Werner Milchbauer fürchtet um seine Existenz: „Es gibt keine 200 Kühe mehr in Werne“

mlzKritik an Milchpreisen

In Werne gibt es nur noch drei Milchbauern - und die werden immer schlechter bezahlt. Forderungen der Molkereiunternehmen prallen am Einzelhandel ab. Darunter leiden die lokalen Zulieferer.

Werne

, 14.02.2020, 16:17 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Tasse Kakao zum Frühstück, der Quark als Mittagssnack und der Käse auf der Pizza am Abend - Milchprodukte begleiten uns durch den Tag. Doch die Milchbauern, die täglich dafür arbeiten, kämpfen um ihre Existenz. Seit rund einem Jahr bekommen die Landwirte nur noch 30 Cent für einen Liter Milch. „Davon können wir nicht leben und erst recht nicht alle Forderungen der Regierung umsetzen“, erklärt der Werner Milchbauer Markus Linnemann (45).

Milch aus Werne landet in den großen Supermarktketten

Er gehört zu den etwa 7000 Landwirten, die dem Molkereiunternehmen DMK (Deutsches Milchkontor GmbH) zuliefern. Der vermarktet die Waren zum Beispiel unter der Marke Milram an die großen Supermarktketten.

Die DMK möchte für die Rechte der Bauern einstehen und führt halbjährlich Diskussionen mit den großen Einzelhandelsketten - ohne Erfolg. Denn die Supermärkte sind im steten Konkurrenzkampf, wollen sich preislich unterbieten und scheren sich wenig um die Belange der Produzenten.

Der Einzelhandel lehnt Preisverhandlungen ab

„Kollegen von der DMK berichteten sogar von Beleidigungen bei den Preisverhandlungen“, so Lindemann. Ein weiteres Problem der Landwirte: die steigenden Forderungen der Regierung in puncto Tier- und Umweltschutz.

„Wir wünschen uns auch, dass es unseren Tieren gut geht. Und wir alle müssen in unserer Umwelt leben - aber wie sollen wir bei den aktuellen Milchpreisen aufrüsten?“, fragt sich der Landwirt. „Mit 35 Cent für den Liter wäre ich zufrieden. 40 wären noch besser“, fügt er hinzu. „Aber nur, wenn sich die Auflagen nicht noch weiter verschärfen. Dafür müsste die Milch auch noch teurer werden.“

Ohne Kühe keine Weideflächen und Insekten

Für größere Ställe, Gummimatten in den Liegebuchten und höhere Lagerkapazitäten würde er sorgen, wenn die finanziellen Mittel gegeben wären. Erst kürzlich schaffte sich Linnemann eine Fahrsiloanlage an. Durch die massive Bodenplatte des Silos werde das Grundwasser nicht verschmutzt.

„Die Anlage kostet so viel wie ein dickes Auto. Das Geld dafür lässt sich bei den aktuellen Milchpreisen kaum erwirtschaften“, sagt Linnemann.

Markus Linnemann schaffte sich kürzlich ein umweltschonendes Silo an, welches das Grundwasser schützt - das fordert die Regierung. Das Problem dabei: bei den aktuellen Milchpreisen ist eine solche Anlage kaum zu finanzieren.

Markus Linnemann schaffte sich kürzlich ein umweltschonendes Silo an, welches das Grundwasser schützt - das fordert die Regierung. Das Problem dabei: bei den aktuellen Milchpreisen ist eine solche Anlage kaum zu finanzieren. © Linnemann

Umweltschutz liegt dem Werner am Herzen - deshalb beunruhigt ihn die Situation in der Region. „Es gibt nur noch drei Milchbauern in Werne. Einer davon wird vermutlich im nächsten Jahr in Rente gehen. Es gibt keine 200 Kühe mehr in Werne“, gibt er zu bedenken. „Dadurch, dass immer weniger Vieh gehalten wird, gehen Weideflächen verloren. Und gerade die sind wichtig für Insekten.“

Anfeindungen gehen den Landwirten nahe

Glyphosat und andere Pflanzenschutzmittel werden in der Öffentlichkeit immer wieder kritisiert. Mehr Tierrechte, weniger Düngemittel, mehr Natur - das wünscht sich die Regierung. „Doch wer soll das bezahlen?“, fragt sich Lindemann. „All diese Diskussionen und Anfeindungen prallen nicht einfach so an uns Landwirten ab. Wir nehmen das mit in unsere Familien. Das drückt die Stimmung gewaltig“, so der Bauer.

Mehr Wertschätzung für die Bauern

„Viele vergessen, welche Arbeit hinter den Lebensmitteln im Supermarkt steckt. Meines Empfindens erkennen viele nicht mehr den wahren Wert der Güter“, fügt er hinzu. „Es geht dabei nicht nur um mich. Hinter jeder Tüte Milch steht auch ein Mensch mit Familie“, betont der Milchbauer.

„In ein neues Handy investieren die Leute gerne hunderte Euros. Aber wenn unsere Molkereiprodukte zu Schleuderpreisen angeboten werden, greifen sie zu. Die Wenigsten geben freiwillig mehr für ihr Essen aus.“ Deshalb wünscht sich Lindemann vor allem eins: mehr Wertschätzung für seine Arbeit und die seiner Kollegen.

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