Doppelback, Aufschnitt und eine Nachbarschaft, die es nur im Evenkamp gab. Es gibt Dinge, die Ellen Schöneborn (63) aus Werne vermisst. Seit 21 Jahren hat sie eine neue Heimat: Schweden.

Werne

, 16.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine gewisse Rastlosigkeit lässt sich nicht abstreiten: Ellen Schöneborn (63) hat in ihrem Leben schon mehrfach den Wohnort gewechselt. Unzählige Male ist sie umgezogen. Heute hat sie ihre Heimat gefunden - auch wenn sie eine weitere Veränderung nicht ausschließt.

Ihre neue Heimat ist Schweden. Seit 21 Jahren lebt sie dort. „Ich habe nie länger als sieben Jahre an einem Ort gelebt“, erzählt sie. Es gibt nur zwei Ausnahmen: Werne und Lycksele in Lappland. Während sie im Evenkamp aufwuchs, hat sie in Schweden eine neue Heimat gefunden.

Evenkämper waren eine Clique für sich

In Lycksele, dem kleinen Ort in Südschweden, fühlt sie sich wohl. Einen Anschluss zu finden, ist dennoch nicht leicht. „Wenn du nicht hier geboren bist, dann zählst du nicht dazu“, sagt Ellen Schönborn. Diese eingeschworene Gemeinschaft kennt die 63-Jährige nur zu gut.

Im Evenkamp war das nicht anders. „Das war einzigartig. Eine solche Gemeinschaft habe ich nie wieder so erlebt. Das war eine Clique für sich“, sagt Ellen Schönborn. Damals gehörte sie aber dazu. Ihre Kindheit und gesamte Jugend verbrachte sie in der ehemaligen Werner Bergbau-Siedlung. „Man konnte überall hingehen. Jeder kannte jeden. Wir haben als Kinder die Kaninchen der Nachbarn im Hinterhof gestreichelt. Es war eine wirklich tolle Zeit in Werne.“

Von Werne, nach Lünen, nach Gießen

Mit acht Jahren kam sie gemeinsam mit ihren Eltern aus der Nähe von Düsseldorf in die Lippestadt. Ihr Vater fand hier Arbeit in der Zeche. Auch Ellen Schönborn selbst arbeitete nach der Schulzeit auf der einstigen Barbaraschule auf der Eisenhütte in Lünen-Wethmar als Bürogehilfin. 13 Jahre lang war sie hier tätig, bis sie nach Lünen zog.

Als sie ihren späteren Mann und Vater ihrer Kinder kennenlernte, zog es sie weiter nach Gießen. Danach folgten weitere Stationen und Umzüge in Deutschland, ehe es vor 21 Jahren von Baden-Württemberg in ihre neue Heimat ging: Schweden.

Auswanderung rückte nach mehreren Urlauben immer näher

Erst war ihre Familie hier im Land von Astrid Lindgren mehrmals im Urlaub. Doch als die Familie ein kleines Haus in Hjektevad in der Nähe von Linköping für umgerechnet 20.000 D-Mark kaufte, rückte die Auswanderung immer näher.

Zunächst nutzte die Familie es als Ferienhaus. Doch als sie nichts mehr in Deutschland hielt, wagte Ellen Schönborn „mit Kind und Kegel“ 1998 den entscheidenden Schritt.

Schwedisches Flair fasziniert

„Die Kinder waren sofort begeistert. Sie waren Lindgren-begeistert. Das war unser tägliches Thema. Das ganze schwedische Flair hat uns fasziniert“, erzählt Ellen Schönborn. Ihre beiden Kinder waren da gerade sieben und acht Jahre alt. In der Schule lernte der Nachwuchs schnell schwedisch. Und Zuhause wurde auch gepaukt.

„Wir haben deutsche und schwedische Ausgaben von Astrid-Lindgren-Büchern auf dem Schoß gehabt. Auch das Schauen von schwedischen Nachrichten hat sehr geholfen“, erzählt Ellen Schönborn. Sie selbst und ihr Mann besuchten ab Januar 1999 einen Sprachkurs.

„Die Nachbarn waren immer hellauf begeistert, weil wir Alkohol mitgebracht haben. Dort sind alkoholische Getränke ja deutlich teurer.“
Ellen Schönborn, Auswanderin

Vier Monate später arbeitete sie im mobilen Pflegedienst und machte eine neue Ausbildung zur Krankenschwester. In der neuen Heimat fühlte sich die ganze Familie direkt wohl.

„Wir haben in dem Ort ja schon drei Urlaube zuvor gemacht. Man kannte die nächsten Nachbarn also schon vor der Auswanderung. Und die waren immer hellauf begeistert, weil wir Alkohol mitgebracht haben. Dort sind alkoholische Getränke ja deutlich teurer“, erzählt Ellen Schönborn und muss schmunzeln.

Schwer, Anschluss zu finden

Eine gute Nachbarschaft - das ist es, was Ellen Schönborn heute vermisst. Nun wohnt die 63-Jährige mit ihrem neuen Partner in Lappland. Lycksele ist seit elf Jahren ihre neue Heimat. „Unser Haus liegt mitten im Wald. Das Leben hier war zuerst wie Urlaub für mich“, erzählt die einstige Werner Bürgerin.

Auswanderin Ellen Schöneborn (63) aus Werne: „Die Gemeinschaft im Evenkamp war einzigartig“

So stellt man sich einen Winter in Lappland vor: „Das Foto ist bei einer Autofahrt im Schneesturm entstanden. Man kommt nicht immer drum herum. Man muss ja auch mal raus und einkaufen“, sagt Ellen Schönborn dazu. © Ellen Schönborn

Doch mittlerweile kann sich Ellen Schönborn wieder eine Veränderung vorstellen. Das liegt auch daran, dass sie nur schwer Anschluss hier findet. „Wenn du nicht hier geboren bist, dann gehörst du nicht dazu. Das ist hier ein ganz besonderer Menschenschlag“, sagt sie.

In ihrem Leben ist Ellen Schönborn mehrfach umgezogen. Auch jetzt, nach elf Jahren in Lappland, kann sie sich eine weitere Veränderung vorstellen. Eine Rückkehr nach Deutschland schließt sie allerdings aus. „Da müsste ich mir alles ganz neu aufbauen“, sagt sie.

„Köttbullar, das schwedische Nationalgericht, mag ich überhaupt nicht.“
Ellen Schönborn, Auswanderin

Schweden, dort wo auch ihre mittlerweile erwachsenen Kinder leben, ist und bleibt ihre Heimat. Und das seit mittlerweile 21 Jahren. Einige typisch deutsche Dinge vermisst sie dennoch: „Doppelback - so ein Brot gibt es hier nicht. Oder richtig leckeren Käse. Hier gibt es nur Gouda-Käse ohne Geschmack. Auch Teewurst oder Zwiebelmettwurst vermisse ich.“ In Schweden hingegen ist Köttbullar das Maß aller Dinge. Das schwedische Nationalgericht schmeckt Ellen Schönborn allerdings überhaupt nicht.

An Werne denkt Ellen Schönborn auch regelmäßig. Über die aktuellen Geschehnisse informiert sie sich täglich im Internet. Ihre Eltern hatten damals in der mittlerweile abgerissenen St.-Konrad-Kirche geheiratet. Mit der Tochter ihres Schwagers aus Werne hat Schönborn noch Kontakt. Nach ihrer Auswanderung nach Schweden war Ellen Schönborn nie wieder in Deutschland zu Gast. Von den guten, alten Zeiten in Werne zehrt sie aber bis heute.

Auswanderin Ellen Schöneborn (63) aus Werne: „Die Gemeinschaft im Evenkamp war einzigartig“

Ein typisch weihnachtlich geschmücktes Küchenfenster in Schweden © Ellen Schönborn

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