„Hinfort, Ihr zwielichtiges Gesindel!“ – auf Tour mit dem Nachtwächter durch Werne um 1800

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Als Nachtwächter hatte man in Werne um 1800 viel zu tun. Und auch heute sieht man gelegentlich noch einen Aufpasser mit Lampe durch die Stadt ziehen. Hier gibt’s die Führung im Audio-Format.

Werne

, 06.02.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 1 min

Wir schreiben das Jahr 1800. Es ist Nacht und in den schmalen Werner Gassen herrscht Stille. Nur ein kleines Licht wandert durch die Stadt. Es kommt aus der Lampe des Nachtwächters. Der hat täglich eine 12-Stunden-Schicht zu leisten. Zwischen 18 Uhr abends und 6 Uhr morgens muss er das „zwielichtige Gesindel fernhalten“. So erklärt es zumindest Stadtführerin Heidelore Fertig-Möller im Jahr 2019.

In einer der Rolle angemessenen Montur führt sie rund 30 Teilnehmer durch die Werner Altstadt – entlang der Stadtmauer, vorbei an einstigen Hinrichtungsstätten und Türmen und immer mit einer passenden Anekdote natürlich. Wir haben uns der Führung angeschlossen und stellen einige Stationen vor. Hier zum Anhören:

Rathaus und Marktplatz

„Hinfort, Ihr zwielichtiges Gesindel!“ – auf Tour mit dem Nachtwächter durch Werne um 1800

Im Jahre 1800 hat das Werner Rathaus schon gut 300 Jahre auf dem Buckel. Der Bürgermeister und zehn Ratsherren lenken von hier aus die Geschicke der Stadt. Und das tun sie äußerst konsequent – wenngleich es nicht immer gesittet zugeht. Da entleeren die Bürger mitunter ihre Nachttöpfchen kurzerhand aus den Fenstern in die Gassen. Doch während dies geduldet wird, kennen die Ratsherren bei unehrlichen Händlern kein Pardon. Manch einem wird die große Waage am Rathaus zum Verhängnis. Wer falsche Angaben macht, darf anschließend mehrere Tage am Pranger stehen. Faule Eier und Steine an den Kopf gibt‘s inklusive. Und zu guter Letzt wird der Betrüger vom Büttel auch noch aus der Stadt geworfen. © Felix Püschner

Am Bonentor

„Hinfort, Ihr zwielichtiges Gesindel!“ – auf Tour mit dem Nachtwächter durch Werne um 1800

Es gibt Leute, die hätten einst nur zu gerne ihren Platz mit dem des unehrlichen Kaufmanns getauscht. Am Bonentor, in etwa dort, wo sich heute – im Jahr 2019 – ein Kreisverkehr und ein Kino befinden, fand bis ins 17. Jahrhundert noch ein ganz anderes Spektakel statt: Auf dem Hinrichtungsplatz standen unter anderem Hexenverbrennungen auf dem Programm. Auch der Galgen war beliebt. Zudem soll der Rädelsführer Johann Deipenbrock hier 1542 mit einer langen Kette an einen Pfahl befestigt worden sein. Drum herum legte man ein Feuer – und Johann drehte etliche Runden um den Pfahl, bis der Scharfrichter ihn schließlich in die Flammen stieß. Zum Glück geht es in Kreisverkehren heute nur selten so heiß zu. © Felix Püschner

Kloster und Pesthäuschen

„Hinfort, Ihr zwielichtiges Gesindel!“ – auf Tour mit dem Nachtwächter durch Werne um 1800

Was wäre Werne ohne das Kapuzinerkloster! Dessen Bewohner, die Kapuziner, machten sich schon kurz nach ihrer Ankunft im 17. Jahrhundert in der Lippestadt beliebt – übernahmen sie doch eine äußerst unliebsame Aufgabe: die Pflege der Pestkranken. Das kleine „Pesthäuschen“ neben dem Klostergebäude erinnert noch daran. Mit ihm ist jedoch auch ein Irrtum verbunden. Denn Pestkranke wurden hier nie gepflegt. Stattdessen nutzten es die Kapuziner nach ihrer Rückkehr von den Hausbesuchen bei Erkrankten als Quarantäne-Zone. Vier Wochen lang mieden sie anschließend den Kontakt zu ihren Klosterbrüdern, um sie bloß nicht anzustecken. Und es gab einiges zu tun. Denn Werne wurde nicht nur einmal von der Pest heimgesucht. Immerhin gab’s eine gewisse Auswahl: Mal war‘s die Lungen-, mal die Beulenpest. Manche überlebten sogar, die meisten starben jedoch einen elenden Tod. © Andrea Wellerdiek

Stadtmauer und Friedhof

„Hinfort, Ihr zwielichtiges Gesindel!“ – auf Tour mit dem Nachtwächter durch Werne um 1800

Schon um 1800 hat sich der Verfall der Stadtmauer mit ihren einst elf Türmen und vier Toren deutlich bemerkbar gemacht. Die Befestigung war ursprünglich auf Geheiß des Fürstbischofs von Münster angesichts der ständigen Überfälle durch die Grafen von der Mark errichtet worden. Das „Mammutprojekt“ kostete die Stadt 2374 Mark und konnte erst nach 87 Jahren Bauzeit vollendet werden. Die heutigen Straßennamen „Am Griesetorn“ und „Am Deipeturm“ an der Südmauer deuten noch auf zwei besonders brisante Bauwerke hin. Während sich in ersterem die Waffenkammer befand, beherbergte letzterer die Folterkammer der Stadt. Ein ziemlich gruseliges Fleckchen – nahe dem die jüdischen Bürger Wernes Ende des 17. Jahrhunderts einen Friedhof für ihre Verstorbenen anlegten. Weil der Platz innerhalb der Befestigung für die Katholiken reserviert war, wich man direkt hinter die Südmauer aus. © Felix Püschner

Am Burgtor

„Hinfort, Ihr zwielichtiges Gesindel!“ – auf Tour mit dem Nachtwächter durch Werne um 1800

Wer sich durch die schmale Gasse entlang der Westmauer Richtung Norden bewegt, trifft irgendwann notgedrungen auf das Burgtor. Zumindest war das früher so. Damals, als der Bischof zu Münster um 1400 die Burg von Werne errichten ließ und sie mit seinen Söldnern bestückte. Schon 1586 war das Bauwerk allerdings schon wieder Geschichte. Dafür hatten jedoch weder die streitlustigen Grafen von der Mark noch andere feindlich gesonnenen Zeitgenossen gesorgt, sondern ein einziger unachtsamer Handwerker. Der hatte in der Nacht sein Feuer brennen lassen. Und ein paar Stunden später war es nicht mehr nur an der kleinen Feuerstelle ziemlich warm: Die Dächer der Stadt standen in Flammen. Gut ein Viertel der Lippestadt brannte ab. Genauso wie die Werner Burg. Übrig geblieben ist bis heute auch hiervon nur noch ein Straßenname – und eine Station auf der Führung mit dem Nachtwächter. © Felix Püschner

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