Joachim Löw hört im Sommer als deutscher Nationaltrainer auf. Zu Beginn seiner Karriere trainierte er auch den Werner Kurtulus Öztürk. © dpa
Fußball

Kurtulus Öztürk über seinen Ex-Trainer Joachim Löw: „Ich musste Extra-Training machen“

Nach der EM 2021 wird Joachim Löw als Nationaltrainer aufhören. Der Werner Kurtulus Öztürk hat unter ihm gespielt. Er sagt, was Löw für ein Typ war und für welche Fähigkeit Löw ihn schätzte.

Die Nachricht sorgte am Dienstag (8. März) in Fußball-Deutschland für Aufsehen: Joachim Löw tritt nach der Europameisterschaft im Sommer als Bundestrainer zurück. Einer, der unter ihm trainiert hat, ist der Werner Kurtulus Öztürk.

Um den Schnittpunkt der Spielerkarriere von Öztürk und der Trainerkarriere von Löw zu finden, muss man in beiden Laufbahnen relativ weit an den Anfang zurückgehen.

Wie Löw Trainer von Öztürk in der Türkei wurde

Es ist der Dezember 2000. Ein halbes Jahr vorher war der damals 39-jährige Löw nach nur 18 Spielen als Trainer des Zweitliga-Schlusslichts Karlsruher SC zurückgetreten. Zuvor war der spätere Nationaltrainer ein Jahr Trainer bei Fenerbahce Istanbul und gewann mit ihnen den Atatürk-Pokal.

Sein Erfolg ist in der Türkei nicht vergessen worden. Ende des Jahres erhält Löw wieder ein Angebot aus dem Land. Er soll Adanaspor vor dem Abstieg retten. Beim Tabellen-15. der ersten türkischen Liga spielt zu der Zeit ein junger Kurtulus Öztürk. Der damals 20-Jährige ist in der Saison 2000/01 von Borussia Dortmund in die fünftgrößte Stadt des Landes ausgeliehen.

Das alte Trikot von Adanaspor mit seinem Vornamen hat Kurtulus Öztürk noch.
Das alte Trikot von Adanaspor mit seinem Vornamen hat Kurtulus Öztürk noch. © Kurtulus Öztürk © Kurtulus Öztürk

„Löw war ein Begriff. Man hat im Umfeld gemerkt, dass sie stolz waren, dass er kommt. Ich will das nicht schlecht machen, aber es gab damals interessantere Aufgaben. Er hatte ja schon Erfahrungen bei Fenerbahce gesammelt. Mein Gott. Dann kann man auch mal einen Verein außerhalb von Istanbul trainieren. Das war völlig ok“, sagt Öztürk, der heute externer Berater beim Werner SC ist.

Ihm habe es bei Löw einfacher gemacht, dass er in Deutschland geboren wurde und aufgewachsen war. Zudem war Öztürk nicht der einzige deutsche Spieler in den Reihen von Adanaspor. Neben ihm waren noch mehrere andere, teilweise auch Deutsch-Türken, im Kader des Erstligisten.

Zu den bekanntesten Deutschen gehörten Torwart Sven Scheuer, der vor der Saison von Bayern München kam, und Thomas Berthold. In der Winterpause holte Löw den deutschen Weltmeister von 1990 und Erol Bulut von Eintracht Frankfurt, der heute Fenerbahce trainiert. „Wir hatten damals eine coole Truppe“, erinnert sich Öztürk.

So war Löw als Trainer und diese Fähigkeit schätzte er an Öztürk

„Den Löw von damals kann man nicht mit heute vergleichen. Es hat sich einiges geändert, aber durchweg zum Positiven. Er ist damals schon kommunikativ sehr gut auf uns eingegangen und seine Art zu coachen war angenehm. Er war menschlich super und sein Training auch. Es hat Spaß gemacht. Löw hat sehr viel Wert auf Pass-Qualität gelegt. Wir haben viel mit dem Ball gemacht“, so der heute 40-Jährige.

Andersrum schätzte Löw eine besondere Fähigkeit an Öztürk. „Er fand meine Flanken und Schusstechnik gut und hat mich gepusht. Normalerweise hatten die Stammspieler zum Beispiel am Dienstag nur einmal statt zweimal Training. Ich hatte aber nicht frei. Ich habe viele Extra-Stunden gerade mit Scheuer verbracht. Löw wollte, dass ich beim Extra-Training für die Torhüter dabei war. Er hat mir das Gefühl gegeben, dass meine Flanken brandgefährlich sind.“

Kurtulus Öztürk beim Training mit Adanaspor. Vermutlich flankt er gleich. Die Eigenschaft schätzte Löw an ihm.
Kurtulus Öztürk beim Training mit Adanaspor. Vermutlich flankt er gleich. Die Eigenschaft schätzte Löw an ihm. © Kurtulus Öztürk © Kurtulus Öztürk

Das habe sich bis heute nicht geändert. „Das kann ich heute noch behaupten. Das sind schon Waffen. An meine Flanken kommt keiner ran“, gibt sich Öztürk selbstbewusst.

Und wie könnte es auch anders sein: Im vierten Spiel unter Löw bereitete der Rechtsaußen bei der 2:3-Niederlage gegen Genclerbirligi zwei Tore vor – natürlich durch Flanken. Das Spiel war auch das einzige von Öztürk über die volle Distanz unter dem kommenden Weltmeister-Trainer.

Entlassen oder zurückgetreten? – Das Ende von Löw bei Adanaspor

Überhaupt betreute der heute 61-Jährige Adanaspor nur noch eine weitere Partie. Nach einem 3:3 am 22. Spieltag gegen Yimpas Yozgat war das Abenteuer Türkei für Löw nach nur fünf Spielen beendet, in denen er allerdings auch keinen Sieg und nur zwei Punkte holte. Der Verein stieg am Saisonende als Letzter ab.

Ob Löw zurücktrat oder vom Präsidenten Çağdaş Ergin, wie er es Jahre später behauptete, entlassen wurde, ist bis heute nicht sicher geklärt. „Ich weiß genau, was passiert ist. Was, kann ich nicht sagen, aber Löw ist gegangen. Es gab zwischen dem Trainer und Präsidium ein Kommunikationsproblem. Nachdem Löw weg war, ging einiges schief. Deswegen ist der Verein dann auch abgestiegen“, bringt Öztürk zumindest ein bisschen Licht ins Dunkel.

Während der Werner zwar nach der Saison 2000/01 zum BVB zurückkehrte, aber später wieder in der Türkei bei Diyarbakirspor und Yimpas Yozgat aktiv war, kehrte Löw nicht mehr als Trainer in das Land zurück. Er kam über Stationen beim FC Tirol und Austria Wien in Österreich 2004, erst als Co-Trainer, zur deutschen Nationalmannschaft. Seit 2006 ist Löw Cheftrainer. Nach der EM 2021 wird nach insgesamt 17 Jahren beim DFB Schluss sein.

Dazu, dass viele schon seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 den Rücktritt von Löw fordern, sagt Öztürk: „Was soll nach dem WM-Titel noch kommen? Aber ich finde den Zeitpunkt nicht schlimm und nach der EM ok. Wenn er die Entscheidung trifft, darf er sie nicht zurückhalten. Er wird sich das auch nicht an einem Tag überlegt haben.“

Öztürk über Vorwürfe an Löw: „Würde das nicht stur, sondern Überzeugung nennen“

Für ihn sei bei der EM 2021 der richtige Zeitpunkt, auch wieder auf die von Löw aussortierten Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng zu setzen. „Ich an seiner Stelle würde sie mitnehmen und alle Kräfte bündeln, wenn ich weiß, dass danach Schluss ist. Auf Müller will man normalerweise nicht verzichten. Es gehört auch zum Charakter, dass man sie wiederholt. Es sollen schließlich die Besten spielen.“

Als stur, wie ihm oft vorgeworfen wird, hat Öztürk Löw aber nicht kennengelernt. „Ich fand auch ein, zweimal seine Meinung nicht richtig, aber er hält daran fest. Ich würde das nicht stur, sondern Überzeugung nennen.“

Öztürk hat zwei Kandidaten für die Löw-Nachfolge

Wer als nächstes Bundestrainer werden soll, ist für ihn klar. „Ich glaube, dass der DFB seine große Chance bei Klopp sieht. Die ist in den letzten zwei, drei Monaten gestiegen. Sein Nachfolger bei Liverpool wird Steven Gerrard. Dann kann Klopp super aufhören.“

Ans Aufhören denkt der aber noch nicht. Wenige Stunden nach dem Gespräch mit Öztürk sagte Klopp als Nationaltrainer ab. Aber Öztürk hat noch einen anderen Namen im Kopf: Hansi Flick, Trainer von Bayern München. „Aber Flick ist bei Bayern noch nicht fertig. Ein anderer kommt für mich nicht infrage.“

Über den Autor
Volontär
Hat im Mai 2020 in der für den Lokal-Journalismus aufregenden Corona-Zeit bei Lensing Media das Volontariat begonnen. Kommt aus Bochum und hatte nach drei Jahren Studium in Paderborn Heimweh nach dem Ruhrgebiet. Möchte seit dem 17. Lebensjahr Journalist werden.
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Tobias Larisch

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