Notarzt Hassan Al-Attar (63) kritisiert geplante Streichung des Notarztes in Vreden scharf

mlzNotarzt-Standort

Eine 22.000-Einwohner-Stadt ohne eigenen Notarzt? Für Dr. Hassan Al-Attar nur schwer vorstellbar. Er ist wütend darüber und will, dass nach einer Alternative gesucht wird.

Vreden

, 16.10.2019, 16:38 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dr. Hassan Al-Attar (63) kann über die geplant Abschaffung der Notarzt-Stelle in Vreden nur den Kopf schütteln. In seinen Augen muss es eine andere Lösung geben. Und zwar dringend. Seine Kritik: Verwaltung und Rat haben nicht rechtzeitig reagiert und die Größe des Problems nicht erkannt.

25 Jahre hat er am Vredener Krankenhaus gearbeitet. War dort zuletzt Chefarzt der Anästhesie, hat das Notarzt-System in Vreden mit aufgebaut und ist dort lange selbst zu Notfällen als Notarzt ausgerückt. 2012 wurde die Chirurgie in Vreden aufgegeben, Al-Attar verließ das Klinikum Westmünsterland.

Notarzt brauchte aus Ahaus zwischen 30 und 60 Minuten bis Vreden

Der heute 63-Jährige erinnert sich noch an die Anfänge des Notarzt-Standortes in Vreden. Zwischen 1989 und 1990 hat er in Vreden Statistiken geführt. Drei Monate lang.

Notarzt Hassan Al-Attar (63) kritisiert geplante Streichung des Notarztes in Vreden scharf

Bisher ist ein Notarzt am St.-Marien-Hospital in Vreden stationiert. Den entsprechenden Vertrag hat das Klinikum Westmünsterland gekündigt. © Maximilian Konrad

Ergebnis: Der Notarzt, der damals noch aus Ahaus nach Vreden ausrückte, brauchte zwischen 30 und 60 Minunten, um an der Einsatzstelle anzukommen. „Wir haben gesagt, dass es so nicht weitergeht und haben für einen Notarzt-Standort in Vreden gekämpft – und gewonnen“, erklärt Hassan Al-Attar.

Entscheidung zwischen Tür und Angel

Klar, heute gibt es Navigationssysteme und Mobilfunk, Adressdaten sind besser gepflegt, die Anfahrten lassen sich um einige Minuten verkürzen. Dennoch: „Jetzt wird einfach so zwischen Tür und Angel alles vom Tisch gewischt, was wir aufgebaut haben und was seit 30 Jahren gut funktioniert hat“, sagt der Mediziner.

Seine Kritik hat eine klare Stoßrichtung: „Der Bürgermeister und der Rat haben nicht richtig reagiert“, sagt er. Für den Notarzt ist klar, dass sich die lokalen Politiker schon Anfang Juli um eine Alternative für die Stadt hätten kümmern müssen.

Information unter dem Punkt „Mitteilungen und Verschiedenes“

Gegenüber unserer Redaktion hatten am vergangenen Sonntag alle Vredener Fraktionen erklärt, dass sie erst durch die Benachrichtigung des Kreises über die Vertragskündigung vom anstehenden Weggang des Notarztes erfahren hatten. Tatsächlich hatte die Verwaltung an Punkt 31 der Tagesordnung in der Ratssitzung vom 2. Juli über die Planungen informiert.

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Dem Klinikum Westmünsterland und dem Kreis Borken macht Dr. Hassan Al-Attar keinen Vorwurf. „Dass das Klinikum einen Vertrag kündigt, ist legitim. Dass der Kreis nicht nach einer Alternative sucht, auch“, erklärt er.

Mitteilung am Ende der Ratssitzung

Dass jedoch weder die Vredener Verwaltung noch die Vredener Politiker nach einer anderen Variante für den Notarzt-Dienst gesucht haben und das Thema als Mitteilung am Ende der Tagesordnung abhandeln, kann er nicht verstehen. Die Stadt habe sich schlicht nicht um ein anderes System bemüht. „Das darf so einfach nicht laufen. Darüber muss diskutiert werden“, so Dr. Hassan Al-Attar.

Das sagt er nicht nur als Notfallmediziner sondern auch als ehemaliges Mitglied des Vredender Stadtrates. In seinen Augen hätte das ganze Thema mindestens auf die Tagesordnung des Sozialausschusses gehört.

Viele Krankenhäuser stellen keinen Notarzt mehr

Dass das Klinikum den Gestellungs-Vertrag gekündigt hat, sei insgesamt auch nichts Besonderes: Viele Krankenhäuser im Ruhrgebiet oder in Niedersachsen hätten entsprechende Verträge gekündigt und würden keinen Notarzt mehr stellen.

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Doch es gebe Alternativen: Agenturen, die Notärzte bundesweit zu verschiedenen Stellen vermitteln. Klar, das kostet. Aber um finanzielle Fragen scheine es in der aktuellen Planung ja nicht zu gehen.

Knapp über 1000 Euro pro Tag und Notarzt

Nur um einmal eine Zahl zu nennen: Die genannte Agentur würde für einen 24-stündigen Notarztdienst in einer Stadt mit rund 22.000 Einwohnern in Westfalen 85 Euro Vermittlungsprovision berechnen. Pro Stunde würde ein Notarzt dann 40 Euro bekommen. Macht – bei ganz überschlägiger Rechnung – 1045 Euro für einen Notarzt am Tag.

Agenturlösung wäre auch für Vreden denkbar

Hassan Al-Attar ist selbst in so einer Vermittlung registriert und übernimmt bundesweit Notarzt-Dienste. Am Dienstag war er in der Nähe von Bremen, noch am Mittwochmittag fährt er in Richtung Solingen. „So etwas wäre auch in Vreden ohne Probleme machbar“, sagt er. Die Planungen werden über Monate verbindlich festgeschrieben.

Lokale Ärzte, angestellte wie niedergelassene, könnten Dienste unter sich aufteilen. Wo im Plan ein Arzt fehlt, wird der über eine Agentur abgedeckt. „Und dann wäre die Agentur in der Haftung auch einen Arzt dorthin zu bekommen“, sagt Al-Attar. Über 5000 Ärzte seien bundesweit in dieser Agentur gemeldet. Das bestätigt die Agentur auf Nachfrage unserer Redaktion. Und es gebe auch noch Mitbewerber.

„Das Münsterland liegt nicht im australischen Outback“

„Es kann einfach nicht sein, dass Vreden als größte Flächengemeinde im Kreis Borken mit über 22.000 Einwohnern, wachsenden Neubaugebieten und jeder Menge Industrie plötzlich ohne Notarzt dasteht. Das ist einfach schierer Wahnsinn“, sagt er. Noch dazu liege Vreden am Rand des Kreises. „Wir sind hier in Deutschland und nicht irgendwo im Outback in Australien“, sagt er. Das dürfe so nicht sein. Auch wenn es nur zwei oder drei Notarzt-Einsätze pro Tag seien.

Notarzt Hassan Al-Attar (63) kritisiert geplante Streichung des Notarztes in Vreden scharf

Ab 1. Januar soll in Vreden kein Notarzt mehr stationiert werden. © dpa

Die ausgeweitete Ausbildung der Rettungskräfte zum Notfallsanitäter befürwortet er ausdrücklich. Doch sie geht ihm nicht weit genug. Auch ein Notfallsanitäter sei eben kein Notarzt.

Notfallsanitäter kann Notarzt nicht ersetzen

Mit ganz praktischen Folgen im Ernstfall: „Auch die Notfallsanitäter dürfen instabile Patienten nicht transportieren“, sagt er. Im Fall eines Schlaganfalls oder Herzinfarktes sei dann zwar binnen kurzer Zeit ein Rettungswagen vor Ort. Bevor der Patient aber ins Krankenhaus gebracht werden könne, müsse erst ein Notarzt vor Ort sein. In den Niederlanden oder der Schweiz sei das anders geregelt, doch bis so eine Regelung auch in Deutschland greife, würden noch Jahre vergehen. „Das ist gesetzlich noch so vorgeschrieben und gar nicht anders möglich“, erklärt Hassan Al-Attar.

Bundesrat sieht Nachbesserungsbedarf beim Einsatz von Notfallsanitätern

Darüber hat Anfang Oktober auch gerade noch das Ärzteblatt berichtet. Demnach sieht der Bundesrat Nachbesserungsbedarf beim Einsatz von Notfallsanitätern. Es soll rechtliche Klarheit geschaffen werden, wenn Notfallsanitäter im Einsatz lebensrettende Maßnahmen durchführen. Kritik kommt von Unfallmedizinern: „Wir sprechen uns gegen die eigenständige Durchführung von inva­siven Maßnahmen durch Notfallsanitäter aus“, sagte Dietmar Pennig, stellver­tretender Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, dem Ärzteblatt.

Notärzte in Ahaus und Stadtlohn kümmern sich um weitere Gebiete

Doch von diesen Fragen abgesehen zeichnet Dr. Hassan Al-Attar noch ein anderes Szenario: Auch Gescher werde notärztlich schon durch Ahaus oder Stadtlohn versorgt. Dazu kommen kleine Gemeinden wie Heek, Legden oder Südlohn. „Wenn die Notärzte in Ahaus oder Stadtlohn schon unterwegs sind, dauert es noch länger, bis jemand nach Vreden kommt. Die kommen dann nämlich aus Gronau, Borken oder sogar Bocholt“, sagt Hassan Al-Attar. Was das für einen Patienten in Not in Vreden bedeute, mag er lieber gar nicht mehr ausrechnen.

Kreis folgt der Planung des Klinikums Westmünsterland

Beim Kreis Borken sind die Alternativen in der Notarzt-Versorgung – etwa die Vermittlung über Agenturen – bekannt. „Wir haben uns da aber erst einmal an die Planungen des Klinikums Westmünsterland gehalten“, sagt Kreis-Pressesprecher Karlheinz Gördes. Ähnliche Situationen, wie sie jetzt für Vreden vorgesehen sind, gebe es beispielsweise auch im süd-östlichen Kreisgebiet. Etwa in Reken.

SPD will Klinikleitung und Kreis nach Vreden einladen

Die SPD-Fraktion hat bei der Stadt Vreden beantragt, die notärztliche Versorgung in Vreden in der nächsten Sitzung des Haupt-, Wirtschafts- und Finanzausschusses am 30. Oktober auf die Tagesordnung zu nehmen. Dazu sollen auch Vertreter des Klinikums Westmünsterland sowie des Kreises Borken eingeladen werden, um in der Sitzung über die Planungen zu berichten, sowie für Fragen der Ausschussmitglieder zur Verfügung zu stehen.
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