Besuch aus dem Wahlkreis: Für eine Kunstinstallation hat eine Gruppe aus dem Kreis Borken ihrer Bundestagsabgeordneten Erde aus der Heimat mitgebracht. © Privat
SPD-Bundestagsabgeordnete

Ursula Schulte verlässt Berlin und kehrt ganz nach Vreden zurück

Ursula Schulte saß für die SPD in Rat und Kreistag. Seit 2013 arbeitet die Vredenerin auch als Bundestagsabgeordnete in Berlin. Im August wird sie 69. Zeit für den Ausstieg, sagt sie.

Frau Schulte, wie geht es Ihnen in diesen merk- und denkwürdigen Zeiten in der Hauptstadt? Und warum wollen Sie überhaupt da weg?

Das Leben im politischen Berlin hat sich mit Covid stark verändert: kaum persönliche Kontakte, viele virtuelle Treffen. Es ist ein bisschen einsam.

Es ist eine Altersfrage: Ich bin seit 1984 in der Politik in Vreden engagiert. Ich durfte zwei Legislaturperioden als Bundestagsabgeordnete arbeiten. Jetzt habe ich ein Alter erreicht, wo man nicht mehr unbedingt arbeiten muss. Ich freue mich darauf, wieder Zeit zu haben, das Münsterland und meine Heimatstadt Vreden wieder ausgiebiger genießen zu können.

Wie sieht Ihr aktueller Blick auf die Heimat aus? Auf Ihre Heimatstadt Vreden, Ihren Wahlbezirk?

Der Kreis Borken steht bei den Corona-Zahlen relativ gut da. Das Weitläufige ist hilfreich, wenn es darum geht, Kontakte und Infektionen zu reduzieren. Schade, dass das Impfen nicht so schnell geht, wie gewünscht.

Sie wurden 1980 Parteimitglied, mit 28. Wie kam das im katholischen und schwarzen Münsterland an, dass Sie sich den Roten anschlossen?

Meine Eltern und die Verwandten mussten sich daran erst gewöhnen. Die glauben ja nicht einmal an Gott, bekam ich zu hören. Auch in meinem Heimatort Lünten waren sehr viele Leute CDU-Wähler. Mein Mann hat mich immer unterstützt. Und schlussendlich überwog das Gefühl, es geht ungerecht zu in der Welt. Ich wurde schnell gefragt, ob ich nicht Kommunalpolitik machen möchte. Und ich muss sagen: Einfach mal was für seine Stadt zu tun, das ist richtig klasse.

Wenig Freunde dürften Sie sich auch machen, wenn Sie sich immer wieder für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzen und das in der ländlich geprägten Region des Münsterlandes?

Ich glaube, dass bei den Landwirten ein Umdenken stattgefunden hat. Die SPD und die Landwirte können gute Verbündete sein, wenn es darum geht, bäuerliche Familienbetriebe zu erhalten. Auch in der Landwirtschaft ist es eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Ich will, dass die Landwirtsfamilien, die aktiven Landwirte, gut von ihren Produkten leben können. Regionale Vermarktung ist da eventuell ein Lösungsansatz. Denn so können die Landwirte den Preis selber bestimmen.

Bevor Sie 2013 über die Landesliste in den Bundestag kamen, hatten Sie schon zahlreiche kommunale Gremien durchlaufen, was haben Sie aus diesen Erfahrungen in die „große“ Politik mitgenommen?

Ich habe früh gelernt, dass man auch in der Politik nur in der Gemeinschaft stark ist. Und dass der Kompromiss notwendig ist, auch wenn er unbeliebt geworden ist. Wenn man ans Ziel will, geht das meist nur in Schritten – egal ob in der Kommunalpolitik oder in Berlin.

Was waren die dicksten Bretter, die Sie als Bundestagsabgeordnete bohren mussten?

Im Landwirtschaftsbereich gab es eine ganze Reihe dicker Bretter, insbesondere als es um die Frage der Hofabgabeklausel ging, also um die Übergabe des Hofes an die nächste Generation, war es schwierig. Ich habe mich darüber hinaus sehr gefreut, für Contergan-geschädigte Menschen viel erreicht zu haben. Da haben wir für mehr Absicherung und weniger Bürokratie gesorgt. Das freut mich sehr.

Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass Sie sich in Berlin für die Menschen der Region einsetzen wollen. Außerdem wollten Sie das Leben der einfachen Bürger, der normalen Leute abbilden. Wie weit ist Ihnen das gelungen?

Der Kontakt zu den Menschen im Wahlkreis war zentral. Die Besuche in den Einrichtungen für Pflege, für Menschen mit Behinderungen waren mir besonders wichtig. Die Arbeit pflegender Angehöriger kenne ich aus eigener Erfahrung.

Ich selbst bin als Frau ohne Abitur im Bundestag und stelle fest, dass diese Perspektive selten ist. Menschen wie ich oder zum Beispiel Handwerker haben eine andere Sicht auf notwendige politische Entscheidungen als Akademiker. Im Bundestag fehlen diese Menschen, denn nur sie können diese Bevölkerungsgruppen authentisch vertreten.

Welche Spuren werden Sie in Berlin hinterlassen?

Als einzelne Abgeordnete kann man in Berlin kaum Spuren hinterlassen. Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass Gerechtigkeit für mich eine große Rolle spielt.

Wenn man sich anschaut, dass es bei Schulkindern vorkommt, dass sie ohne Frühstück und Pausenbrot in die Schule kommen. Kinder sind die Leidtragenden in Situationen, für die sie nichts können. Das treibt mich um. Da bin ich froh über die Tafeln. Für die konnten wir auch etwas erreichen.


Haben Sie schon Pläne für ein Leben „danach“? Oder anders gefragt: Ist für Sie ein Leben ohne Politik denkbar?

Erstmal möchte ich gerne mehr Zeit mit meinem Mann verbringen. Darüber hinaus überlege ich, bei der Tafel, im Eine-Welt-Laden oder in einer Bücherei zu arbeiten. Mit der Entscheidung lasse ich mir aber Zeit.

Was die Politik betrifft, müssen jetzt die jungen Leuten müssen ran. Ich fand es immer schrecklich, wenn die älteren Mitglieder meinten, alles besser zu wissen und dies auch noch öffentlich kundtaten. Das werde ich garantiert nicht tun. Für mich heißt Rückzug auch Rückzug.

Was wünschen Sie sich für Ihre Heimat? Und gleich die Frage: Haben Sie dort einen Lieblingsort?

Ich wünsche mir für meine Heimat, dass wir die Pandemie gut überwinden und wir alle unseren Alltag wieder bekommen. Ich bin sehr gerne in Vreden am Berkelsee. Leider sind die Schwäne umgezogen. Das finde ich sehr schade. Die fehlen mir. Alternativ mag ich auch das Witte Venn in Alstätte.

Und ganz zum Schluss noch die Frage: Gesunde Ernährung ist für Sie ein großes Thema. Wie sieht für Sie ein gesundes Frühstück aus?

Ich frühstücke gerne ganz klassisch mit Brötchen oder Vollkornbrot. Dazu trinke ich Tee. Ich versuche den Anteil an Obst bei jeder Mahlzeit zu steigern. Insgesamt muss gesunde Ernährung auch gut schmecken. Essen hat auch etwas mit Genuss zu tun.

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