Wie man in Vreden und Alstätte dem Tierärztemangel vorbeugt

mlzVeterinärmedizinische Versorgung

Katharina Gerwing hat es mit großen Tieren zu tun. Berührungsängste hat die Tierärztin auch im Kuhstall nicht. In Vreden ist ihr Einsatz auch einer gegen einen Tierärztemangel auf dem Land.

Vreden, Ahaus

, 17.01.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor eineinhalb Jahren hat Katharina Gerwing ihr Veterinärmedizinstudium abgeschlossen und sammelt in der Gemeinschaftspraxis Dr. Hartmut Löttgen und Dr. Thomas Gerwing erste Berufs-Erfahrungen. Als Angestellte. Auch wenn ihre beiden Chefs sich schon jetzt vorstellen könnten, dass sie mal als Partnerin in die Praxis einsteigt, für die 28-Jährige käme das viel zu früh: „Ich bin ja gerade erst mit dem Studium fertig.“

Balanceakt Familie und Beruf

Und dann ist da ja auch noch die Sache mit der Lebensplanung: „Wenn man Familie hat, ist es sicher nicht einfach, die Arbeitszeiten als verantwortliche Tierärztin damit zu vereinbaren.“ Ausschließen will sie aber grundsätzlich nicht, dass sie später mal ihren Angestellten-Status aufgibt.

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Dann wäre sie allerdings landesweit eine Ausnahme. Vielerorts wird nämlich schon Alarm geschlagen, dass sich auf dem Land schon bald ein deutlicher Mangel in der tierärztlichen Versorgung im Großtierbereich auftun wird. Der NRW-Landtag beschäftigte sich Ende des Jahres sogar auf Antrag der Grünen-Fraktion mit dieser Problematik. Und in der Tat gibt es auch vor Ort einen deutlichen Rückgang der Großtierpraxen.

Schwierige Nachfolger-Suche

Von einem akuten Mangel will Dr. Thomas Gerwing (46), Partner von Dr. Hartmut Löttgen (66), nicht sprechen, aber: „Einen Teilhaber zu finden, ist schwierig, viele suchen, die Anzeigen sind voll.“

Warum das so ist? Offenbar liegen die Gründe dafür bereits bei der Zulassung zum Studium. Da spielen die Abiturnoten immer noch die Hauptrolle. Mit dem Effekt, dass 80 bis 90 Prozent der Veterinärmedizin-Studierenden weiblich sind. Ein Bild, das sich anschließend im Berufsleben genau umkehrt: Da sind fast ausschließlich Männer - vor allem im Großtierbereich - aktiv.

Tierärztinnen arbeiten dann vorzugsweise in einer Kleintierpraxis, in der Regel als Angestellte, viele in Teilzeit. Eine Erreichbarkeit rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, Notdienste nachts und am Wochenende, das muss man schon wollen.

Ohne Leidenschaft geht‘s nicht

Dr. Hartmut Löttgen nennt es Leidenschaft, die ihn auch nach dem offiziellen Renteneintrittsalter noch dazu bewegt, weiter zu machen. Vor 28 Jahren hat er in Vreden seine Praxis eröffnet, war lange Zeit Alleinkämpfer. Das wäre heute so nicht mehr zu machen, glaubt er. Zwar ist auch in der Region die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe deutlich gesunken, die Zahl der Tiere aber nicht. Die ist zum Beispiel bei Schweinen sogar gestiegen.

Zwar hätten Landwirte heute auch ein gestiegenes Know-How, übernähmen viele früher tierärztliche Aufgaben sogar selbst. Aber auch der Anspruch an die tierärztliche Versorgung sei gewachsen: „Es ist nach wie vor ein harter Job, und dann kommen auch noch die endlosen Dokumentationen dazu.“

Wie man in Vreden und Alstätte dem Tierärztemangel vorbeugt

Dr. Thomas Gerwing bei der Schutzimpfung eines Kalbes. © Privat

Hartmut Löttgen hat Glück gehabt und mit Thomas Gerwing die Zukunft der Praxis und damit auch die Versorgung vor Ort gesichert. Beide sehen allerdings die Probleme und wünschen sich, dass man bei der Zulassung zum Studium mehr Wert auf die Eignung als auf Noten legt.

Erwartungen und Anforderungen haben sich verändert

Gleichwohl hat Dr. Löttgen als alter Hase aber auch erfahren, dass sich die Ansprüche an den Beruf einfach geändert haben. Stichwort: Work-Life-Balance. Insofern folgt man in der Vredener Praxis, die auch Kleintiere betreut, konventionelle wie naturheilkundliche Methoden einsetzt, dem aktuellen Trend zu größeren Einheiten.

Einen ähnlichen Weg ist auch Dr. Bernhard Woltering (56), Fachtierarzt für Schweine und Vorsitzender der Tierärztekammer, Kreisstelle Borken, gegangen. Mit seiner Praxis in Alstätte schert er sogar aus dem allgemeinen Trend aus: Hier arbeiten drei Tierärztinnen und zwei Tierärzte.

Erreichbarkeit rund um die Uhr

In seinen 30 Jahren als Tierarzt und 22 Jahren Selbstständigkeit habe sich eben viel getan. „Mein erster Assistent war 1998 auch eine Frau, da haben die Bauern allerdings noch große Augen gemacht.“ Arbeitszeiten von 50 bis 60 Stunden pro Wochen, die permanente Erreichbarkeit sieht er auch als Handicap seines Berufsstands.

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Hier wünscht er sich mehr Praxiserfahrung, bevor man sich überhaupt für ein Studium entscheidet und auch eine Korrektur bei den Zulassungsbestimmungen.

Anspruchsvoll und befriedigend

Gleichzeitig betont er aber auch die große Bedeutung, die ein Tierarzt gerade heute hat: „Es geht nicht nur um die Behandlung der Tiere, sondern auch um Vorsorge und Tierschutz, um Gesundheitskonzepte.“ Aktuelles Stichwort: Tierseuchenbekämpfung: „Da steht die afrikanische Schweinepest sozusagen vor der Haustür.“

Dr. Wolterings Resümee: „Es ist ein anspruchsvoller Beruf, aber auch ein sehr befriedigender.“ Nur als einzelner sei das alles wohl kaum zu leisten.

Und so hofft man in Vreden und Alstätte, dass man die richtige Vorsorge getroffen hat, um einen Mangel erst gar nicht auftreten zu lassen.

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