An der Westmauer in Werne: Dieses Bild entstand in den 1940er Jahren. Es lag Schnee - und in Europa tobte der Zweite Weltkrieg. © Förderverein Stadtmuseum
Weihnachten in Kriegszeiten

Ein Tannenbaum aus dem Adolf-Hitler-Park: So erschreckend erlebte Werne Weihnachten zu Kriegszeiten

Weihnachten ist in diesem Jahr getrübt von der Pandemie. Aber es gab noch deutlich schlimmere Zeiten, wie Berichte von Zeitzeugen aus dem Kriegswinter 1944 und dem Nachkriegswinter 1945 zeigen.

Weihnachten müssen wir in diesem Jahr anders feiern als gewohnt – im ganz kleinen Kreise und wahrscheinlich viel geruhsamer und besinnlicher als in den vergangenen Jahrzehnten. Aber es gab durchaus Zeiten, in denen die Umstände noch deutlich schlimmer waren. Etwa vor gut 75 Jahren, zur Zeiten unserer Eltern und Großeltern, als der Zweite Weltkrieg in Europa tobte beziehungsweise gerade zu Ende gegangen war und man ganz andere Sorgen hatte als diejenigen, ob alle Geschenke schon gekauft sind und der Festtagsbraten auch rechtzeitig auf den Tisch kommt.

Berichte von Zeitzeugen machen das sehr deutlich. Etwa der von Ilona Billig, Tochter von Käthe Rittner, wohnhaft in der Zechenkolonie Evenkamp und damals 15 Jahre alt, die in ihrem Rückblick „Spurensuche“ erzählt:

Der Krieg zog sich dahin, er wollte und wollte kein Ende nehmen. Der sechste „Kriegswinter“ stand vor der Tür, kälter als alle zuvor, Panzerschichten, Bunker, Bombengeschwader, kein Schlaf, miserable Ernährungslage, Strümpfe, vielfach gestopft, die kaum noch über die Knie reichten, ab und zu eine Flasche Schnaps als Deputat von der Zeche Werne, sofort umgesetzt in eine Tüte Haferflocken, die in Wasser gekocht auf den Tisch kamen, kein Tannenbaum, noch nie dagewesen, zwei elende Kerzen.

Der heutige Werner Stadtpark trug einst den Namen Adolf-Hitler-Park. Diese Postkarte stammt aus dieser Zeit.
Der heutige Werner Stadtpark trug einst den Namen Adolf-Hitler-Park. Diese Postkarte stammt aus dieser Zeit. © Archiv © Archiv

Was blieb meinem Vater anderes übrig, als am Heilig Abend in den damaligen Adolf-Hitler-Park zu schleichen und sich einen nicht zu großen Tannenbaum zu leihen, das heißt mit allen Wurzeln auszugraben und nach Hause zu schleppen, wo meine Mutter schon mit dem Einkochkessel wartete. Druck und Zug mussten sorgsam austariert werden, um den Baum so etwas wie ein fragiles Gleichgesicht zu verleihen. Der letzte Heilig Abend der letzten Kriegsweihnacht konnte kommen (…)

Es wurde doch noch ein schönes Weihnachtsfest. Meine Mutter hatte das Kunststück fertiggebracht, das nahezu unbeheizbare Wohnzimmer mit Hilfe eines viel zu kleinen Öfchens mollig zu erwärmen, der Tannenbaum schwankte ein wenig, die zwei Kerzen blakten und stanken, aber für die Dauer von „Oh du fröhliche“ reichte ihre Lebensdauer. Suppe, Braten, Kuchenduft – daran kann ich mich nicht erinnern.

Mit ein wenig Mehl wurde die vom Bauern erbettelte Milch angedickt, mit gehortetem Zucker verfeinert – nicht das, was meinem Vater als Festessen angenehmer gewesen wäre. Aber er aß tapfer. Es war ja schließlich Weihnachten. ( Der Baum übrigens wurde am Tag nach dem Fest heimlich zurückgebracht und wieder an seine alte Stelle gesetzt.)

Ein schlimmes Weihnachtfest erlebte Felix Vehring, später langjähriger Vorsitzender des Heimatvereins Werne und 1995 Mitautor der Schrift „Kriegsende in Werne“, der als 17-Jähriger im Herbst 1944 bei Minsk in russische Kriegsgefangenschaft geriet:

Der Anblick der Horne im verschneiten Werne war in den 1940er Jahren wohl nur ein schwacher Trost für die Bevölkerung.
Der Anblick der Horne im verschneiten Werne war in den 1940er Jahren wohl nur ein schwacher Trost für die Bevölkerung. © Förderverein Stadtmuseum © Förderverein Stadtmuseum

Über Moskau, Kasan, Swerdlowsk kamen wir nach einer Woche Fahrt im Eisenbahnwaggon in Asbeck im Ural bei hohem Schnee und grimmiger Kälte an (…) Mein erstes Weihnachtsfest in der Gefangenschaft stand vor der Tür. Schon Tage vor dem Fest wurde von der Verpflegung, hauptsächlich Mehl, etwas zurückbehalten, um am heiligen Abend und zu Weihnachten etwas mehr in der Schüssel zu haben. Am heiligen Abend spielte dann die Kulturgruppe das Singspiel „Hänsel und Gretel“.

„Die Verpflegungsrationen wurden von Tag zu Tag kleiner. Der Tod schlug erbarmungslos zu.“

Felix Vehring

Leider wurde ich für diese Zeit zur Brandwache eingeteilt, aber kurz vor 20 Uhr holte der Zugführer die Wacheschiebenden in den Clubsaal und so erlebte ich „Hänsel und Gretel“, aufgeführt von deutschen Kriegsgefangenen. So schön wie dieser Tag verklang, so hart und grausam schlug am ersten Weihnachtstag die Wirklichkeit wieder zu.

Die Verpflegungsrationen wurden von Tag zu Tag kleiner: Roggenkleie und Trockenbrot morgens, mittags und abends. Der Tod schlug erbarmungslos zu. Innerhalb der folgenden Wochen starben von den 5.000 aus der Lagergruppe über 1.500 deutsche, rumänische und ungarische Kriegsgefangene.

Felix Vehring verstarb 2009. Seine Erinnerungen an die Kriegsjahre gab er jedoch weiter.
Felix Vehring verstarb 2009. Seine Erinnerungen an die Kriegsjahre gab er jedoch weiter. © Förderverein Stadtmuseum © Förderverein Stadtmuseum

Aber Felix Vehring überlebte und kam 1948 nach vier Jahren Kriegsgefangenschaft nach Werne zurück. Ein anderer Heimkehrer aus russischer Gefangenschaft, der im Winter 1945, kurz vor Weihnachten, nach monatelangem Marsch durch das zerstörte Deutschland in seine Heimatstadt Münster kam, berichtete, dass er am Bahnhof stand und die Stadt hatte kein Gesicht mehr. Was in seiner Vorstellung noch immer Straßen waren, die sich durch die Mitte der Stadt zogen, war nur noch meterhohes Hügelgelände von Schutt und Haustrümmer.

Und dann sah er den Dom von Münster: Der Dom – ein Bau von gewaltigen Maßen und robuster Stärke war einfach zerbrochen – Turmstümpfe ohne Kopf, tonnenschwere Brocken des meterdicken Mauerwerks umher geschleudert, Stützpfeiler aus der Erdverankerung gedrückt. Der Verlust des Münsteraner Rathauses und der barocken Adelshöfe war nichts dagegen.

Ein Stück Identität: Der Dom zu Münster wurde restauriert

Für das Kind und den Jungen war es unvorstellbar gewesen, dass diese feste Burg, die über Jahrhunderte die Wiedertäufer, die Beschießung durch den eigenen Fürstbischof ungerührt überstanden hatte, ohne den geringsten Schaden zu nehmen, jetzt nicht mehr zusammenfügbar war – es war alles aus, so schien es jedenfalls.

Doch dies war nicht so und Münster, unsere westfälische Hauptstadt, erhielt einige Jahre nach dem schrecklichen Krieg mit der Restaurierung des Doms, des Rathauses und vieler alter Adels- und Bürgerhäuser ihre alte Identität und ihre alten Traditionen zum großen Teil wieder zurück. Man hatte sich zum Glück nicht dem Vorschlag der britischen Besatzungsmacht gebeugt, dass man doch die so furchtbar zerstörte Stadt an anderer Stelle gänzlich neu wieder aufbauen sollte.

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