„Wie ein Start-Up angefangen“: Standortleiter Saric über zehn Jahre Amazon in Werne

mlzWirtschaft in Werne

Aus der Übergangslösung wurden zehn Jahre: Amazon ist seit 2010 in Werne ansässig. Über Meilensteine, Streiks und die bewusste Entscheidung für den Standort spricht Wernes Amazon-Chef Ivan Saric.

Werne

, 22.09.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Amazon feiert im September 2020 das zehnjährige Bestehen in Werne. Im ehemaligen Ikea-Lager im Wahrbrink wurde 2010 das erste Logistikzentrum von Amazon in Nordrhein-Westfalen eröffnet. Eigentlich wollte sich der Online-Versandhändler nur übergangsweise in der Lippestadt ansiedeln. Doch 2017 wurde kräftig investiert und 2018 das neue Logistikzentrum eröffnet. Über wichtige Meilensteine, Kritik und Streiks sowie die bewusste Entscheidung für den Standort Werne spricht Ivan Saric (33), Geschäftsführer und Standortleiter von Amazon in Werne, im Interview.

Eigentlich wollte der US-Konzern Amazon zunächst nur vorübergehend in Werne bleiben. Nun sind daraus insgesamt zehn Jahre geworden. Wieso hat man dann doch an dem Standort festgehalten?

Eigentlich war das gemietete, ursprünglich von Ikea genutzte Lager im Gewerbegebiet Wahrbrink in Werne nur als eine Übergangslösung gedacht. Es sollte für die logistischen Kapazitäten bis zur Fertigstellung des Amazon-Logistikzentrums in Rheinberg sorgen. Aus der Zwischenlösung wurden sieben Jahre: Und 2017 löste dann ein neues und modernes Logistikzentrum das alte Lager ab. Wir fühlen uns wohl in der Region und haben damals sehr schnell festgestellt: Wir sind nach Werne gekommen, um zu bleiben. Das haben wir gehalten.


Was macht den Standort Werne generell attraktiv, sodass man 2017 rund 28 Millionen Euro auch in das neue Logistikzentrum investiert hat?

Die Lage im Herzen Europas sowie die Infrastruktur machen NRW und damit auch Werne zu einem zentralen Standort für Amazon, inklusive weiterer Wachstumsmöglichkeiten. In NRW leben viele Kunden. Zudem sind wir logistisch optimal mit unseren anderen Standorten in Europa verbunden.

Wie hat sich der Standort Werne in den vergangenen zehn Jahren weiterentwickelt?

Im Herbst 2017 bezog Amazon das mit modernster Fördertechnik ausgestattete neue Gebäude mit dem Namen DTM1. Für die technische Ausstattung investierte Amazon 28 Millionen Euro. 2019 investierte Amazon in Werne nochmals rund 2,8 Millionen Euro in die Erhöhung der Lagerkapazität und Sortierfähigkeit des Logistikzentrums.

In der Vergangenheit hatte die Gewerkschaft Verdi immer wieder zu Streiks aufgerufen, um für bessere Arbeitsbedingungen und eine Entlohnung nach dem Tarif der Einzel- und Versandhandelbranche zu kämpfen. Inwiefern hat Amazon auf diese Kritik und diese Streiks reagiert?

Die Gewerkschaft erzählt viel, wenn der Tag lang ist. Fakt ist: Wir sind ein attraktiver Arbeitgeber, bieten faire Löhne, einen sicheren Arbeitsplatz und vielfältige Karrieremöglichkeiten. Wir verfolgen in allen Geschäftsbereichen eine Kultur der offenen Tür und ermutigen Mitarbeiter, ihre Fragen, Anmerkungen und Bedenken direkt an das Management-Team heranzutragen. Wir sind fest davon überzeugt, dass dieser direkte Austausch der effektivste Weg ist, um die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu verstehen und darauf zu reagieren. Und genau mit diesem Weg fahren wir gut und erzielen stetig Verbesserungen, mit denen die Gewerkschaft nichts zu tun hat. An allen etablierten deutschen Logistikzentren gibt es zudem einen Betriebsrat, mit dem wir eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Dieser vertritt die gesamte Belegschaft, wohingegen die Gewerkschaft nur für einen kleinen Bestandteil spricht. Mir ist es wichtig, an dieser Stelle ganz ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat zu betonen – ganz speziell in Zeiten der Corona-Pandemie.

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Mit wie vielen Mitarbeitern ist man 2010 in Werne gestartet? Wie viele Mitarbeiter sind es aktuell?

Wir sind am 14. September 2010 in Werne gestartet. Damals noch im alten Gebäude mit dem Namen EDE4 mit genau 4 Mitarbeitern am ersten Tag. Der damalige Standortleiter Lars Krause war einer davon. In den ersten Wochen waren dann rund 400 Mitarbeiter beteiligt, den Standort hochzufahren. Damals war vieles sicherlich noch nicht so strukturiert wie heute, es war damals ein wirklicher Start-Up-Charakter. Über die Jahre sind wir immer besser, professioneller, strukturierter und natürlich größer geworden. Heute sind über 1.900 Mitarbeiter in Werne tätig. Was bleibt, ist der absolute Kundenfokus - das heißt die Kundenbestellung schnell und verlässlich zu bearbeiten. Denn das ist unser Job.

Wie viele Pakete sind anfangs täglich aus dem Lager versendet worden? Und wie viele sind es heute?

In den ersten Tagen waren es einige Hundert, nach einigen Wochen einige Tausend täglich. Der erste versendete Artikel aus dem damaligen Standort in Werne war übrigens ein Mini-Kühlschrank. Mittlerweile bewegen wir uns bei mehreren Zehntausend Paketen täglich. In der Weihnachtssaison sicherlich noch einmal mehr. Letztendlich hängt es davon ab, wie viel die Kunden bestellen. Man muss bei Werne auch anmerken, dass wir auf größere Artikel spezialisiert sind, also zum Beispiel die große Lego-Ritterburg oder größere Werkzeuge und Gerätschaften.

Inwiefern unterscheidet sich Werne noch im Vergleich zu den anderen Standorten?

Dies sind sicherlich unsere Hochregallagerflächen, in denen die größeren Artikel eingelagert sind. Und die große Anzahl an Hochregalstaplern, mit denen die Mitarbeiter zwischen den Regalreihen ein- und auslagern. Rein von der Kulisse her sind die Hochregale sehr sehenswert.

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Welche Techniken kommen in Werne für die Kommissionierung und Versendung zum Einsatz?

Wir sehen, dass größere Artikel immer wichtiger werden. Daher setzen wir hier in Werne auf zeitgemäße Schmalganghochregale, um Kunden dauerhaft eine große Auswahl und schnelle Lieferungen zu garantieren. Schmalganglager haben im Vergleich zu anderen Lagern relativ schmale Verkehrsflächen zwischen den Regalzeilen. Dadurch erreicht man eine sehr gute Volumennutzung des Lagers. Gute Voraussetzungen also für einen hohen Raumnutzungsgrad. Zur Bedienung der Regale werden spezielle Schmalgangstapler eingesetzt, die von den Mitarbeitern geführt werden. So erfolgt das Ein- und Auslagern von Paletten oft schneller als in herkömmlichen Palettenregalen.

Mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre in Werne: Was waren generell wichtige Meilensteine an dem Standort in der Lippestadt?

Das war zum Beispiel am 23. Oktober 2010 kurz nach der Eröffnung des Logistikzentrums Werne. An diesem Tag verließ die erste Bestellung – ein Minikühlschrank – das Logistikzentrum. Kurz darauf wurde die Kantine 2011 eröffnet. Seit 2013 ist am Standort ein Betriebsrat etabliert. Betriebsratsvorsitzende ist aktuell Sevgi Demirbas. Das Logistikzentrum gibt schon seit Langem (schwer-)behinderten Menschen eine langfristige Perspektive. Im Herbst 2017 bezog Amazon das mit modernster Fördertechnik ausgestattete neue Gebäude DTM1. 2019 investierte Amazon in Werne nochmals rund 2,8 Millionen Euro in die Erhöhung der Lagerkapazität und Sortierfähigkeit des Logistikzentrums. Am 14. September 2020 feiern wir zehn Jahre Amazon in Werne.

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