Euch geht’s wohl zu gut!? Ein Interview über Gleichgültigkeit, Frust und „ich, ich, ich“

mlzMenschenrechtler

Die Ortsgruppe Werne der Menschenrechts-Organisation Amnesty International besteht aus gerade einmal drei aktiven Mitgliedern. Warum machen die das eigentlich noch?

Werne

, 23.02.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Frage, die Werner Schumacher stellt, ist eine rhetorische: „Andere Leute gehen für ihre Werte und Überzeugungen ins Gefängnis und wir kriegen es hier nicht mal gebacken, eine Unterschrift zu leisten?“

Zuletzt stand der Gruppensprecher der Werner Ortsgruppe von Amnesty International (AI) am 10. Dezember 2018 auf dem Werner Marktplatz, um Unterschriften für einen iranisch-kurdischen Gefangenen und ein Missbrauchsopfer aus El Salvador zu sammeln. Mit dabei war an diesem Tag auch Heinz Bokler. Der Dritte im Bunde ist Berthold Welle. Und das war es auch schon.

Ende 2017 stand die kleine Gruppe kurz vor der Auflösung. Zu wenige aktive Mitglieder, „kaum noch Interesse für Menschenrechtler“, schrieben wir damals. Etwas mehr als ein Jahr später gibt es AI Werne noch immer. Man schlägt sich so durch.

Braucht man Sie überhaupt noch?

Werner Schumacher: Ja, klar! Man braucht die Menschenrechte. Und man braucht Leute, die sich für sie einsetzen.

In Ihrem Fall drei Leute…

Berthold Welle: Die ganze Arbeit von Amnesty fußt ja nicht darauf, dass man den großen Erfolg hat, sondern darauf, viele kleine Schritte zu machen. Die Menschenrechte sind Grundlage für unser Wertesystem. Wenn sich dafür niemand mehr einsetzt, dann endet das in Gleichgültigkeit.

Amnesty International ist eine nicht staatliche Organisation, die sich weltweit für Menschenrechte einsetzt. Etwas mehr als 600 Gruppen habe die Organisation bundesweit, sagt Pressesprecher Hyun-Ho Cha. In NRW sind es 122. Die Anzahl der Gruppen sei über die Jahre relativ konstant geblieben. Die Zahl der Mitglieder in Deutschland stieg zuletzt auf mehr als 33.000.
Euch geht’s wohl zu gut!? Ein Interview über Gleichgültigkeit, Frust und „ich, ich, ich“

Das Logo von Amnesty International in Deutschland. © dpa

Wie gleichgültig ist es Ihnen, wenn Sie, wie im Dezember letzten Jahres, stundenlang auf dem Werner Marktplatz stehen, um Unterschriften zu sammeln. Und dann keiner kommt.

Werner Schumacher: Na ja, man steht die ganze Zeit da, hat eiskalte Füße – das ist natürlich ärgerlich. Aber es ist an so einem Tag schon ein Anreiz zu sagen: Komm, die zehn Leute für die Unterschriftenliste kriegen wir auf jeden Fall noch zusammen! Es reizt auch, Leute einfach anzusprechen und zu schauen, wie sie reagieren. Und vielleicht kann man doch noch den einen oder anderen für die gute Sache gewinnen.

Heinz Bokler: Andererseits: Was meinen Sie, wie oft wir an so einem Nachmittag hören: Und dann? Wird mir dann eine Waschmaschine geliefert, wenn ich unterschreibe? In solchen Momenten muss man schon viel Ruhe bewahren.

Können Sie das in irgendeiner Form nachvollziehen?

Heinz Bokler: Ein bisschen. Aber es sind zu viele, die das sagen. Und es ist zu oft. Auf der anderen Seite gibt es dennoch einen Kern von Leuten – wenn auch nicht allzu viele –, die sehr bewusst unterschreiben und sich somit für unsere Sache einsetzen.

Werner Schumacher: Der Punkt ist doch: Die kleinen oder großen Ungerechtigkeiten seien mal dahingestellt, aber in unserem Land haben wir fast alle Freiheiten der Welt. Wenn nicht wir uns für Menschen einsetzen, die irgendwo zu Unrecht im Gefängnis sitzen, wer soll es denn dann machen?

Vor Jahren habe ich mal mit einer Frau gesprochen, die gefragt hat: Und was ist, wenn plötzlich jemand vor meiner Tür steht, wenn ich eine Unterschrift leiste? So ein Blödsinn, zu denken, dass plötzlich jemand vom Geheimdienst der Malediven hier auftaucht. Da nehmen sich die Leute dann schon wieder zu wichtig. Und anscheinend haben sie auch oftmals kein Gespür dafür, Situationen realistisch einzuschätzen.

Ein Beispiel: Wir haben uns vor Jahren für Frauen eingesetzt, die wegen angeblicher Abtreibungen ins Gefängnis gekommen sind, etwa in El Salvador. Was vergebe ich mir da mit einer Unterschrift? Andere Leute gehen für ihre Werte und Überzeugungen ins Gefängnis und wir kriegen es hier nicht mal gebacken, eine Unterschrift zu leisten? Also ich finde, das ist dann eher ein Armutszeugnis.

  • Die Werner AI-Gruppe hat sich 1982 gegründet und bestand damals überwiegend aus Schülern der beiden Werner Gymnasien. Von damals 15 entwickelte sich die Mitgliederzahl im Laufe der Jahre auf ein Minimum zurück.
  • „Es hat quasi mit einer Schul-Arbeitsgemeinschaft begonnen“, sagt Heinz Bokler (69), damals Lehrer am Christophorus-Gymnasium und seit den Anfängen mit dabei.
  • Um die Jahrtausendwende sei man dann von der Schule in die Stadt gewechselt. Das kleine Quartier, in dem sich die Gruppe auch heute noch regelmäßig trifft, sind die Räume über dem Eine Welt Laden am Markt.
  • Lehrer Berthold Welle (59) ist seit 1982 ein Teil von Amnesty, als Student war er erst in Aachen aktiv, später dann in Werne.
  • 1999 kam Werner Schumacher (60) dazu.

Können Sie verstehen, wenn Leute beim Thema Abtreibung eher zurückhaltend sind?

Werner Schumacher: Auch wir haben zum Teil heftige Diskussionen in der Gruppe gehabt, weil Leute gesagt haben: Na gut, beim Thema Abtreibung will ich keine Unterschrift geben, das kann ich nicht machen. Also, ich selbst bin bei einem katholischen Arbeitgeber beschäftigt und da nehme ich notfalls eine Abmahnung in Kauf. Man muss sich nicht für die Abtreibung einsetzen, aber dafür, dass Leute faire Gerichtsverfahren bekommen.

Warum setzt man sich nicht für Fälle in Deutschland ein?

Berthold Welle: Sich im eigenen Land für Menschenrechte einzusetzen, ist nicht hier, aber in manchen Ländern lebensgefährlich. Deshalb lautet das grundsätzliche Prinzip: Man setzt sich nicht für Fälle im eigenen Land ein. Die werden von anderen bearbeitet, das schützt die Leute zum Teil einfach.

Es ist nicht so, dass Amnesty bei Fällen im eigenen Land gar nichts tut. Hier werden dann eher Informationen weitergegeben, zum Beispiel an das internationale Sekretariat. Ich glaube, die internationale Vernetzung ist das, was Amnesty auch effektiv macht. Das Ganze ist eine weltumspannende Organisation.

Wir kamen bereits auf „Gleichgültigkeit“ zu sprechen. Wie gefährlich ist Gleichgültigkeit?

Berthold Welle: Wenn alles egal ist, können andere ihre Macht ausspielen. Wenn sich Leute nicht wehren, können andere machen, was sie wollen.

Heinz Bokler: Ein großes Problem ist: Wir leben in einer immer stärkeren Ich-Gesellschaft. Das „ich, ich, ich“ wird immer wieder betont. Dass jeder für sich jeden möglichen Vorteil ergattern will – auch auf Kosten anderer. Ohne zu hinterfragen: Wem nehme ich damit bestimmte Rechte oder Möglichkeiten?

Berthold Welle: Eben. Wenn ich billig kaufen kann, ist es doch egal, ob die Kleidung aus Kinderarbeit entsteht.

Werner Schumacher: Manchmal hört man dann: Besser, die Kinder haben was zu arbeiten und sie können die Familie unterstützen. Die Argumente von Leuten sind manchmal sehr abstrus. Im Prinzip geht es uns als Gesellschaft, glaube ich, zu gut. Leute, mit denen ich zwischendurch während meiner Arbeit Gespräche führe, die fühlen sich dann bedroht – von wem auch immer. Ich, ich, ich – ich fühle mich bedroht. Und wenn ich mich schon bedroht fühle, warum soll ich mich dann noch für Leute einsetzen, die irgendwo im Gefängnis sitzen?

Berthold Welle: Wenn man den Leuten das Recht nehmen würde, ihre Meinung zu äußern, dann würden sie es vielleicht irgendwann merken. Aber das Bewusstsein fehlt.

Euch geht’s wohl zu gut!? Ein Interview über Gleichgültigkeit, Frust und „ich, ich, ich“

Zuletzt sammelte die Amnesty-Gruppe am Tag der Menschenrechte, 10. Dezember 2018, Unterschriften auf dem Werner Marktplatz. © Vanessa Trinkwald

Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen, in Deutschland zu leben?

Heinz Bokler: Nein, das nicht. Man genießt die Vorteile, die sich zwangsläufig ergeben. Aber wir sind uns dessen auch bewusst.

Wie steht es um Ihre Arbeit in Werne? Ich erinnere mich etwa an die Ausstellungeröffnung zum Thema „Fluchtsituationen“ am Tag der Menschenrechte letztes Jahr.

Heinz Bokler: Ja genau, es gab die Ausstellungseröffnung am 10. Dezember. Seit 2013 gibt es außerdem den Pfad der Menschenrechte hier in Werne. Den gibt es in nur wenigen Städten in Deutschland. Wir haben das Projekt damals initiiert, aber welche Resonanz dieser Pfad hat, kann man innerhalb der Stadt auch nicht so recht erfahren. Wenn wir einmal im Jahr daran erinnern, kommt auch nur eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern.

Fehlt Ihnen das Gefühl, als Gruppe ernst genommen zu werden? Von der Stadt, von Parteien?

Werner Schumacher: Also, Herr Christ (Bürgermeister Lothar Christ, Anm. d. Red.) hat uns schon oft bei solchen Veranstaltungen unterstützt – als wir den Pfad der Menschenrechte eröffnet haben, bei der Plakatausstellung und so weiter. Ich bin manchmal eher entsetzt, wenn ich Parteien anschreibe und man bekommt nicht mal eine Rückmeldung. Man hat bei unseren Veranstaltungen ja einen schnellen Überblick darüber, wer da ist und wer nicht. Nicht von wegen „wir sind wichtig“, sondern das Thema ist wichtig.

Wenn es Leuten wichtig ist, bekommen sie für den Kegelausflug frei; wenn einem die Menschenrechte wichtig sind, sollte man zusehen, dass man an bestimmten Terminen auch frei bekommt. Bei unseren Veranstaltungen sind auch nicht immer übermäßig viele Kirchenvertreter. Das ist bei diesem Thema schon spannend. Für diese Institution finde ich das dann eher beschämend.

Wenn Sie einen Wunsch äußern könnten für Ihre Arbeit hier in Werne. Was wäre das?

Werner Schumacher: Mehr Mitglieder, mehr Aktive, mehr Jüngere. Also ich kann nachvollziehen, dass die Schüler nicht zu uns kommen. Was wollen sie mit drei alten Männern? Es müssen aber auch nicht unbedingt Schüler sein. Wir freuen uns über jeden, der Interesse hat, zu unseren Treffen zu kommen.

Heinz Bokler: Wenn man auf die Homepage schaut, steht dort eine Vielzahl von Mitgliedern. Tatsächlich haben wir im Moment, wie erwähnt, lediglich drei aktive Mitglieder und ein passives Mitglied. Unsere bisherigen Infoveranstaltungen in der Stadt waren in der Vergangenheit leider nicht von Erfolg geprägt.

Sie selbst sind trotzdem noch aktiv. Warum?

Heinz Bokler: Die Menschenrechte sind ja nicht nur Rechte, sondern eine bestimmt Form von Werten, die man in der Gesellschaft hat oder die eine Gesellschaft haben sollte und die Grundlage einer jeden politischen Ordnung sind – auf kommunaler Ebene wie auf Landes- und Bundesebene und auch international.

Diese Werte sind mir wichtig. Auf der anderen Seite ist es mir nicht wichtig, in einer politischen Partei zu sein, weil man da zu stark normiert ist. Hier bei Amnesty habe ich eine klare Konzeption, für die ich eintrete und für die ich arbeite. Man weiß, wofür man es tut. Und das bewegt mich.

Regelmäßige Treffen und Kontakt:
  • Die Amnesty-Gruppe Werne trifft sich an jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat um 18.30 Uhr über dem Eine Welt Laden am Markt in Werne. Neue Mitglieder sind stets willkommen.
  • Wer Interesse hat, an den Treffen teilzunehmen beziehungsweise sich näher über die Arbeit der Gruppe zu informieren, kann sich gerne melden – zunächst per E-Mail an boklerheinz@web.de
  • Informationen auch online auf der Homepage von Amnesty Werne.
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