Peter (l.) und Georg Wessels werden als Unternehmer des Jahres 2020 ausgezeichnet. © Markus Gehring
Schuhhaus Wessels

Unternehmer des Jahres lösen ein Alltagsproblem von großen Menschen

Georg und Peter Wessels werden als Unternehmer des Jahres 2020 ausgezeichnet. Für die größten Schuhe der Welt sind die Brüder bekannt, doch das Unternehmen lebt von dem Schuhgeschäft in Vreden.

Mit einem PR-Gag hat die große Geschichte von Georg und Peter Wessels angefangen. Heute nennen die beiden ihre eigene Idee naiv und unvernünftig. Aber sie hat den Namen Wessels weltweit bekannt gemacht. Die Münsterland Zeitung und die Sparkasse Westmünsterland zeichnen die Brüder als „Unternehmer des Jahres 2020“ aus.

Wir treffen Georg (68) und Peter Wessels (64) in dem Wohn- und Geschäftshaus an der Neustraße in der Vredener Innenstadt. Der Hauptsitz des Schuhhauses Wessels ist das Gebäude zwar nicht mehr, aber hier liegen die Anfänge der 275-jährigen Unternehmensgeschichte.

„1745 war der erste Wessels nachweislich als Schuhmacher in Vreden tätig. Sein Name war Gerhardus Wessels“, erzählt Georg Wessels. „Man muss sich vorstellen: Damals hat längst nicht jeder Schuhe getragen. Nur die oberen zehn Prozent konnten sich das leisten.“ Ihr Vorfahr war also schon damals seiner Zeit voraus.

Familienunternehmen wird von Generation zu Generation weitergegeben

Die Firma entwickelte sich zu einem florierenden Unternehmen und wurde von Generation zu Generation weitergegeben – damals wie heute ein echtes Familienunternehmen. So war klar, dass auch die Eltern von Georg und Peter Wessels sich einen Nachfolger aus der Familie wünschten.

„Ich wurde immer wie ein Kronprinz behandelt“, erinnert sich Peter Wessels lachend. Denn sein vier Jahre älterer Bruder Georg hatte damals ganz andere Zukunftspläne. Der dritte Bruder war noch zu jung und die Schwester war als Sozialarbeiterin in Vertretung für eine Ordensschwester in Afrika tätig, bevor sie jung starb.

Aber auch Peter Wessels musste seine Eltern enttäuschen. Er hat zwar eine Ausbildung zum Orthopädie-Schuhmacher absolviert, aber das mit dem Verkaufen war nicht sein Ding. „Ich wollte mich auf die Arbeit in der Werkstatt fokussieren und mich rein auf die Orthopädie spezialisieren. Kundengespräche lagen mir einfach nicht. Als ich meinen Eltern das gesagt habe, brach für sie eine Welt zusammen.“

Peter Wessels ist gelernter Orthopädie-Schuhmacher. Kundenberatung im Geschäft ist nicht sein Ding.
Peter Wessels ist gelernter Orthopädie-Schuhmacher. Kundenberatung im Geschäft ist nicht sein Ding. © Markus Gehring © Markus Gehring

Georg Wessels hat zunächst Deutsch und Niederländisch in Twente studiert. Er wollte Lehrer in den Niederlanden werden. „Das war damals noch ganz neu. Ich war einer der ersten Deutschen, die dort studiert haben“, erzählt er.

Doch dann wurde sein Vater krank und er brach das Studium ab. Georg Wessels hat nie eine Ausbildung abgeschlossen, sondern ist gemeinsam mit seinem Bruder in das Familienunternehmen eingestiegen.

„Aus heutiger Sicht war das eine absolute Schnapsidee“

„Aber einfach so weitermachen, das wollte ich nicht. Ich wollte mich unbedingt spezialisieren“, sagt er. Seine Idee: Die Firma Wessels soll nur noch Schuhe in Übergröße anbieten.

Von heute auf morgen nehmen die beiden die normalen Größen aus dem Sortiment und verzichten damit auf 99 Prozent der Kundschaft – bevor neue Kunden da sind. „Damals fanden wir das sehr mutig. Aus heutiger Sicht war das eine absolute Schnapsidee. Das war eigentlich unmöglich“, sagt Georg Wessels. Aber die Eltern waren froh, dass der älteste Sohn überhaupt Interesse zeigte und ließen die Brüder gewähren.

Da standen die beiden nun also, 28 und 24 Jahre alt und nach dem frühen Tod der Eltern plötzlich allein für das Familienunternehmen verantwortlich. „Wir mussten schnell überlegen, wie wir bekannt werden. Uns war sofort klar, dass es nur funktionieren kann, wenn die Kunden aus ganz Deutschland zu uns kommen“, sagt Georg Wessels, der sich immer um den unternehmerischen Part gekümmert hat. Peter Wessels war von Anfang an für das Handwerk zuständig.

In den Geschäft gibt es Schuhe ab Größe 47.
In den Geschäft gibt es Schuhe ab Größe 47. © Markus Gehring © Markus Gehring

Damit er vernünftig arbeiten konnte, musste erst einmal die Werkstatt vergrößert und umgebaut werden. Doch für mehrere Monate schließen, das konnte sich das Unternehmen nicht leisten. „Wir haben dem Hamalandmuseum eine lebendige Ausstellung angeboten und ich habe live im Museum Schuhe hergestellt“, erinnert sich Peter Wessels zurück. So konnte der Schuhmacher weiterarbeiten und die Brüder bekamen zum ersten Mal überregionale Aufmerksamkeit in den Medien.

Die größten Schuhe der Welt bringen den Erfolg

Auch der damalige Leiter des Deutschen Schuhinstituts besuchte die Ausstellung und brachte die Vredener schließlich auf die Idee, die alles verändern würde. Er stellte den Kontakt zur Redaktion des Guinness Buchs der Rekorde her, die jemanden suchten, der Schuhe in Größe 69 herstellen konnte.

„Wir haben uns sofort gemeldet und die Maße organisiert“, erzählt Georg Wessels. Sein Bruder machte sich an die Arbeit und fertigte zum ersten Mal die riesigen Schuhe, die fast einen halben Meter lang sind. Damit schafften es die Vredener 1986 erstmals ins das Buch der Rekorde. Es folgten weitere Aufträge und der Erfolg von Georg und Peter Wessels nahm seinen Lauf.

Inzwischen sind die beiden mit zahlreichen Riesen auf der ganzen Welt befreundet. Sie machen längst nicht mehr nur die Schuhe für die größten Menschen auf dieser Erde. Sie organisieren Treffen zwischen ihnen, suchen Sponsoren, damit Medikamente bezahlt werden können, oder sind Trauzeugen bei Hochzeiten.

Georg und Peter Wessels erleben Abenteuer auf der ganzen Welt

Georg Wessels steht dabei meist im Vordergrund. Er genießt es, vor den Kameras zu sprechen und Interviews zu geben. Peter Wessels ist der Ruhigere von den beiden, der die teilweise verrückten Ideen seiner Bruders aber immer gerne mit ihm umsetzt.

So wurden sie zum Beispiel schon einmal während eines Fluges nach Amerika vom Piloten ins Cockpit gerufen, wurden in Venezuela ausgeraubt oder sind spontan in einer amerikanischen Nachrichtensendung aufgetreten. „Wir haben schon verrückte Dinge erlebt und die ganze Welt bereist. Wir waren zum Beispiel die einzigen Westdeutschen, die im DDR-Fernsehen Werbung machen durften. Das ist auch nicht normal für einen Schuhmacher“, meint Peter Wessels lächelnd.

Georg Wessels (l.) ist für den unternehmerischen Teil zuständig. Sein Bruder Peter Wessels hält sich lieber im Hintergrund und erledigt die Arbeit in der Werkstatt.
Georg Wessels (l.) ist für den unternehmerischen Teil zuständig. Sein Bruder Peter Wessels hält sich lieber im Hintergrund und erledigt die Arbeit in der Werkstatt. © Markus Gehring © Markus Gehring

Die riesigen Schuhe sind es, wofür die beiden weltweit mediale Aufmerksamkeit bekommen. Dafür steht der Name Wessels. Aber damit verdient das Unternehmen nicht sein Geld. Denn die Sonderanfertigungen für die größten Menschen der Welt verschenken die beiden Brüder noch immer.

Schuhgeschäft in Vreden ist die Basis des Unternehmens

Die Basis des Unternehmens mit zehn Mitarbeitern ist das Schuhgeschäft, das im September 2015 in den Neubau an der Ausbachstraße gezogen ist. Dort verkauft Familie Wessels Damenschuhe ab Größe 42,5 und Herrenschuhe ab Größe 47. „Am Anfang mussten wir lange mit den Lieferanten verhandeln, damit wir überhaupt diese Größen bekommen“, erinnert sich Georg Wessels. Die Brüder mussten größere Mengen abnehmen, damit sich das Ganze für die Hersteller auch lohnt.

Das Geld verdient das Unternehmen Wessels im Schuhladen an der Ausbachstraße.
Das Geld verdient das Unternehmen Wessels im Schuhladen an der Ausbachstraße. Dort gibt es Schuhe ab Größe 47. © Markus Gehring © Markus Gehring

Ein großes Risiko, das sich schließlich bezahlt macht. Aus ganz Deutschland kommen Kunden in das Vredener Schuhgeschäft. „Wir liefern ganz bewusst nicht online“, sagt Georg Wessels. „Ich will davon überzeugt sein, dass der Schuh passt. Wenn er nicht passt, verkaufen wir ihn auch nicht. Wir setzen ganz stark auf Beratung.“

Inzwischen hat die neunte Generation das Unternehmen übernommen

Peter Wessels stand nie im Laden. Er hat seine Arbeitstage stattdessen in der Werkstatt verbracht, wo er orthopädische Schuhe und andere orthopädische Arbeiten auf Bestellung gefertigt hat. „Bezahlt werden diese orthopädischen Maßschuhe meist von Krankenkassen oder Berufsgenossenschaften. Wenn die Schuhe fertig sind, muss man damit zum orthopädischen Versorgungsamt fahren und sie abnehmen lassen“, beschreibt der 64-Jährige seine Arbeit.

Die nächste Generation hat das Unternehmen inzwischen übernommen. Adrian (r.) ist der Sohn von Peter Wessels, José (2.v.r.) die Tochter von Georg Wessels.
Die nächste Generation hat das Unternehmen inzwischen übernommen. Adrian (r.) ist der Sohn von Peter Wessels, José (2.v.r.) die Tochter von Georg Wessels. © Markus Gehring © Markus Gehring

Inzwischen übernimmt zum größten Teil sein Sohn Adrian diese Aufgaben. Er ist wie sein Vater, sein Großvater und auch schon sein Urgroßvater Orthopädie-Schuhmachermeister und hat in diesem Jahr zusammen mit Georg Wessels‘ Tochter José das Familienunternehmen übernommen. Wegen der Corona-Pandemie wurde die offizielle Übergabe an die inzwischen neunte Generation noch nicht groß gefeiert.

Natürlich haben die Brüder in all den Jahren auch Rückschläge erlebt. Vor allem Georg Wessels hatte immer wieder Ideen, die nie Realität wurden. Er wollte zum Beispiel die Marienkirche kaufen oder im Industriegebiet eine eigene kleine Schuhfabrik aufmachen.

Die Maschinen dafür hatte er sogar schon gekauft. „Im Nachhinein bin ich ganz froh, dass das nicht geklappt hat. Vermutlich wären wir sonst schon pleite. Aber ohne Ideen und Visionen läuft eben nichts“, sagt der 68-Jährige.

Unternehmer des Jahres

Mitglieder der Jury:

  • Landrat Dr. Kai Zwicker
  • Dr. Heiner Kleinschneider (Wirtschaftsförderungsgesellschaft)
  • Günther Kremer (Kreishandwerkermeister)
  • Sven Wolf (IHK Nord-Westfalen)
  • Wilhelm Bonse-Geuking (ehemaliger „Wirtschaftskapitän“)
  • Wolfgang Niehues und Dieter Wenning (beide Sparkasse Westmünsterland)
  • Berthold Garver-Föcker (Verkaufsleiter Münsterland Zeitung)
  • Bernd Schlusemann (Redaktionsleiter Münsterland Zeitung)
  • Leitung der Jury ohne Stimmrecht: Jürgen Büngeler (Sparkasse Westmünsterland) und Christoph Winck (Verlagsleiter Münsterland Zeitung)

Bisherige Preisträger:

  • 2019: Stefanie Schmickler und Michael Pietsch aus Ahaus (Augen-Zentrum-Nordwest und Unternehmensgruppe Pietsch)
  • 2018: Dieter Bauer aus Südlohn (Bauer GmbH)
  • 2017: Andreas Rosing, Jörg Rewer und Reinhard Laudert aus Vreden (Laudert GmbH und Co KG)
  • 2016: Christian Grotholt und Ludger Gausling aus Heek (2G Energy)
  • 2015: Ludger Wissing aus Südlohn (Pfreundt GmbH)


Die Preisverleihung:

  • Der Festakt für die Unternehmer des Jahres 2019, die Geschwister Dr. Stefanie Schmickler und Dr. Michael Pietsch, musste in 2020 wegen der Corona-Pandemie zweimal abgesagt werden.
  • Im Sommer 2021 werden daher beide Geschwisterpaare, die Unternehmer des Jahres 2019 und des Jahres 2020, gemeinsam auf dem Tobit-Campus ausgezeichnet.
Über die Autorin
Redakteurin
Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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