Das Datum ist so ungewiss wie die Folgen des Brexit. Wie Amazon in Werne mit dem EU-Austritt umgeht, ist noch unklar. Mitarbeiter John MacQueen aus Schottland blickt gelassen nach London.

Werne

, 11.04.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Links winken, rechts winken, hier ein Handschlag, da ein Lächeln. Wenn man mit John MacQueen durch die Hallen von Amazon geht, ist es wohl wie für einen gebürtigen Werner auf dem Wochenmarkt. Man kommt nicht schnell vorwärts, hier und da hält man ein Pläuschchen.

Genau das ist es, was der gebürtige Schotte an seiner Arbeit mag: den direkten Kontakt mit den Mitarbeitern. „Ich versuche, mit jedem Mitarbeiter zu sprechen. Das gelingt aber leider nicht immer“, erzählt der Leiter der Outbound-Abteilung (Distributions- und Absatzlogistik). Viele Kilometer spult der 51-Jährige dennoch ab. Einmal waren es 42 Kilometer und damit genauso viele wie bei einem Marathon.

Im direkten Kontakt mit den Kollegen

„Die Stelle hat mich gereizt, weil ich eine ‚people person‘ bin. Ich bin sehr menschenorientiert. Die Interaktion mit Menschen aus anderen Ländern gefällt mir“, erzählt John MacQueen. Das war bei seinem vorherigen Arbeitgeber, einer Ölfirma, anders.

Da habe man aufgrund der vielen Subunternehmer oft nur flüchtigen Kontakt – bei Telefonkonferenzen oder per E-Mail – gehabt, erzählt John MacQueen. Und er war viel unterwegs. Er reiste beruflich regelmäßig nach Kanada, Norwegen, in die USA oder nach Hamburg.

42 Kilometer hat John Mac Queen an einem Tag mal bei Amazon in Werne zurückgelegt. Der 51-Jährige möchte so gut es geht mit den Mitarbeitern ins Gespräch kommen.

42 Kilometer hat John Mac Queen an einem Tag mal bei Amazon in Werne zurückgelegt. Der 51-Jährige möchte so gut es geht mit den Mitarbeitern ins Gespräch kommen. © Andrea Wellerdiek

Feste und klare Arbeitsstrukturen

Heute freut er sich über die beständigen Arbeitszeiten und den festen Arbeitsort bei Amazon. Er überlegt kurz. Seit 17 Monaten und 26 Tagen arbeitet er bei dem Online-Versandhändler am Standort in Werne. „Was ich vorher von Amazon wusste, ist, dass meine Frau dort ständig etwas bestellt“, sagt MacQueen und lacht. Er ist als „Operation Manager“ Ansprechpartner für etwa 230 Mitarbeiter.

Wenn er von seiner Arbeit erzählt, spürt man, dass ihm das Wohlbefinden seiner Kollegen am Herzen liegt. Einmal habe ihm eine muslimische Mitarbeiterin erzählt, dass es manchmal für sie schwierig ist, weil sie nichts trinken darf aufgrund der Fastenzeit Ramadan.

„Dann habe ich auch mitgemacht beim Ramadan“, erzählt MacQueen ganz selbstverständlich. „Dadurch habe ich einen kleinen Einblick davon bekommen, was es bedeutet.“

Etwa 14 Fußballfelder groß ist das Logistikzentrum in Werne.

Etwa 14 Fußballfelder groß ist das Logistikzentrum in Werne. © Andrea Wellerdiek

John MacQueen zeigt Empathie

Aus diesem Grund hat der 51-Jährige auch ein bisschen Gebärdensprache gelernt, um einfache Dinge mit taubstummen Mitarbeitern zu klären. „Ich möchte die Leute verstehen. Ich möchte wissen, ob es ihnen gut geht. Das ist für mich ein Schlüssel“, versucht MacQueen diese Empathie, die er verkörpert, in Worte zu fassen.

Dabei hat er immer ein Lächeln auf den Lippen. Das hatten viele seiner Kollegen auch, als MacQueen mal im Schottenrock zur Arbeit kam, weil er eine Wette verloren hatte. Die Arbeit soll an möglichst jedem Tag Spaß machen - das ist sein Credo.

Mitarbeiter aus 84 Nationen

John Mac Queen ist einer von knapp 600 der rund 1600 Mitarbeiter in Werne, die aus dem Ausland kommen. Männer und Frauen aus mehr als 84 Nationen arbeiten aktuell im Logistikzentrum im Wahrbrink.

„Viele davon kommen auch aus anderen europäischen Ländern – von den Niederlanden über Spanien bis nach Polen. Für eine Tätigkeit als Versandmitarbeiter bei uns braucht man lediglich Deutsch- oder Englisch-Kenntnisse – das macht uns zusammen mit dem Einstiegslohn von umgerechnet 11,27 Euro brutto die Stunde plus Zusatzleistungen attraktiv für viele Menschen, die in der Umgebung wohnen – egal welche Nationalität sie haben“, erklärt ein Sprecher von Amazon.

John Mac Queen, der in Soest wohnt, ist seit 17 Monaten bei Amazon in Werne tätig. Er ist hier Abteilungsleiter.

John Mac Queen, der in Soest wohnt, ist seit 17 Monaten bei Amazon in Werne tätig. Er ist hier Abteilungsleiter. © Andrea Wellerdiek

Brexit ist ein emotionales Thema

Neben John MacQueen kommen zwei weitere Mitarbeiter am Standort Werne aus Großbritannien. Mehr als es ihnen lieb ist, beschäftigen sie sich mit dem Thema Brexit. „Was jetzt passiert, ist fast peinlich“, sagt der gebürtige Schotte, der die langwierigen Debatten rund um den EU-Austritt mit Sorgen verfolgt.

Das Ganze sei ein Vorhaben, das das Land spaltet. Die Frage beim Referendum im Juni 2016 sei zu simpel gewesen, glaubt MacQueen heute. Er bezweifelt, dass die Bevölkerung seinerzeit überhaupt verstanden hätte, was ein EU-Austritt bedeuten würde.

„Ich halte die Partnerschaft für einen Benefit.“
John MacQueen

Für John MacQueen, der von seiner schottischen Heimat Isle of Skye vor knapp 27 Jahren der Liebe wegen nach Deutschland ausgewandert ist, hat eine klare Haltung zum Brexit: „Durch den ganzen Firlefanz ist man zwiegespalten. Aber ich wünsche mir, dass wir bleiben. Ich halte die Partnerschaft für einen Benefit“, sagt er, wohlwissend, dass das wohl ein Wunschdenken bleibt.

Denn an dem EU-Austritt werden die Briten festhalten. „Leider werden wir das bis zum bitteren Ende durchziehen. Das ist unsere Mentalität“, meint der 51-Jährige. Am Ende werden alle aber als Verlierer aus der Nummer gehen, glaubt John MacQueen.

Gedanken über deutsche Staatsbürgerschaft

So emotional das Thema auch für ihn ist, umso mehr Aktionismus entsteht. „Bei meiner nächsten Reise wird es dann vielleicht etwas länger bei der Passkontrolle dauern“, sagt der zweifache Familienvater und schmunzelt. Vielleicht denkt er dann auch ein zweites Mal ernsthaft darüber nach, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Einfach sei der Einbürgerungstest, über den er sich bereits informiert hat, aber nicht. „Wissen Sie ganz genau, wann wer Bundespräsident war?“, gibt er ein Beispiel.

In Deutschland bleiben wird der Schotte, der hier das Vereinsleben mit Sport- und Schützenvereinen schätzt, in jedem Fall. Hier lebt er mit seiner Familie in Soest und hat als Abteilungsleiter bei Amazon in Werne eine erfüllende Arbeitsstelle gefunden.

Konsequenzen sind noch nicht absehbar

Mit Spannung erwarten auch die Verantwortlichen des Online-Versandhändlers Amazon die Entscheidung zum Brexit. Was ein EU-Austritt konkret für Deutschland und Werne bedeuten und verändern wird, ist noch nicht wirklich absehbar. „Es fällt uns schwer, sich darauf vorzubereiten, weil ja weiter unklar ist, was genau passieren wird“, sagt Antje Kurz-Möller, Pressesprecherin von Amazon.

Dennoch arbeiten die Kollegen aus Großbritannien bereits an neuen Konzepten, wie man auf einen EU-Austritt – ob mit oder ohne Deal – reagieren kann.

„Es fällt uns schwer, sich darauf vorzubereiten.“
Antje Kurz-Möller, Pressesprecherin von Amazon

„Für uns geht es natürlich darum, unsere Kunden in der gewohnten Vielfalt und Schnelligkeit zu beliefern“, sagt Kurz-Möller. Dafür werden etwa mehr Produkte auf Lager gehalten, um eine gewisse Vielfalt auch nach dem Brexit anzubieten. „Alles Weitere werden wir erst kommentieren, wenn entschieden ist, wie wir reagieren“, erklärt die Pressesprecherin.

Bis dahin übt sich auch John MacQueen, der das deutsche (Arbeits-)Leben aufgrund der Kultur, Struktur, Sauberkeit und Pünktlichkeit liebt, in Geduld.

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