Hygiene ist das A und O. Vize-Stationsleiterin Anne Winkler desinfiziert vor der Isolierstation 5 im Christophorus-Krankenhaus in Werne ihre Hände. © Jörg Heckenkamp
Christophorus-Krankenhaus Werne

Arbeit auf der Corona-Isolierstation bringt Pflegekräfte an ihre Grenzen

Die zweite Coronawelle hat mit Macht das Christophorus-Krankenhaus in Werne erreicht. Das Haus hat die Station 5 zur Isolier-Abteilung umgemodelt. Wie geht man dort mit dem Infektions-Risiko um?

Ganz am Schluss des Gespräches senkt Elina Grötzinger (33) die Stimme. Unter ihrer FFP2-Maske ist sie kaum noch zu verstehen. Es geht um diejenigen Patienten, die von ihrer Isolier-Station auf Intensiv wechseln müssen. Ein bis zwei pro Woche. Die meisten sieht sie nicht wieder. Sie gehen, nach einem negativen Test, auf andere Stationen. „Oder etliche sterben auch“, sagt Elina Grötzinger so leise, als wolle sie die Ruhe der verstorbenen Corona-Opfer nicht stören.

Schon immer sind Patienten im Krankenhaus gestorben. Aber nicht so viele und nicht unter diesen Umständen. Isoliert, ohne intensive Begleitung durch Angehörige, versorgt durch Pflegekräfte in martialisch anmutender Schutzmontur. Corona hat die Arbeit auf der Station 5 im Christophorus-Krankenhaus in Werne völlig verändert.

Ich wollte wissen, wie die Pflegekräfte mit dieser Situation umgehen. Doch meinen Wunsch nach einem Ortstermin auf der Isolierstation lehnte das Haus nach reiflicher Überlegung und aus nachvollziehbaren Gründen ab. Stattdessen arrangiert die Krankenhausleitung ein Gespräch im Tagungsraum mit der Leiterin der Station 5, eben Elina Grötzinger. Zur Seite stehen ihr Stellvertreterin Anne Winkler (31) und Pflegedienstleiterin Stefanie Neuhaus (52).

Schon der Auftakt zum Termin macht deutlich, dass sich seit dem Corona-Ausbruch im März 2020 das Haus gewandelt hat. Keine Besuche, darauf weisen große Schilder hin. Die Eingangstür ist verschlossen. Bitte klingeln, steht dort.

Jeder Außenstehende wird registriert

Im Eingangsbereich ein Tisch für die wenigen Besucher, die doch kommen (dürfen). Die Pflegedienstleiterin nimmt mich in Empfang, will mich zum Tagungsraum bringen, als die Frau am Empfangstisch uns zurückruft. Der Besucher muss sich schließlich ordnungsgemäß eintragen.

Elina Grötzinger und Anne Winkler warten vor dem Tagungsraum auf uns. Die Stationsleiterin, deren zartes Gesicht hinter der großen Maske kaum auszumachen ist, hält die Teile ihrer Schutzkleidung in der Hand. Für ein Video zieht sie nachher alles an und zeigt damit, wie lange das dauert.

Selbst Kittel und Hose wechseln die Beschäftigten der Isolierstation zwei bis drei Mal am Tag. „In einer eigenes dafür eingerichteten Schleuse“, sagt die Pflegedienstleiterin. Hygiene ist das A und O auf dieser Station, wo Stand Freitag, 4. Dezember 2020, 15 Patienten versorgt werden.

Was der größte Unterschied ist, seit Station 5 in Teilen zur Isolierstation mit 15 Zimmern und maximal 30 Patienten umgemodelt wurde? Elina Grötzinger denkt nach: „Das Personal“, sagt sie. „Wie brauchen viel mehr Personal als früher.“ Früher, das ist schon so wahnsinnig lange und doch erst ein dreiviertel Jahr her. Früher schmissen zwei examinierte Kräfte und eine Sekretärin in der Hauptschicht am Morgen den Betrieb.

Personal auf der Isolierstation ist knapp

„Heute sind wir fünf, manchmal sechs Examinierte“, sagt sie. „Manchmal leider auch nur vier“, sagt sie und blickt ihre Pflegechefin an, als wenn sie sich versichern will, dass sie das jetzt sagen darf. Sie darf. Sie darf auch sagen, dass viele Kollegen sich ausgebrannt fühlen. „Es ist körperlich und psychisch eine starke Belastung, wenn die schwerkranken Patienten zu uns kommen.“

Ihre Stellvertreterin Anne Winkler springt ihr zu Seite. „Es zehrt an den Kräften, wenn man die Patienten nicht so pflegen kann, wie man möchte.“ Oder eben auch, wenn das heimtückische Virus die vor allem älteren Patienten befällt und ihnen keine Chance lässt. „Wir hatten viele Todesfälle, das belastet sehr“, sagt Elina Grötzinger mit leiser Stimme. Besonders schlimm sind Fälle wie jener, wo ein Patient eingeliefert wurde und noch während der Aufnahme-Prozedur starb.

Ein wenig Angst arbeitet immer mit

Ob sie Angst habe, auf einer Station mit Corona-Infizierten zu arbeiten? „Es geht, irgendwie ist sie da, aber man kann damit umgehen.“ Anne Winkler steckt das nicht so leicht weg. Sie gibt zu: „Mir war in der ersten Coronawelle schon unwohl und jetzt erst recht.“ Sie habe weniger Angst um sich selbst und ihre Gesundheit, als vielmehr, „dass ich was mitnehme und in meiner Familie verteile. Das macht mir Sorgen.“

Um sich zu schützen, befolgen die bis zu 20 Kräfte, die regelmäßig die Station betreten, ein striktes Hygiene-Protokoll. (Aus diesem Grunde wurde auch der Reporter nicht auf Station gelassen). So legen die Kräfte, die in ein Patientenzimmer gehen, aufwändige Schutzkleidung an. Vom Kittel übers Schutzvisier bis zur Doppellage Handschuhe. Mundschutz ist sowieso obligatorisch. Einige Minuten dauert das Prozedere. Grötzinger: „Das machen wir bis zu zehn Mal am Tag.“

Die Pandemie hat den Zusammenhalt gestärkt

Was Covid 19 aber auch bewirkt hat: „Wir hatten früher schon einen guten Zusammenhalt. Aber das ist jetzt noch mehr geworden“, sagt die Stationsleiterin. Und das, obwohl soziale Kontakte deutlich zurückgefahren sind. Sowohl auf der Arbeit, als auch danach.

Für ein Video legt Elina Grötzinger Schritt für Schritt die Schutzkleidung an. Dann muss sie wieder los. Auf die Station 5. Zu einer Arbeit, die sie und ihrem Team alles abverlangt. Sie werden nun wieder alles geben, um möglichst vielen Patienten zu helfen.

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Jörg Heckenkamp

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