Bergbau in Werne: Zwischen Zwangsarbeit und schlüpfrigen Bettgeschichten

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Mit der Schließung der Zeche Prosper-Haniel endete 2018 die Bergbau-Ära im Ruhrgebiet. Über die Geschichte des Bergbaus in Werne geht es diesmal in unserer Video-Kolumne „Heidewitzka“ - inklusive Bettgeschichten.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 01.11.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor 120 Jahren wurde Schacht I und II der Zeche Werne als eine der letzten Bergwerke im Ruhrgebiet abgeteuft – Besitzerin war der Georgmarien-Bergwerks- und Hüttenverein in Osnabrück, die bei Mutungsbohrungen schon 1873/74 auf Kohlevorkommen auch am Nordufer der Lippe stieß. Nachdem schon nach drei Jahren die Kohleförderung begann, wurden immer mehr Bergleute eingestellt - Werber waren bis nach Pommern, Schlesien und Ostpreußen gegangen, um junge Männer, meist aus der Landwirtschaft, für den Kohleabbau im südlichen Münsterland zu gewinnen.

1905 erlitt die Kohleförderung durch ein Schlagwetterunglück einen großen Rückschlag – der Gesamtschaden betrug bei dieser zum Glück ohne Todesfälle abgelaufenen Katastrophe fast vier Millionen Reichsmark. Von den damals 1800 Mann Belegschaft wurden daraufhin 1200 entlassen, ohne jegliche finanzielle Unterstützung.

Auch die Gewerbetreibenden in der Stadt erlitten dadurch erheblichen Schaden, denn der größte Teil der Werner Bevölkerung war mittlerweile direkt oder indirekt mit dem Schicksal der Zeche verbunden und damit wirtschaftlich und sozial von ihr abhängig, denn von 1900 bis 1910 verdoppelte sich die Einwohnerschaft von Werne nahezu auf über 8.000 Bürger.

Die fast unendlichen Weiten der Grubenfelder

Nachdem noch weitere Grubenfelder 1907 und 1917 dazukamen, besaß der Georgmarien-Bergwerksverein Abbaurechte auf einen Grubenfeld von insgesamt 31 Millionen Quadratmetern. Während des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 stieg nach anfänglichem Rückgang die Gesamtförderung stetig an.

Die Jahre nach dem verlorenen Weltkrieg waren für die Zeche Werne, wie für das ganze Ruhrgebiet, durch Novemberrevolution, Separatistenbewegung, Kapp-Putsch, Bergarbeiteraufstand, Ruhrbesetzung und Inflation sehr schwierig – sie wurde aber durch ihre Randlage von den schwersten Erschütterungen des Reviers verschont.

Die Zeche bot vielen Menschen einen Arbeitsplatz - auch Gastarbeitern.

Die Zeche bot vielen Menschen einen Arbeitsplatz - auch Gastarbeitern. © Förderverein Stadtmuseum

Schließlich verkaufte der Georgsmarienverein die Zeche Werne im Jahre 1923 an die Klöckner-Werke AG. 1927 wurde bedingt durch den englischen Bergarbeiterstreik die Förderung auf eine vorher nie erreichte tägliche Höchstfördermenge von 2.800 Tonnen im Jahresdurchschnitt erhöht, konnte danach aber den Niedergang nicht aufhalten, der schließlich 1931 in einen zuvor nicht gekannten Tiefstand von Absatz und Produktion mündete. Die Kokerei und der Schacht III in Rünthe waren schon ein Jahr zuvor, 1930, geschlossen worden.

Zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 stieg der Kohleabsatz, bedingt vor allem durch die forciert betriebene Aufrüstung, allmählich wieder an. Nach Beginn des zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 steigerte sich der Tagesdurchschnitt der geförderte Kohlemenge auf 2.800 Tonnen.

Die Zechenbelegschaft in der Abteufperiode um 1900. Es ist das ältestes Foto - mit Schacht I und II im Hintergrund.

Die Zechenbelegschaft in der Abteufperiode um 1900. Es ist das ältestes Foto - mit Schacht I und II im Hintergrund. © Förderverein Stadtmuseum

Ab 1942 wurde diese Kohle großenteils von zwangsverpflichteten ausländischen Arbeitskräften (Polen, Belgier, Kroaten und Ukrainer) gefördert – wenig später arbeiteten 1.660 überwiegend sowjetische Kriegsgefangene unter menschenunwürdigen Arbeits- und Wohnverhältnissen untertage. Der russische Friedhof am Südring mit insgesamt 102 Gräbern zeugen von dieser grausamen Behandlung.

Die Zeche Werne hatte das große Glück und wurde im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert, so dass schon bald nach 1945 die Kohleförderung wieder einsetzen konnte. Ein Großteil der Vertriebenen und Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die in Werne und im südlichen Münsterland eine neue Heimat fanden, wurden Bergleute, da diese Anstellung einen geregelten Lohn verhieß.

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Zunächst wurden sie in sogenannte Niessenhütten (Wellblechhütten) untergebracht, bis sie in neue Wohnungen, zum Beispiel am Ostring, einziehen konnten. 1949, zum 50jährigen Jubiläum der Zeche Werne, stieg die mittlere Tagesförderung wieder auf 2.500 Tonnen an. Doch die Absatzkrise im Bergbau und das damit verbundene Zechensterben im Ruhrgebiet zu Ende der 50er und in den 60er Jahren gingen auch an Werne nicht spurlos vorbei.

Nach erheblichen Entlassungen und Umsetzungen von Werner Bergleuten wurde im Januar 1975 die Zeche Werne endgültig geschlossen. Der Bergbau hatte in diesen 75 Jahren seines Bestehens das kleine Lippestädtchen Werne so grundlegend verändert wie kein Ereignis in den Jahrhunderten zuvor.

Schwere Maloche unter Tage - auch für die Grubenpferde.

Schwere Maloche unter Tage - auch für die Grubenpferde. © Förderverein Stadtmuseum

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