Gastronomen warten vergeblich auf Lockerungen: „Wir sind die Dummen!“

mlzGastronomie in Corona-Krise

Keine Lockerungen in Gastronomie und Hotels: Die Enttäuschung bei Werner Wirten ist groß. Nun hoffen sie auf baldige Öffnung mit strikten Hygieneregeln sowie auf Steuererleichterungen.

Werne

, 18.04.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Während viele Geschäfte im Einzelhandel ab Montag, 20. April, wieder öffnen dürfen, gab es keine Lockerungen in der Gastronomie und in Hotels. Die Werner Wirte zeigen sich enttäuscht. Sie glauben, dass ihre Branche zuletzt auf derartige Lockerungen hoffen kann. Die Existenz vieler Betriebe sei in der Corona-Krise weiter gefährdet.

„Die Lage ist sehr ernst. Ich kann die Entscheidung der Politik verstehen. Die Gastronomie steht hinten dran. Wir sind die Dummen. Wir können nur hoffen, dass es schnell Lockerungen gibt“, sagt Andreas Nozar, Betreiber des Stilvoll im Rathaus.

Es sei richtig, die Situation besonnen einzuordnen und erst einmal zu schauen, wie es sich weiterentwickelt, wenn der Einzelhandel wieder geöffnet hat. Er glaubt, dass die Gastronomie erst deutlich später mit strikten Hygieneregeln öffnen wird.

Das Stilvoll im Rathaus bleibt leer. Betreiber Andreas Nozar bietet aus seinem Restaurant derzeit keinen Abhol-Service an, weil seine Gaststätte nur zu Fuß erreichbar sei, so Nozar.

Das Stilvoll im Rathaus bleibt leer. Betreiber Andreas Nozar bietet aus seinem Restaurant derzeit keinen Abhol-Service an, weil seine Gaststätte nur zu Fuß erreichbar sei, so Nozar. © Mario Bartlewski (A)

„Hier wird gegessen und getrunken. Das ist mit einem Mundschutz nicht möglich. Auch der Sicherheitsabstand lässt sich für uns Gastronome nur schwer kontrollieren. Wenn Alkohol fließt, dann werden die Leute auch ungehemmter und halten sich nicht mehr unbedingt an den Abstand“, meint Nozar. Deshalb stellt er sich nun schon darauf ein, dass er künftig die Tische auf der Terrasse und im Restaurant weiter auseinander stellen muss.

Jeden zweiten Tisch besetzen und mit Reservierungen arbeiten - auf diese Regeln stellt sich auch Marcus Kocha, Betreiber von Fränzers, künftig ein. „Die Theke werden wir aber wohl absperren müssen, weil es schwierig wird, da den Abstand einzuhalten oder nur jeden dritten Barhocker zu besetzen.“

In zwei Schichten die Kunden bedienen

Er könne sich vorstellen, künftig in zwei Schichten - vor und nach 19.45 Uhr - die Tische zu besetzen, um das Kundenaufkommen zu entzerren und für genügend Abstand zu sorgen. Wenn nur die Hälfte der Tische besetzt sei, könne man entsprechend auch nur 50 Prozent Umsatz machen.

Kocha glaubt aber, dass er seine Schänke sowieso nicht vor Ende Mai wieder öffnen darf. „Es darf nicht viel später als Juni werden, sonst wird es wirklich heikel“, sagt Kocha, der noch in Kamen eine Tapas-Bar betreibt. Er hat wie auch sein Kollege Andreas Nozar die Soforthilfe des Landes NRW bewilligt bekommen. Eine kleine, hilfreiche Finanzspritze.

Die Terrasse im Fränzers wird künftig wohl nur mit der Hälfte an Mobiliar ausgestattet, damit der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann.

Die Terrasse im Fränzers wird künftig wohl nur mit der Hälfte an Mobiliar ausgestattet, damit der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. © Jörg Heckenkamp (A)

Was den Gastronomen aber langfristig und stärker helfen würde, ist der ermäßigte Mehrwertsteuersatz, den auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fordert. Speisen, die im Restaurant verzehrt werden, werden mit 19 Prozent, während Essen zum Mitnehmen mit 7 Prozent versteuert wird. Schon lange kämpft die Branche um eine Angleichung des Mehrwertsteuersatzes. „Da ist das einzig Positive in dieser Krise. Eine ermäßigte Mehrwertsteuer wäre ein sehr wichtiges Signal und ein Lichtblick am Ende des Tunnels“, sagt Kocha.

Dem pflichtet auch sein Kollege Siegfried Baumhove, Inhaber des gleichnamigen Hotels und Restaurants, bei. „Das wäre ein Schritt, um der Branche wirklich zu helfen“, so Baumhove. Auch er verzeichnet hohe Umsatzeinbußen. „Der Hotel-Betrieb liegt brach. Wir haben in der Woche vielleicht zwei bis drei Gäste“, erzählt der Inhaber.

Beliebte Terrasse mit Blick auf den Marktplatz. Künftig wird es im Hotel Restaurant Baumhove wohl mit strikten Hygieneregeln und entzerrten Tischen weitergehen.

Beliebter Sitzplatz mit Blick auf den Marktplatz. Künftig wird es im Hotel Restaurant Baumhove wohl unter strikten Hygieneregeln und entzerrten Tischen weitergehen. © Mario Bartlewski (A)

Weil die Küche weiter in Betrieb ist, bietet Baumhove einen Abholservice von vorbestellten Speisen an. Vor allem am Wochenende werde das Angebot gut genutzt, innerhalb der Woche liefe es noch etwas schleppend an, erzählt Baumhove. Bald möchte er auch Speisen zum späteren Aufwärmen anbieten.

Und der Abhol-Service soll auch nach der Corona-Zeit bestehen bleiben, so der Inhaber. Schließlich sei das kein Mehr-Aufwand in der Küche. Aktuell ist das natürlich anders, weshalb auch drei Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt wurden.

Wenn sein Betrieb wieder eröffnet wird, rechnet Baumhove mit strikten Abstandsregelungen und Vorgaben für das regelmäßige Desinfizieren der Sitzplätze. „Die Auflagen werden sicherlich nicht ohne sein“, sagt Baumhove.

Dass es noch keine Öffnungsmöglichkeiten für die Gastronomie gibt, kann er nicht nachvollziehen. „Wir müssen es akzeptieren. Aber es ist schon komisch, dass einer der größten Arbeitgeber Deutschlands komplett übergangen wird.“

Allein in der Fußballkneipe Mau‘s Krone

Ein Signal für das Gastgewerbe hätte sich auch Bärbel Hoferichter gewünscht. Die Inhaberin von Mau‘s Krone, sitzt allein in ihrer Fußballkneipe. „Wir sind die Ersten, die zu machen, und wir sind die Letzten, die wieder aufmachen“, sagt sie mit wenig Hoffnung auf baldige Lockerungen für die Gastronomie. Ihr Betrieb könne zurzeit nur weiter bestehen, „weil alle mitziehen“.

Bärbel Hoferichter bangt um die Zukunft ihrer Fußballkneipe Mau‘s Krone. „Natürlich habe ich Existenzängste“, sagt sie.

Bärbel Hoferichter bangt um die Zukunft ihrer Fußballkneipe Mau‘s Krone. „Natürlich habe ich Existenzängste“, sagt sie. © Eva-Maria Spiller

Ob für die private Hypothek oder Krankenversicherung, den Pächter, Gema oder Sky - an allen Stellen hat Hoferichter um eine Stundung gebeten. Doch wenn der Betrieb wieder läuft, muss sie diesen Forderungen nachkommen. Schwierig, wenn die Kneipe, in der sonst 100 Fußballfans eng beieinander stehen, nur unter bestimmten Auflagen eröffnet werden kann.

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Geschlossene Kneipen: So geht es Mau's Krone

„Ich kann schlecht mein Sky-Abo, das monatlich 600 Euro kostet, bezahlen, wenn ich nur 30 Gäste in die Kneipe lassen darf“, erklärt Hoferichter. Bei 80 Prozent Stammkundschaft sei vor allem die Frage, wie man die begrenzte Anzahl an Gästen vermitteln soll. Anders als in anderen Betrieben kann Hoferichter sich nicht mit einem Abhol- oder Lieferservice in der Krise behelfen, denn sie hat nur eine Ausschank-Genehmigung.

In der Hornemühle bereitet die Familie Cufurovic den Biergarten so vor, dass genügend Abstand zwischen den Tischen und damit den Gästen besteht.

In der Hornemühle bereitet die Familie Cufurovic den Biergarten so vor, dass genügend Abstand zwischen den Tischen und damit den Gästen besteht. © Cufurovic

Der Abhol-Service im Restaurant Hornemühle spült wenigstens ein bisschen Geld in die sonst leeren Kassen. „Es ist immer noch besser, als nichts zu verdienen und als nichts zu tun zu haben. Wenn man nichts zu tun hat, dann macht man sich Gedanken“, sagt Inhaber Sanimir Cufurovic, der sich optimistisch zeigt.

Der Abhol-Service werde gut angenommen. Auch größere Bestellungen für einen Geburtstag oder eine Hochzeit habe es schon gegeben. Statt wie geplant in der Hornemühle zu feiern, wurde das Essen abgeholt und zuhause verzehrt, wie Cufurovic erklärt.

Bald möchte die Familie Cufurovic aber auch wieder Gäste in ihrem Restaurant begrüßen. Dafür hat der Inhaber schon die Tische auseinander gestellt. „Wir sind so vorbereitet, dass wir die Abstandsregelung einhalten können“, sagt Sanimir Cufurovic.

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