Fahrschullehrer Franz Niehues hat 15.000 Euro in einen Fahrsimulator investiert. Benutzt wird das Gerät selten. Wir erklären woran das liegt und machen zugleich den Simulatoren-Selbsttest.

Vreden

, 26.02.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

In der Vredener Innenstadt, zwischen Berkel und Marktplatz, in der Wassermühlenstraße 9, steht in einem kleinen, komplett schwarz gestrichenen Hinterzimmer ein technisches Gerät, das auf den ersten Blick wie ein großer Videospiel-Rennsimulator anmutet. Doch auf den zweiten Blick wird klar: Es ist ein so genannter Fahrsimulator des Vogel-Verlages. Diesen hat sich die Fahrschule Niehues 2016 für gut 15.000 Euro angeschafft. Die Krux an der Sache: Kaum einer der Fahrschüler möchte im virtuellen Straßenverkehr seine Runden drehen.

„Zu Beginn war ich von solch einem Simulator total begeistert, deswegen haben wir den ja auch für diese große Summe angeschafft“, berichtet Inhaber Franz Niehues (65). Doch schnell schlägt diese Begeisterung in Frust um. Denn der Fahrsimulator ist kaum in Betrieb. Eine Refinanzierung ist damit in weite Ferne gerückt. „Hier besteht einfach kein Bedarf daran. Die meisten unserer Fahrschüler wollen lieber direkt auf die Piste“, sagt Franz Niehues.

Fragen über Fragen und ein Selbsttest

Doch woran liegt das? Welche Vorteile bringt so ein Simulator überhaupt mit sich? Und: Wo liegen die Grenzen des Ganzen? Fragen, denen wir nachgegangen sind – auch in einem Selbstversuch.

„Die meisten unserer Fahrschüler wollen lieber direkt auf die Piste.“
Franz Niehues

An einem Donnerstagmorgen Anfang des Jahres ist es soweit – meine erste virtuelle Fahrstunde steht an. Zugegeben, ein bisschen nervös bin ich schon. Auf der anderen Seite: Draußen sind die Straßen richtig glatt. Temperaturen unter Null lassen grüßen. Ingo Niehues (31), Sohn von Franz Niehues und passionierter Fahrlehrer, begrüßt mich mit den Worten: „Hereinspaziert, wir können direkt loslegen.“

Anfängerschwierigkeiten im Simulator

Doch leichter gesagt als getan. Als wir im kleinen Hinterzimmer angelangt sind, bittet mich Ingo Niehues, erst einmal im Simulator Platz zu nehmen. Nun gut, denk ich mir, so schwierig wird das schon nicht sein. Fix angeschnallt, Füße auf Kupplung und Bremse und – ja, da geht es schon los. Wo geht denn hier der Motor an? „Den Startknopf links einmal drücken“, sagt Ingo Niehues, nachdem er das Programm an einem separaten Computer gestartet hat. Alles klar, es kann losgehen – oder auch nicht. Denn ich würge den Wagen direkt ab. Das Kupplungsspiel ist sehr gering. „Ganz langsam kommen lassen und sachte mit Gas geben“, rät mir Ingo Niehues. Guter Tipp, jetzt schaffe ich es. Doch so leicht, wie ich mir das vorgestellt habe, ist das Fahren aber nicht.

Warum ein 15.000 Euro-Fahrsimulator kaum genutzt wird, obwohl dieser eine gute Hilfe ist

Wie in einem richtigen Auto gibt es auch im Simulator viele Knöpfe. Hier starte ich gerade den Motor, nachdem ich den Knopf endlich entdeckt hatte. © Markus Gehring

Ich bremse zu stark ab, vergesse den Blinker oder auch den korrekten Schulterblick. Liegt das an meiner Nervosität? So oder so – der virtuelle Fahrlehrer bemerkt jeden meiner Fehler sofort. „Du hast den Schulterblick vergessen“, tönt es aus den Boxen. Die Kamera des Simulators registriert nämlich jede Bewegung von mir. Und schon nach wenigen Minuten habe ich schwitzige Hände. Zeit für eine Pause.

Gutes Training für den realen Straßenverkehr

„Personen, die selbst erst in einem richtigen Auto gefahren sind und dann in den Simulator steigen, fällt das in der Regel schwerer als andersrum“, erklärt Ingo Niehues. Das beruhigt mich ein wenig. Und eines ist mir schon nach wenigen Minuten des Testens klar: Wer in diesem Simulator das Kupplungsspiel meistert und es schafft, die virtuelle Fahrlehrerstimme verstummen zu lassen, der wird danach den Umstieg in den realen Straßenverkehr, in einem richtigen Fahrschulauto, ganz sicher packen. Und vermutlich auch deutlich entspannter an die Sache herangehen.

Und damit wären wir beim Thema Akzeptanz des Simulators, zumindest in Vreden bei der Fahrschule Niehues. „Wir sind hier in einem sehr ländlich geprägten Raum“, führt Ingo Niehues aus, „da ist fast jeder schon mal Trecker gefahren oder hat einen Rollerführerschein. Solchen Fahrschülern brauchen wir nicht mit einem Simulator zu kommen. In Städten oder Ballungsräumen wird das vermutlich anders sein.“

Warum ein 15.000 Euro-Fahrsimulator kaum genutzt wird, obwohl dieser eine gute Hilfe ist

Ingo Niehues hat Gründe ausgemacht, warum der angschaffte Fahrsimulator noch nicht so oft wie erhofft von den Fahrschülern genutzt wird. © Markus Gehring

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Rainer Zeltwanger ist nicht nur Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Fahrschulunternehmen (BDFU), sondern betreibt auch selbst die Academy Fahrschule Drive Mitten in Stuttgart. Er sagt: „Bei uns läuft der Simulator 50 bis 60 Stunden die Woche. Die Nachfrage ist riesig. Der Simulator hat sich längst bezahlt gemacht.“ Seit 2015 setzt der Vorsitzende des BDFU in seiner Fahrschule auf die Simulationstechnik.

„Du hast den Schulterblick vergessen.“
virtueller Fahrlehrer in der Übungsstunde

Die Gründe dafür sind vielfältig. „Im Simulator kann man Fahranfänger die Angst nehmen, Grundlagen schaffen und Gefahrensituationen üben“, sagt Rainer Zeltwanger. Gerade im Großstadtverkehr würden sich viele Anfänger zunächst vom hektischen Straßenverkehr gestresst fühlen. Dinge, die in Vreden natürlich nicht zum Tragen kommen. „Bei uns gibt es außer vielen Kreisverkehren ja fast nichts“, so Ingo Niehues. Darum ginge es in jeder Fahrstunde auch nach Ahaus, schließlich ist dies später auch der Prüfungsort. Aber auch das ist verkehrstechnisch kein Vergleich zu einer Großstadt wie Stuttgart.

Viele Aspekte machen den Simulator lohnenswert

Dass sich ein Simulator, so er denn angenommen wird, auch in Vreden lohnen kann, begründet Rainer Zeltwanger wie folgt: „Man spart durch den Einsatz reale Fahrstunden, schont also die Umwelt in Puncto CO2-Austoß sowie Lärmemission und entlastet den realen Straßenverkehr.“ Zudem sei es möglich, mit dem Simulator gezielt Gefahrensituationen zu trainieren. „Ich bin der Meinung, jeder Fahrschüler sollte während seiner Fahrausbildung wenigstens einmal überholt haben.“ Da sich solch eine Gelegenheit aber nicht immer ergäbe, sei der Simulator dafür ein geeignetes Kompensationsmittel.

Denn: In einem Simulator können ganz unterschiedliche Situationen geübt werden. Insgesamt gibt es sechs unterschiedliche Stunden mit verschiedenen Themenbereichen. Diese sind einzeln anwählbar oder laufen ohne Unterbrechung durch. „Ich kann jemanden auch 45 Minuten üben lassen, am Berg anzufahren“, sagt Ingo Niehues und muss schmunzeln. Mich hat der Seniorchef zum Glück mit solch einer Aufgabe verschont. Und auch was die Anzahl der Fußgänger und Autos betrifft, ist Ingo Niehues gnädig zu mir. Lediglich am Ende meiner insgesamt 30-minütigen Fahrstunde schaltet er mit etwas mehr virtuellen Straßenverkehr hinzu. Und schon das reicht mir vollkommen aus.

Bei all den positiven Aspekten darf aber nicht vergessen werden, dass so ein Simulator auch seine Grenzen hat. „Ein Gefühl für die Fliehkräfte und die Vibrationen bekommt man da natürlich nicht“, erklärt Rainer Zeltwanger. Sprich: Das Einschätzen der Geschwindigkeit am Simulator ist schwierig und nicht vergleichbar mit den realen Gegebenheiten. Das habe auch ich gemerkt. Zwar rauschen die Gegenstände auf den drei Monitoren an mir vorbei, doch ich verschätze mich ein ums andere Mal beim Bremsweg – bei einer Geschwindigkeit von 50km/h.

Simulator liefert keine Erklärungen

Der ADAC weist zudem darauf hin, dass ein Fahrschüler durch den Simulator natürlich kein Gefühl für die realen Maße eines Autos bekämen. Stichwort: Einparken. Ebenso erkläre der Simulator nichts. Auch das kann ich bestätigen. Ich höre zwar oft „du hast das und das vergessen“, aber was daran gefährlich ist oder was ich besser machen kann, das erfahre ich von meinem virtuellen Fahrlehrer nicht. „Natürlich ersetzt ein Simulator keinen echten Fahrlehrer“, sagt Rainer Zeltwanger, „es muss jemand dabei sein und den Fahrschüler über die Schulter schauen.“

Und damit kommen wir zum Thema Personal und Öffnungszeiten. Bei der Fahrschule Niehues sind drei Fahrlehrer und eine Bürokraft im Einsatz. „Ganz so viel Spielraum haben wir da nicht“, weiß Ingo Niehues. Außerdem, so führt er aus, müsse die Fahrschule dann viel längere Öffnungszeiten haben, damit, so es das Interesse gibt, alle Fahrschüler zu ihren virtuellen Fahrstunden kommen. „Wenn man nur abends zwei Stunden für die Theorie geöffnet hat, dann ist das zu wenig.“ Doch: Längere Öffnungszeiten kosten Personalstunden und somit Geld.

„Bei uns ist das ein rein freiwilliges Angebot, das jeder Fahrschüler gegen eine kleine Aufwandsentschädigung nutzen kann.“
Ingo Niehues

„Die Anschaffung eines Simulators, auch mit den daraus resultierenden Folgen wie Öffnungszeiten, ist immer eine unternehmerische Entscheidung, die gut durchkalkuliert sein sollte“, stellt der Vorsitzende des BDFU klar. Und natürlich kommt es auch darauf an, wie man den Fahrsimulator in den Unterricht integriert. „Bei uns ist das ein rein freiwilliges Angebot, das jeder Fahrschüler gegen eine kleine Aufwandsentschädigung nutzen kann“, erklärt Ingo Niehues. Einen genauen Preis will er nicht nennen, aber dieser läge deutlich unter dem einer praktischen Fahrstunde.

Fazit

Unabhängig davon, wie viel nun genau so eine virtuelle Fahrstunde kostet, für mich steht jedenfalls fest: Ein Fahrsimulator ist eine gute und zielgerichtete Ergänzung zu den „normalen“ praktischen Fahrstunden und der Theorie. Gerade, wer zu Beginn etwas nervös oder angespannt ist, wird dies im Simulator abbauen können. Außerdem: Wer das Kupplungsspiel im Simulator meistert, der wird später in einem richtigen Auto keine Mühen haben.

Pro und Contra Fahrsimulator

  • Gezieltes und stressfreies – weil ungefährlich – Heranführen an den realen Straßenverkehr
  • Erstes Gefühl für das Kupplungsspiel und die Lenkung bekommen.
  • Es kann zusätzliche praktische Fahrstunden einsparen (Die Mindeststundenanzahl ist davon ausgenommen).
  • Die Umwelt wird geschont und der Straßenverkehr entlastet.
  • Gefahrensituationen können gezielt und ohne Risiko trainiert werden.
  • Es macht Spaß (aber es ist kein Videospiel!).

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  • Es ersetzt keine reale Fahrstunde.
  • Man bekommt keine Gefühl für die äußeren Maße eines Autos.
  • Vibrationen und Fliehkräfte fehlen, das erschwert das Einschätzen der Geschwindigkeit und des Fahrgefühls.
  • Es werden keine Erklärungen geliefert, lediglich Hinweise.
  • Manche Menschen leiden unter der so genannten „Simulatorenkrankheit“. Dazu zählen unter anderem Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit.
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