnt. Jakob und Jordan drücken in diesen Tagen morgens die Schulbank in Vreden. Und nachmittags bleibt viel Zeit zum Spielen – mit Altersgenossen, die sich auf sie gefreut haben. Die offene Atmosphäre in Vreden, das warmherzige Willkommen für die Kirmesleute – diese Aufnahme erleben sie längst nicht überall. „Da gibt es schon große Unterschiede“, sagt Philipp Heitmann. Der zweite Vorsitzende des Schaustellerverbands Münsterland kennt die Stadt seit einer gefühlten Ewigkeit. „Die Vredener lieben die Kirmes, hier sind wir gern gesehen“, sagt er.

Sein Kollege Erich Kracke sieht es ähnlich: „Es ist schön, wenn man hier hinkommt und das spürt.“ Seit drei Jahrzehnten lässt er sich die Teilnahem an dem Volksfest in der Widukindstadt nicht entgehen. „Meine Kinder haben früher auch immer mit den Vredener Nachbarskindern gespielt“, erinnert er sich gut an die familiäre Atmosphäre. In den Anfangsjahren bekamen die Schausteller sogar Strom und Wasser von den Anliegern: „Dafür gab es im Gegenzug Fahrchips.“ Heute versorgen eigene Anschlüsse die Schausteller – geblieben ist das unverkrampfte Miteinander. Jakob und Jordan denken in ihrem Alter über solche Fragen noch nicht weiter nach – sie genießen einfach die Herzlichkeit, die ihnen Vredener Kinder wie Jannis und Michel gerade entgegenbringen. Und eine spannende Zeit ist es für die beiden Vredener Jungs sowieso – vielleicht sogar die schönste im ganzen Jahr: Wenn sich die vielen Karussells drehen, die bunten Lampen aufleuchten und die verzerrten Stimmen aus den Lautsprechern auffordern: „Jetzt noch schnell zusteigen, wieder eine tolle Fahrt“ – Kirmes in Vreden.

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