(Noch) kein Kinder- oder Jugendparlament in Werne: Junge Menschen für Politik zu begeistern ist „ein zähes Geschäft“, sagt Siegfried Scholz von der SPD Werne. Auch seine Mistreiter aus den anderen Parteien pflichten ihm bei. © Andrea Wellerdiek (A)
Kinder- und Jugendparlament

Flaute in Werner Jugendparteien: Gründe für politisches Desinteresse sind vielfältig

Die Partizipation von Jugendlichen in der Politik ist „ein zähes Geschäft“, sagt der Werner Ortsvereinsvorsitzender der SPD, Siegfried Scholz. Die Gründe für die geringe Beteiligung seien vielfältig.

Jugendliche für Politik zu begeistern ist nicht leicht. Gerade die kleineren Ortsverbände in Werne haben Schwierigkeiten, die Jugendlichen zu erreichen. Die unabhängige Wählergemeinschaft Werne (UWW) hat insgesamt 18 Mitglieder.

Mit der Anzahl von Mitgliedern sind die Kontakte zu Jugendlichen gering. „Erstmal muss man Jugendliche finden, die sich überhaupt für Politik interessieren und dann muss man sie auch halten können“, sagt der Vorsitzende der UWW, Reinhard Stalz.

Er sei sich aber bewusst, dass das Problem auch generell bei der kleinen Parteigröße lege. „Die größeren Parteien sind da meist besser aufgestellt.“ Doch auch der Ortsverband der Grünen hat seit einigen Jahren keine Grüne-Jugend mehr.

„Wir haben immer mal wieder eine starke Grüne-Jugend. Aber gerade die Jugendlichen, die sich für Politik interessieren, machen oft nach der Schule ein Auslandsjahr oder gehen in größeren Städte, um zu studieren. Dann ist meist ein ganzer Schwung wieder weg“, sagt Hauptausschussmitglied des Ortsverbandes der Grünen, Benedikt Striepens.

Aktive Arbeit in Werne fehlt

Selbst die größeren Parteien hadern mit der Beteiligung. Drei der fünf Ortsverbände in Werne haben bereits Jugendparteien und das auch seit einigen Jahren. Die Junge Union hat Beispielweise 60 Mitglieder zwischen 14 und 35 Jahren. Allerdings hat auch die Junge Union während der Pandemie Schwierigkeiten, die Jugend zu erreichen.

„Man muss immer dranbleiben und sich bemühen, Leute zu bekommen. Mit der Pandemie haben wir viel weniger Möglichkeiten, etwas zu organisieren“, sagt der Fraktionsgeschäftsführer des CDU-Ortsverbandes, Christian Lang.

Auch die Jungen Sozialisten der SPD und die jungen liberalen der FDP haben größere Jugendparteien. Problem sei dennoch, dass die aktive Arbeit vor Ort nachlasse. „Klar, haben wir größere Jugendparteien, doch wie sieht die Realität aus? Die meisten studieren oder gehen bereits in Berufe. Die politisch aktive Arbeit in Werne ist eher gering“, so Siegfried Scholz.

„Wir sprechen möglicherweise eine andere Sprache“

Die Gründe für die geringe Beteiligung sind laut den Ortsverbänden vielschichtig. „Vor allem die Zeit ist ein großer Faktor. Neben Schule und Ausbildung fehlt da auch oft die Zeit, sich in eine Partei einzubringen“, mutmaßt Stalz. Die Jugendlichen würden den Arbeitsaufwand oft unterschätzen. Dazu sei die politische Grundbildung aus Sicht der Ortsverbände unzureichend.

„Wenn das noch so ist, wie damals als ich zur Schule gegangen bin. Dann muss sich definitiv was ändern“, sagt Stalz lachend. Gerade deswegen fordern alle Ortsverbände, dass die Schulen Jugendliche stärker an die Politik heranführen sollen.

„Ich hoffe, dass durch die stärkere Einbringung der Themen Wirtschaft und Politik erstmal das Interesse geweckt wird“, sagt der Vorsitzende des FDP-Ortsverbandes, Artur Reichert. „In dem Alter war ich selbst noch nicht so politisch interessiert, dass ich mich auf eine Partei hätte festlegen können.“

Eine gute Grundbildung wäre dazu wichtig, da einige Probleme sehr komplex sind. „Wir sprechen möglicherweise eine andere Sprache als die Jugendlichen. Die Themen und Probleme in Werne sind oft sehr kompliziert und es gibt extrem abweichende Meinung. Wäre ich Jugendlicher und würde dann in die Politik gehen, würde ich auch erstmal nicht durchblicken“, so Reichert.

Spielerisch Politik lernen

Einige Parteien bemühen sich durch Veranstaltungen in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen zu kommen. Der Ortsverband der SPD hat durch die Ferienspiele „Wernutopia“ Kontakte zu Kindern aufgebaut. Das Projekt „Wernutopia“ bringt Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren die Möglichkeit, spielerisch hinter die Kulissen des Erwachsenenlebens zu blicken. Sie suchen sich Berufe aus und wählen jede Woche einen Bürgermeister.

Im Rahmen des Projektes besuchten Scholz und der SPD-Landtagsabgeordnete Rainer Schmeltzer die Kinder und hörten sich ihre Wünsche an. „Wir setzen uns dann auf die kleinen Stühle und reden mit den Kindern.“ Ein Mädchen habe sich zum Beispiel einen Zebrastreifen vor ihrer Schule gewünscht.

„Ich habe dann in der Stadtverwaltung nachgefragt, und das Kind hat auch eine Rückmeldung bekommen. Ich finde genau das wichtig: Dass Kinder wissen, wenn man sich etwas wünscht, dann kann man das in der Politik erreichen“, so Scholz. Solche Projekte würden sich die Ortsverbände in Werne mehr wünschen.

Kinder- und Jugendparlament zur Förderung

Vor allem die Idee eines Kinder- und Jugendparlaments findet Anklang unter den Ortsverbänden. Ein Parlament würde Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit der Partizipation in der Politik bieten. Verschiedene Vertreter nehmen Interessen für Kinder und Jugendliche wahr und könnten so in Kontakt mit den Politikern der Gemeinde kommen.

Dabei werden Fragen zur Schulhofgestaltung, zu Radwegen oder Freizeitanlagen behandelt. Jedoch gebe es diesbezüglich noch kein Konzept für Werne. Deshalb wurde bisher auch kein Antrag eingereicht. „Wichtig wäre auf jeden Fall, die Schulen mit einzubeziehen. Schulen könnten Vertreter wählen oder die Schülervertretungen könnten sich zusammenschließen zu einem Parlament“, sagt Striepens.

Auch Lang erwähnt die bereits bestehende Stadtschülervertretung, welche die Interessen der Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Werner Schulen vertritt. „Die Stadtschülervertretung könnte als Basis für ein Parlament oder eine Urwahl dienen“, so Lang. Entweder könne es dann eine Direktwahl mithilfe der Parteien oder eine Urwahl geben. Auch finanzielle Fragen zur Unterstützung eines solchen Parlaments müssten laut Striepens geklärt werden.

Jugendliche sollen sich ausprobieren

Dennoch stellt sich die Frage, wie nachhaltig so ein Parlament wäre. „Es könnte auch dann sein, dass viele Jugendliche nach dem Abitur weggehen und so immer wieder mehrere Leute wegfallen“, so Striepens. Dennoch begrüßen die Parteien die Idee.

„Und wenn das Parlament erstmal nur dafür da ist, das Interesse für Politik zu wecken. Wir wären verrückt, wenn wir uns nicht für die Förderung von Jugendlichen in der Politik einsetzen würden“, so Reichert.

In welcher Partei sich die Jugendlichen einbringen würden, ist den Ortsverbänden erstmal nicht wichtig. „Ob die Jugendlichen dann mal bei der FDP, SPD oder CDU schauen, ist erstmal egal. Sie können sich ja umschauen und müssen sich nicht direkt festlegen“, meint Reichert.

Die Ortsverbände wünschen sich, dass die Jugendlichen sich mehr ausprobieren im Bereich der Politik. Dazu würden sie sich einfach allgemein über mehr Zulauf freuen. „Irgendwann wird unsere Generation aus der Politik herausgehen und dann würden wir uns natürlich freuen, wenn da eine Generation nachkäme, die vernünftige Politik machen würde“, erklärt Reichert.

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