Jürgen Rave (Leiter DRK Kreis Borken), Rudi Neck (Notfallsanitäter) und Christoph Gottszky (Leiter Rettungswache Vreden) freuen sich, dass der Telenotarzt in Vreden startet. © Victoria Garwer
Telenotarzt

Notarzt aus der Ferne: Telenotarzt startet im Vredener Rettungswagen

Seit einem Jahr gibt es in Vreden keinen Notarzt mehr. Nun wurde der Rettungswagen mit dem Telenotarzt-System ausgestattet. Hilfe kommt im Notfall per Audio und Video aus Aachen.

Bei medizinischen Notfällen in Vreden kann ab sofort der Telenotarzt dazugeschaltet werden. Der Rettungswagen wurde dafür mit der notwendigen Technik ausgestattet, im März soll ein Fahrzeug in Borken folgen. Der Kreis Borken zählt damit zu den ersten Rettungsdienstträgern in NRW, die den Dienst nutzen. Bei einem Pressetermin in der Vredener Rettungswache wurde das System am Freitag vorgestellt.

Was genau ist ein Telenotarzt?

Der Telenotarzt ist quasi ein Notarzt aus der Ferne. Er ist also nicht physisch vor Ort, sondern sitzt in einer Zentrale der Firma Umlaut in Aachen. Es handelt sich um Ärzte mit langjähriger Erfahrung, die speziell in Kommunikation geschult sind.

Die Sanitäter am Einsatzort können per Knopfdruck mit dem Arzt in Kontakt treten. Sie können mit ihm sprechen, ihm die Daten der Messgeräte übermitteln, Fotos und Videos von Medikamentenlisten oder Verletzungen schicken.

Über der Liege im Rettungswagen hängt eine Kamera, über die der Telenotarzt den Patienten begutachten kann, wenn nötig. „Die ist so hochauflösend, dass der Telenotarzt sogar Veränderungen der Pupillen sehen kann“, sagt Christoph Gottszky, Leiter der Vredener Rettungswache. Der Arzt kann auch einen Drucker im Rettungswagen ansteuern und so den Sanitätern Daten übermitteln.

Im Rettungswagen steht ein kleiner Drucker, den der Telenotarzt von der Zentrale aus ansteuern kann.
Im Rettungswagen steht ein kleiner Drucker, den der Telenotarzt von der Zentrale aus ansteuern kann. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Wofür wird der Telenotarzt gebraucht?

Als Unterstützung für die Notfallsanitäter. „Er ersetzt nicht den physischen Notarzt vor Ort“, macht Hanjo Groetschel, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst, ganz deutlich. Er verweist darauf, dass die Notfallsanitäter sehr gut ausgebildet seien und im Kreis Borken viele Berechtigungen haben. „Aber in speziellen Fällen muss eine Abstimmung mit einem Arzt erfolgen“, sagt er. Das sei gesetzlich so vorgeschrieben.

Christoph Gottszky, Leiter der Rettungswache Vreden, zeigt das Headset, mit dem die Sanitäter mit dem Telenotarzt kommunizieren.
Christoph Gottszky, Leiter der Rettungswache Vreden, zeigt das Headset, mit dem die Sanitäter mit dem Telenotarzt kommunizieren. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Das ist zum Beispiel der Fall, wenn bestimmte Medikamente gegeben werden sollen. „Der Arzt muss dafür aber nicht unbedingt vor Ort sein. Es reicht, wenn die Sanitäter die Daten durchgeben und der Arzt dann telefonisch die Gabe der Medikamente freigibt“, erklärt Hanjo Groetschel. Einige Maßnahmen – zum Beispiel eine Intubation – muss aber immer noch ein Notarzt durchführen.

Wer entscheidet, ob der Telenotarzt oder der normale Notarzt zum Einsatz kommt?

Diese Frage stellt sich laut Hanjo Groetschel nicht. „Die Notrufabfrage ist standardisiert. Die Mitarbeiter der Leitstelle geben die geschilderten Beschwerden ein und das System schlägt die Alarmierung vor“, erklärt er. Das heißt: Wenn das System oder der Mitarbeiter in der Leistelle anhand seiner Erfahrung der Meinung ist, dass ein Notarzt erforderlich ist, fährt weiterhin der Notarzt zum Einsatz.

Wann kommt der Telenotarzt dann zum Einsatz?

„Die Sanitäter vor Ort können damit zum Beispiel die Wartezeit auf den Notarzt überbrücken“, erklärt Bernd Valentin, Geschäftsführer der Aachener Firma Umlaut. Das könnte gerade in den Vredener Außenbereichen wichtig sein. Denn seit einem Jahr kommt der Notarzt ja nicht mehr aus Vreden, sondern aus Ahaus oder Stadtlohn.

Der Vredener Rettungswagen ist der erste im Kreis Borken, der mit der nötigen Technik ausgestattet wurde.
Der Vredener Rettungswagen ist der erste im Kreis Borken, der mit der nötigen Technik ausgestattet wurde. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Oder die Sanitäter können eine Situation vom Telenotarzt überprüfen lassen, wenn sie sich nicht ganz sicher sind oder eine komplizierte Situation vorliegt. „Im Schnitt werden so am Ende mehr Patienten von einem Arzt gesehen, nicht weniger“, sagt Bernd Valentin.

Wie soll das denn funktionieren bei dem schlechten Mobilfunknetz in Vreden?

„Mit einem Netz kommt man nicht weit, das stimmt“, sagt Bernd Valentin. „Deswegen nutzen wir mehrere Netze und bündeln sie.“ Das Gerät im Rettungswagen hat mehrere SIM-Karten verbaut und sucht sich immer die beste Verbindung. Dadurch sei es möglich, flächendeckend zumindest ein Telefonat zu führen und Daten zu übertragen. Videos und Fotos werden wohl nicht immer klappen, aber das sei auch nicht unbedingt notwendig, so der Geschäftsführer.

Vertreter vom Kreis Borken, der Aachener Firma Umlaut und des DRK haben das Telenotarzt-System vorgestellt.
Vertreter vom Kreis Borken, der Aachener Firma Umlaut und des DRK haben das Telenotarzt-System vorgestellt. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Wie viele Telenotärzte sind für Vreden im Einsatz?

Einer. In der Zentrale in Aachen sitzt rund um die Uhr ein Arzt, der sich sowohl um 35 Rettungswagen in Aachen als auch um den in Vreden kümmert. Das sei auch überhaupt kein Problem, sagt Hanjo Groetschel. „Ein Telenotarzt kann mehrere Einsätze gleichzeitig bearbeiten.“ Schließlich sei meist nur eine kurze Kommunikation nötig. „Wenn also ein Verkehrsunfall in Aachen und ein Herzinfarkt in Ellewick gleichzeitig passieren, kann der Telenotarzt trotzdem beiden gerecht werden.“

Wie hoch sind die Kosten und wer übernimmt sie?

Die Investitionskosten liegen laut Heribert Volmering, Fachbereichsleiter Sicherheit und Ordnung beim Kreis Borken, bei 20.000 Euro pro Fahrzeug. Hinzu kommen die Schulungskosten für die Mitarbeiter und laufende Kosten, die in einem Vertrag mit der Firma Umlaut geregelt sind. „Das richtet sich nach der Anzahl der Einsätze“, so Heribert Volmering. Der Vertrag läuft erst einmal zwei Jahre und wurde nach einer Ausschreibung an die Aachener Firma vergeben.

Jürgen Rave (Leiter DRK Kreis Borken), Rudi Neck (Notfallsanitäter) und Christoph Gottskzy (Leiter Rettungswache Vreden) freuen sich, dass der Telenotarzt in Vreden startet.
Jürgen Rave (Leiter DRK Kreis Borken), Rudi Neck (Notfallsanitäter) und Christoph Gottskzy (Leiter Rettungswache Vreden) freuen sich, dass der Telenotarzt in Vreden startet. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

„Die Kosten übernehmen zu 100 Prozent die Krankenkassen“, sagt Elisabeth Schwenzow, Ordnungsdezernentin beim Kreis. Das sei ein Ergebnis aus der Diskussion im Jahr 2019, als der Notarzt-Standort für Vreden gestrichen wurde. Damals haben sich die Krankenkassen geweigert, den Notarzt vor Ort weiter zu bezahlen, weil er nicht notwendig sei. Der Kreis habe daraufhin für den Telenotarzt gekämpft und sich in den Verhandlungen durchgesetzt, so Elisabeth Schwenzow.

Über die Autorin
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Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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