Gastarbeiter kam für ein Jahr und blieb für immer

Anwerbeabkommen

Das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Türkei jährt sich zum 50. Mal. Auch in Werne kamen die ersten Gastarbeiter 1961 an. Zehn Jahre später traf Ahmed Dogan (65) aus Turhal ein. Er ließ sich erst aus Neugier anwerben, dann allerdings nahm das Schicksal seinen Lauf.

WERNE

von Von Helga Felgenträger

, 29.10.2011, 07:50 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ahmed und Fikriye Dogan schauen sich nach dem nächsten Urlaubsziel in der Türkei um.

Ahmed und Fikriye Dogan schauen sich nach dem nächsten Urlaubsziel in der Türkei um.

"Ich war neugierig auf Made in Germany", sagt Ahmed Dogan (65). "Egal, was ich in die Hand nahm, es kam aus Deutschland und war modernste Technik", erinnert sich der Elektriker. Siemens wurde zum Reizwort.

Seiner Familie ging es gut. "Wir hatten keine Armut." Doch er wollte für ein Jahr die deutsche Industrie kennen lernen. Dogan bewarb sich beim Arbeitsamt, drei Monate später hatte er seine Arbeitserlaubnis für die Zeche Werne. "Ich wurde mit 400 Kollegen ins Zechenheim an der Lippestraße einquartiert." Seine Stirn legt sich in Falten. "Ich war schockiert". Keine Dusche, kein Badezimmer, einfachste Ausstattung. In Deutschland war er Gastarbeiter, "Malocher", wie er sagt, "die brauchten uns zum Arbeiten". Das Land kennen lernen, die Sprache lernen. Daran war nicht zu denken. "Ich bekam als Einstieg 200 Mark Vorschuss, um mir etwas kaufen zu können." Familie ist in Deutschland integriert

Ahmed Dogan lächelt. Er schaut seine Frau Fikriye (59) an. "Wir danken Deutschland", sagen beide heute übereinstimmend. Seine Frau hatte er ein Jahr später, 1972, nachgeholt. Sie zogen nach Rünthe in ein Zechenhaus, gründeten eine Familie und bekamen zwei Söhne: Adnan und Ayhan. Die Familie fühlt sich heute in Deutschland integriert. "Wir hatten nie Probleme mit Nachbarn oder Kollegen", sagt Ahmed Dogan und verrät sein Erfolgsrezept. "Freundlich sein." 

Sie wurden überall freundlich empfangen. Ahmed Dogan ist im Sportverein, seine Frau Fikriye beim internationalen Frauentreff. Beide haben viele Kontakte. Den Standard aus der Türkei haben sie erreicht. Seit 1999 bewohnen sie eine Eigentumswohnung im Holtkamp. Geschmackvoll eingerichtet.Krisenzeiten überstanden

Die Krisenzeiten sind überstanden, denkt die Familie an die Zechenschließung in Werne 1975 und die Kündigungen ausländischer Arbeitnehmer 1984. Er sprach beim Personalchef vor. Doch der Chef schickte ihn wieder zum Arbeitsplatz zurück. "Sie sind ein guter Arbeiter, Sie bleiben."

Die Söhne entwickelten sich prächtig, hätten es auch die Eltern nicht übers Herz gebracht, die Kinder aus ihrem Freundeskreis zu reißen.

Heute gehen beide ihre Wege. Der Ältere, Adnan (38), hat sich in Werne als Zahnarzt niedergelassen. Bruder Ayhan (36) macht Karriere in der Metallindustrie. Und wofür es sich heute lohnt, in Deutschland zu bleiben, sind Flora und Selma. "Unsere Enkelkinder", strahlen beide übers ganze Gesicht.

 

Lesen Sie jetzt