Für Marianne (83) und Erich (87) Rademacher versucht Norbert Siemund, einen Impftermin zu bekommen. Doch das ist derzeit fast unmöglich. © Privat
Coronavirus in Werne

Chaos bei Impftermin-Vergabe: Werner hängt stundenlang in Telefonschleife

Norbert Siemund (66) versucht seit Montagmorgen (25. Januar), einen Impftermin für seine Schwiegereltern zu bekommen. Doch sowohl die Telefonleitungen als auch die Internetseite brechen immer wieder zusammen.

Das ist ein Schildbürgerstreich ohnegleichen“, sagt Norbert Siemund (66). Der Werner kümmert sich gemeinsam mit seiner Frau um deren Eltern, Marianne (83) und Erich (87) Rademacher. Beide wohnen in einer betreuten Einrichtung für Senioren. Damit seine Schwiegereltern einen Impftermin bekommen, hat sich Siemund am Montag (25. Januar) um 8.30 Uhr ans Telefon gesetzt.

Eine halbe Stunde vorher war die NRW-weite Terminvergabe gestartet. Bei den ersten telefonischen Versuchen habe er bei einem Mal noch eine automatische Bandansage gehört. Mittlerweile breche der Anruf einfach ab. Es geht nichts mehr. „Bis halb eins habe ich es versucht“, erzählt Siemund am Telefon über seinen Versuch, Impftermine für die Schwiegereltern zu organisieren. Bis ihm seine Tochter, die in einer Arztpraxis arbeitet, erklärt, dass alle Leitungen zusammengebrochen seien.

Kurz vor 12 Uhr am Montagmittag wendet sich dann auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) in einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit: Darin bittet die KVWL die Über-80-Jährigen und auch die Angehörigen, die versuchen, einen Impftermin für ihre Verwandten zu bekommen, um Geduld. „Extrem hohe Zugriffszahlen auf die Webseiten zur Buchung einer Corona-Impfung und ein hohes Anruferaufkommen bei der Hotline 116 117 führen aktuell zu erheblichen Verzögerungen bei der Terminbuchung […]“, heißt es dort.

KVWL arbeite „unter Hochdruck an der Beseitigung der Engpässe“

Es werde „unter Hochdruck an der Beseitigung der Engpässe gearbeitet“. 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter säßen in den Callcentern und die Online-Portale seien extra für die Corona-Impfung gebaut worden, um die Terminvergabe zu regeln. Offenbar zu wenig für den Ansturm, der aus ganz NRW auf die KVWL einprasselt.

„Es ist unmöglich, was hier abgeht“, sagt Siemund, der selber lange Jahre im IT-Bereich gearbeitet hat. Für ihn ist es unerklärlich, warum die Seiten und Leitungen der KVWL trotz wochenlanger Vorbereitung nun zusammenbrächen. „Das war doch zu erwarten, warum haben die nicht damit gerechnet?“, sagt der 66-Jährige.

Norbert Siemund (66) versteht nicht, warum die KVWL so von dem Terminandrang überrannt wurde.
Norbert Siemund (66) versteht nicht, warum die KVWL so von dem Terminandrang überrannt wurde. © (A)Spiller, Eva-Maria © (A)Spiller, Eva-Maria

Abwechselnd versuchte Siemund es neben den Telefonanrufen auch, online über www.116117.de einen Termin für seine Schwiegereltern zu bekommen. „Ich musste mich drei Mal anmelden“, so der Werner. Mithilfe eines Verifizierungscodes konnte der Werner dann einen Impfcode auf der Website generieren, um dann zur Terminauswahl zu kommen. Doch auch hier brach die Seite den Aufbau ab. „Wenn da ein 80-Jähriger einen Termin zustande bekommt, war der vielleicht an der Uni. Aber ein einfacher Mensch ist nicht in der Lage, sich in NRW einen Impftermin zu holen.“

Er verstehe nicht, warum die KVWL augenscheinlich keinen Massentest gemacht hätte, um die Kapazitäten der Server zu prüfen. „Dann hätte man da einen größeren Server hinstellen müssen. Für mich ist das alles dilettantisch. Ich kann mich jetzt nicht jeden Tag 6 Stunden ans Telefon setzen.“ Zumal es derzeit nicht möglich sei, einen Termin für ein Ehepaar zu organisieren. Stattdessen werde er einmal mit seinem Schwiegervater und einmal mit seiner Schwiegermutter nach Unna fahren müssen. Macht 4 Autofahrten für 2 Personen.

Anleitung für Ü-80-Jährige „an Lächerlichkeit kaum zu überbieten“

Die Einrichtungsleitung des betreuten Wohnens, in der Erich und Marianne Rademacher in Werne wohnen, hatte mit dem Kreis Unna laut Siemund zuvor vereinbart, dass ein mobiles Impfteam die Bewohner der Einrichtung in Werne impfe. Doch das habe der Kreis Unna kurz darauf wieder abgesagt. „Jetzt müssen alle nach Unna kommen“, sagt Siemund. Auch die Bus- und Bahnverbindungen, die im Massenanschreiben an die Ü-80-Jährigen angeführt sind, sowie der Hinweis, besser sei es, sich von Familie, Freunden und Bekannten zum Unnaer Impfzentrum zu bringen, sei „an Lächerlichkeit kaum zu überbieten“, so Siemund.

Derweil bittet die KVWL alle, die nicht zur Gruppe der Ü-80-Jährigen gehören, derzeit nicht anzurufen, um sich einen Termin zu reservieren. Die Hotline 116 117 ist täglich von 8 bis 22 Uhr zu erreichen. Norbert Siemund wird nun weiter versuchen, Impftermine für seine Schwiegereltern zu bekommen. „Ich muss es ja zwangsläufig versuchen. Jetzt hoffe ich nur, dass die das Programm auf die Schnelle ändern, dass man da auch zwei Leute anmelden kann.“

Über die Autorin
Redakteurin
Gebürtige Münsterländerin, seit April 2018 Redakteurin bei den Ruhr Nachrichten, von 2016 bis 2018 Volontärin bei Lensing Media. Studierte Sprachwissenschaften, Politik und Journalistik an der TU Dortmund und Entwicklungspolitik an der Philipps-Universität Marburg. Zuletzt arbeitete sie beim Online-Magazin Digital Development Debates.
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Eva-Maria Spiller

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