Radarblick ins Mittelalter lüftet Geheimnisse unter dem Kirchplatz

mlzHeimatverein Vreden

Mit modernster Georadar-Technik ist der Heimatverein Vreden Geheimnissen aus dem Mittelalter auf der Spur. Die Ergebnisse weisen auf Überreste von Stiftsbauten unter dem Kirchplatz hin.

Vreden

, 30.05.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Bild erinnert an die erste Ultraschallaufnahme eines ungeborenen Kindes. Nicht viel zu erkennen. Aber wahnsinnig aufregend. Für den Heimat- und Altertumsverein Vreden ist es eine Schatzkarte. Guido Leeck, Petra Depenbrock und Sandra Lentfort aus dem Vorstand haben zwei Karten ausgerollt und weisen hier und dort hin. Im vielen Grau sind es die dunklen Stellen, um die es geht. Sie künden von Funden unter dem Boden rings um die beiden Kirchen in Vreden. Auch eine Sensation wäre möglich.

Den Rätseln der Geschichte ist der Heimatverein immer auf der Spur. Aber jetzt hat er auf modernste Technik gesetzt und eine Untersuchung finanziert. Fünf Jahre, so erzählt der Vorsitzende Guido Leeck, haben sie die Idee bereits. „Wir hatten immer das Bewusstsein, da muss etwas sein“, erzählt Leeck und seine Begeisterung ist spürbar. „Ja“, sagt er, „die Euphorie ist groß.“ Das Ergebnis sei besser als erwartet.

Die grau-schwarzen Felder zeigen die Ergebnisse aus einer der Schichten unter der Erde.

Die grau-schwarzen Felder zeigen die Ergebnisse aus einer der Schichten unter der Erde. © Ronny von Wangenheim

Jetzt, mit der Firma Geo-Radar NRW, haben sie den richtigen Partner gefunden, „der mit Herzblut dabei war“. Das Unternehmen aus Heek setzt modernste Radartechnik ein. Zerstörungsfrei können sie so in den Boden hineinschauen. Am 22. April waren Mitarbeiter in Vreden unterwegs und „blickten“ bis zu 2,30 Meter tief in den Boden und das auf 5400 Quadratmetern.

Erst Daten aus der Höhe ermittelt, dann ging es in die Tiefe

Zunächst wurde der Kirchplatz mithilfe einer Drohne aus der Höhe fotografiert, um die Untersuchungsflächen im Bild festzuhalten. Anschließend wurden die Untersuchungsfelder mit einem geländefähigen Fahrzeug oder mit einem dreiräderigen Handwagen befahren, mit denen die Radar-Daten aus der Tiefe gesammelt wurden. Rund um St. Felicitas und St. Georg wurden Aufnahmen gemacht. Ausgespart blieb nur der Platz vor St. Georg, der bereits in der Vergangenheit untersucht wurde.

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„Die Ergebnisse der Ausgrabungen geben Hinweise auf Stiftsbauten in der Nähe der Kirchen, deren Existenz oder Größe bisher nur gemutmaßt werden konnte. Genau an diesen Stellen wollten wir mehr herausfinden, um ein möglichst vollständiges Bild von der Lage der Bauten zu erhalten“,sagt Guido Leeck. Wie die drei Vorstandsmitglieder da auf dem Kirchplatz stehen, spürt man, dass sie am liebsten selbst zum Spaten greifen würden.

Mit dem geländefähigen Fahrzeug, an dem vorne das 1,80 m breite Radar-Array-System montiert ist, untersuchte die Geophysikerin Luisa Kahlert von Geo-Radar NRW die großen Flächen des Vredener Kirchplatzes.

Mit dem geländefähigen Fahrzeug, an dem vorne das 1,80 m breite Radar-Array-System montiert ist, untersuchte die Geophysikerin Luisa Kahlert von Geo-Radar NRW die großen Flächen des Vredener Kirchplatzes. © Christian Gewers

Vor allem der Rasenbereich zwischen den Kirchen interessiert die Vredener Heimatforscher. Hier wurden bauliche Reste der sogenannten „Hohen Schule“ entdeckt, die sich dort im Boden befinden. „Das Gebäude wurde 1858 abgebrochen“, sagt Guido Leeck. Dass noch Reste von Mauern oder sogar Fußböden unter der Erde stecken, wusste man bisher nicht. Auch über das Baujahr und die ursprüngliche Funktion ist nichts bekannt. Sandra Lentfort sagt: „Wir haben nicht damit gerechnet, etwas zu finden, nur gehofft.“

Ein Kreuzgang des Damenstifts, das wäre eine Sensation für Vreden

Guido Leeck verweist auf den Vredener Kaplan und Heimatforscher Friedrich Tenhagen (1854-1940), der 1891 der „Hohen Schule“ an der Ostseite eine offene, auf fünf Bögen ruhende Halle zuschrieb. Im oberen Teil habe sich der Kornspeicher des Stifts befunden. 2003 entwickelte Dr. Lobbedey die These, dass die „Hohe Schule“ der Rest eines mittelalterlichen Kreuzganges gewesen sein könnte. Dazu würden auch die Beobachtungen von Dr. Winkelmann um 1950 passen.

Der Radar-Handwagen, den hier der Geowissenschaftler Yannick Vahlenbock von Geo-Radar NRW bedient, kam an der Stiftskirche zum Einsatz.

Der Radar-Handwagen, den hier der Geowissenschaftler Yannick Vahlenbock von Geo-Radar NRW bedient, kam an der Stiftskirche zum Einsatz. © Christian Gewers

Guido Leeck bleibt vorsichtig. Aber die Idee ist faszinierend: „Wenn nun aufgrund der Georadar-Ergebnisse und weiterer archäologischer Bodenforschungen auf dem Kirchplatz ein bisher völlig unbekannter Kreuzgang des Damenstifts nachgewiesen werden könnte, wäre das für Vreden eine Sensation.“ Auf jeden Fall werfen die Erkenntnisse jetzt neue Fragen auf.

VREDENER HEIMAT-UND ALTERSTUMSVEREIN
  • Der Vredener Heimat-und Alterstumsverein besteht seit 1926. Er zählt rund 730 Familienmitgliedschaften.
  • Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Bücher und Publikationen veröffentlicht.
  • Wer sich für „Vreden im Spiegel der Archäologie interessiert, findet viel Wissenswertes in Band 69 der Beiträge zur Landes- und Volkskunde. Es ist über den Heimatverein erhältlich.

Doch das ist Zukunftsmusik. Der Kirchplatz , der als „archäologische Schatzkammer“ als Bodendenkmal unter Schutz steht, kann nicht einfach so aufgerissen werden. Guido Leeck berichtet, dass alle Ergebnisse der Georadar-Untersuchung an die LWL-Archäologie in Münster weitergeleitet wurden. Vielleicht ist man dort ja so begeistert, dass weitere Untersuchungen möglich werden.

Die nächsten Untersuchungen sind schon in naher Zukunft zu erwarten. Zwar geht es nicht um die „Hohe Schule“. Aber vor den beiden Pfarrhäusern, die demnächst abgerissen werden, zeigen die Bilder von Georadar ebenfalls Mauern. Vielleicht werden dann die archäologischen Untersuchungen, die sowieso auf dem Plan stehen, noch etwas ausgeweitet. „Natürlich kann das Georadar niemals die Grabungsarbeit der Archäologen unmittelbar am Objekt ersetzen“, so Leeck.

Die Karte zeigt den Georadar-Untersuchungsraum der früheren Stiftsimmunität im Jahr 1827.

Die Karte zeigt den Georadar-Untersuchungsraum der früheren Stiftsimmunität im Jahr 1827. © Westfälischer Städteatlas

Andere Entdeckungen der Georadar-Untersuchung bestätigen Bekanntes oder Erwartetes. Auf allen untersuchten Flächen sind in unterschiedlichen Bodentiefen verschiedene Fundamentzüge und Auffälligkeiten erkennbar. Sie decken sich zum Teil mit den Einzelfunden, die der LWL in der Vergangenheit zusammentrug und nun in ein größeres Gesamtbild eingepasst werden können.

Dort wo die Abtei und später das Krankenhaus standen, zeigen die Radarbilder Mauern im Boden. Im Süden der Stiftskirche kann man den Verlauf der alten Stadtmauer erahnen. Und auch hier finden sich viele Fundamente von weiteren Bauten, die dem hochgräflichen Damenstift zuzuordnen sind, das eine 1000-jährige Geschichte hat und bis 1810 bestand. Oberirdisch sind heute nur wenige Zeugnisse erhalten geblieben. „So frei, wie die Kirchen jetzt stehen, ist es nie gewesen“, denkt Leeck sich ins Mittelalter zurück und blickt zufrieden auf das große Bild mit den vielen grauen und schwarzen Stellen. Viele Entdeckungen warten noch.

Die Pfarrhäuser werden demnächst abgerissen, dann könnten neue Erkenntnisse gewonnen werden. Unter der Rasenfläche stecken Fundamente der „Hohen Schule“.

Die Pfarrhäuser werden demnächst abgerissen, dann könnten neue Erkenntnisse gewonnen werden. Unter der Rasenfläche stecken Fundamente der „Hohen Schule“. © Ronny von Wangenheim

Die Untersuchung

  • Winfried Leusbrock, Geschäftsführer von Geo-Radar NRW: „Unser geländefähiger Kubota ist mit einem hydraulischen Frontkraftheber zur Positionierung des 3D-Array-Systems ausgestattet. Beim Messen schwebt das Array-System über den Boden. Dank der Breite des Radarfeldes und der Wendigkeit des Fahrzeugs können so in kürzester Zeit auch große und verwinkelte Flächen untersucht werden.“
  • Kleinere Flächen, besonders diejenigen zwischen St. Felicitas und dem Stadtgraben, mussten mit dem Handwagen abgegangen werden. Das erfolgte in Längs- und in Querrichtung, um ein möglichst präzises Datenbild bis in zwei Meter Tiefe einfangen zu können.
  • „Beim Georadar-Verfahren werden elektromagnetische Impulse im Radarfrequenzbereich in den Boden gesendet. An Grenzflächen wie auch Objekten werden die Signale reflektiert und an der Oberfläche registriert. Die Stärke und Art der Reflexionen lassen Rückschlüsse auf den Untergrund zu. Die Reflexionen im Vredener Boden konnten sehr gut ausgewertet werden. Wir haben nicht gedacht, dass der Kirchplatz so viel historisches Potenzial bietet“, so Leusbrock.
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