Neun Vredener Ärzte wollen als Notarzt fahren, doch die Zukunft soll im Telenotarzt liegen

mlzNotarzt-Standort

Der Notarzt per Videoschalte soll die Zukunft sein, sagt die Björn-Steiger-Stiftung. Bis es so weit ist, wollen neun Ärzte aus Vreden als Notarzt fahren. Ob das klappt, ist noch offen.

Vreden

, 31.10.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach ihrem eingehenden Appell an Vredener Politiker, Kreisverwaltung und die Geschäftsführer des Klinikums Westmünsterland von Mittwochabend lässt Mechthild Windmeier die Sorge um den Notarzt-Standort Vreden auch am Donnerstag noch nicht los.

Da ist die Vredener Ärztin gerade noch dabei, die Ärzteliste für den Kreis Borken zu vervollständigen. Sechs Ärzte, die bisher schon Notarzt fahren, und drei niedergelassene Ärzte, die früher gefahren sind, wollen sich – wie berichtet –zukünftig für den Notarzt-Einsatz in Vreden engagieren. Die Liste wollte sie noch am Donnerstag zum Kreis faxen.

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„Wir haben Ressourcen in Vreden, die sollten wir ausschöpfen“, erklärt sie. Wie lange dieses System tragen würde, mag sie im Moment nicht abschätzen. Auch weil zwei Kollegen bereits älter seien.

Gesundheitspolitik muss langfristige Lösung auf die Beine stellen

Für sie ist eins klar: „Auf Dauer muss Nachschub an Ärzten her, sonst können wir das System – auch der niedergelassenen Ärzte – nicht aufrecht erhalten“, sagt Mechthild Windmeier. Da müsse sich die Gesundheitspolitik etwas einfallen lassen. So lange sucht sie nach Alternativen. „Wir müssen es aber ganz einfach versuchen, dafür ist das Thema zu wichtig“, sagt sie.

Sie selbst sei überrascht gewesen, dass so viele Ärzte Interesse hätten, sich an einem Notarzt-System in Vreden zu beteiligen. „Keine Frage, scharf ist da niemand drauf“, sagt sie trocken. Vom Kreis seien die Ärzte vorab allerdings nicht gefragt worden. Erst am 9. Oktober hätten sie bei einer Informationsveranstaltung mit dem Kreis von den geplanten Änderungen erfahren.

Natürlich sei das auch mit einigen Fortbildungen verbunden. Jene Ärzte, die schon länger nicht mehr als Notarzt gefahren seien, müssten auch die entsprechenden Fortbildungen oder Auffrischungen noch durchlaufen.

Doppelbelastung wird Ärzte vor Probleme stellen

Auch die Doppelbelastung werde die Ärzte vor Probleme stellen. „Die Praxen sind voll“, sagt sie. Wenn ein Arzt dann zu einem Notfall gerufen werde, käme es natürlich zu längeren Wartezeiten. „Aber da müssen wir dann ganz einfach auf das Verständnis der Patienten setzen“, erklärt sie.

„Sobald uns die Angaben über die Ärzte und die von ihnen angebotenen Notarzt-Kapazitäten vorliegen, werden wir darauf aufbauend versuchen, eine Lösung zu erarbeiten“, sichert Dr. Elisabeth Schwenzow, Dezernentin des Kreises Borken am Donnerstagmorgen zu. Dafür werde der Kreis auch sofort Kontakt mit den Krankenkassen als Kostenträgern aufnehmen. Denn natürlich müsse so ein System auch von den zuständigen Kostenträgern mitgetragen werden.

Der Kreis bleibt dabei, dass sich auf Nachfrage unter den Ärzten keine Interessenten für ein Notarzt-System in Vreden gemeldet hätten.

Björn-Steiger-Stiftung sieht die Zukunft im Telenotarzt

Ulrich Schreiner ist Geschäftsführer für den Bereich Rettungsdienst bei der Björn-Steiger-Stiftung. Die Stiftung engagiert sich seit 1969 bundesweit für die Verbesserung des Rettungsdienstes.

Er sieht die Anrückzeiten eines Notarztes aus Stadtlohn oder Ahaus nach Vreden kritisch. Gleichzeitig stellt er aber auch in Frage, wann die niedergelassenen Ärzte ihre letzten Notfälle gesehen haben.

In seinen Augen ist das Telenotarzt-System der richtige Weg in die Zukunft: Per Videoübertragung schaltet sich ein Notarzt aus der Ferne zum Einsatzort zu, kann die Vitalzeichen eines Patienten kontrollieren und Anweisungen geben.

Flächendeckendes Mobilfunknetz ist Voraussetzung für Telenotarzt

Vorraussetzung dafür ist natürlich ein flächendeckendes Mobilfunknetz. „Das sollte aber machbar sein“, erklärt er. Ein ähnliches System sei gerade im Raum Greifswald aufgebaut worden. „Ein ähnlich ländlicher Raum wie der Kreis Borken“, sagt er.

Einen klaren Unterschied sieht er im Vergleich zu den Niederlanden. Dort gibt es überhaupt keine Notärzte, die zu Notfällen ausrücken. Das komplette Rettungssystem beruht auf den sogenannten Paramedics, die vergleichbare Qualifikationen wie die Notfallsanitäter haben.

„Dort ist aber das komplette System national und einheitlich geregelt“, erklärt er. Die Niederländer seien auf diesem Gebiet deutlich strukturierter unterwegs. „In Deutschland unterschieden sich die Methoden und Kompetenzen von Dienstbereich zu Dienstbereich“, sagt er. Schon einzelne Landkreise seien nicht miteinander vergleichbar.

Notarzt-Versorgung ist nur ein Teil des Problems

Die aktuelle Frage der Notarzt-Versorung ist auch für ihn nur die Spitze des Eisbergs. „Die Wege werden immer länger“, sagt er. Krankenhäuser in der Fläche schließen oder werden zusammengelegt. Dadurch würden auch die Notärzte immer weniger, weil immer weniger Assistenzärzte entsprechend ausgebildet würden.

„Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu zwei Systemen entwickeln: Immer höher spezialisierte Ballungsräume und ein ausgeblutetes Land in der Fläche“, sagt er. Sein Vorschlag wäre die Kopplung des Engagements der niedergelassenen Ärzte mit dem Telenotarzt-System.

Am 26. November will der Kreis Borken bei einer Bürgerinformation in Vreden den aktuellen Stand der Dinge mitteilen. Die Veranstaltung ist im Gymnasium Georgianum geplant.

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