Nicht alle Vögel fliegen nach Süden

Zug-Verspätung

Beim Blick in den graublauen Himmel mag vielen Spaziergängern nicht entgangen sein, dass große Gruppen von Gänsen noch in Formationen am Himmel zu sehen sind. Haben die Tiere den Anschluss verpasst, oder ist es ihnen doch zu kalt geworden?

VREDEN

von Lena Bottner

, 06.01.2016, 00:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kraniche sind auch zurzeit noch im Westmünsterland zu sehen – weil der Winter noch mild ist.

Kraniche sind auch zurzeit noch im Westmünsterland zu sehen – weil der Winter noch mild ist.

Dazu gibt es nur Vermutungen. Ein Grund könnte das knapper gewordene Nahrungsangebot sein. Sollten doch noch Schnee und Frost kommen, würde das Futterangebot für die Vögel dann wirklich eng. Es scheint aber noch mehr Gründe zu geben.

"Temperaturunterschiede sind für Vögel nämlich nicht direkt ausschlaggebend", erklärt Dr. Dietmar Ikemeyer, Geschäftsführer der Biologischen Station in Zwillbrock. Auch sei es nicht ungewöhnlich, dass zurzeit noch viele Vogelarten zu beobachten sind, die in harten Wintern in den Süden gezogen wären.

Vögel lassen sich grob in drei Gruppen einteilen, weil sie verschiedene Winterquartiere anstreben: die Standvögel, die Teilzieher und die Fernstreckenzieher. Jährlich sind bestimmte Arten von Zugvögeln noch im November oder Dezember unterwegs in den Süden. Ist der Winter weniger streng, überwintern Teilzieher dort, wo sie auch brüten.

Kiebitz und Co.

Der Kiebitz zum Beispiel reagiert abhängig vom Wetter, ob sich für ihn ein Flug in den Süden lohnt. Wenn Teilzieher wegen der Wetterverhältnisse unter Futterknappheit leiden, ziehen sie auch aus ihrem Brutgebiet in ein wärmeres Winterquartier.

Bei den reinen Zugvögeln sorgt der innere Kompass der Tiere für die Abreise im Herbst. Dabei muss laut Dr. Dietmar Ikemeyer beachtet werden, dass der Vogelzug immer global zu betrachten ist: Während heimische Vögel, wie der Weißstorch, die Rauchschwalbe und die Nachtigall sich auf den Weg nach Afrika oder in andere warme Gebiete machen, überwintern Vögel aus dem Norden auch in Mitteleuropa, häufig auch der Kranich.

Es geht beim Zug der Vögel nicht darum, dass die Tiere wärmere Regionen bevorzugen. Vielmehr müssen die Vögel Futterquellen vorfinden, um den Winter zu überleben. Denn bei Zugvögeln stehen vor allen Dingen Insekten oder auch Würmer und Larven auf dem Speiseplan, die bei Minusgraden schlecht zu finden sind. Der Mauersegler, ein Gebäudebrüter, ist zum Beispiel ein Fernstreckenzieher. Dieser verbringt den Großteil des Jahres außerhalb seines Brutgebiets.

Standhafte Arten

Standvögel können in ihrer Heimat überwintern, da sie ein anderes Nahrungsspektrum als Zugvögel nutzen. Dazu gehören Beeren und Samen. Bei Standvögeln handelt es sich um Vögel, die immer dort überwintern, wo sie im Frühjahr auch brüten. In der hiesigen Region können vor allem Blau- und Kohlmeisen, Eichelhäher und natürlich Tauben beobachtet werden. Bei der Futtersuche können sie durch Streufutter und Meisenknödel unterstützt werden.

"Das jährliche Schwanken des Vogelzugs ist kein außergewöhnliches Phänomen", so Dr. Dietmar Ikemeyer abschließend.

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