Wer den Heidekrug besuchen will, sollte den Termin genau wählen. Das Haus hat nur vier Tage die Woche geöffnet. Das sollte aber niemanden abhalten. Auf keinen Fall.

Werne

, 15.11.2018, 16:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Landgasthaus Heidekrug, Herberner Straße 19, 59368 Werne. Oder auch: Mitten in der Knüste. Wer das Restaurant ansteuert, hat aus der Werner Innenstadt einen rund zehn Kilometer langen Anfahrtsweg.

Doch das schien an diesem Sonntagabend für etliche hungrige Mäuler kein Problem zu sein. Sechs Tische, zum Teil mit mehr als vier Personen, waren besetzt, als wir, wie immer unangemeldet und ohne Reservierung, das Landgasthaus ansteuerten.

Heidekrug: Eingeschränkte Öffnungszeit, uneingeschränkter Genuss

Herzallerliebst - im Eingangsbereich findet sich dieses herbstliche Arrangement. © Jörg Heckenkamp

Erster positiver Eindruck: Der ehemalige Haupteingang zur Straßenseite ist mit einer breiten Rampe als behindertengerechter Zugang ausgerüstet. Der eigentliche Haupteingang befindet sich um die Ecke.

Im Windfang bleibt meine Begleitung, die küchenerfahrene und studierte Ernährungswissenschaftlerin, vor einem herzallerliebsten Boden-Panorama mit süßem Reh stehen. „Landgasthaus eben“, kommentiere ich eher unbeeindruckt das Arrangement.

„Besser geht‘s nicht.“
Die Test-Esserin über das Rinderfilet

Obwohl das Haus für einen Sonntagabend nicht schlecht gefüllt ist, sind genug Tische frei. Sie verteilen sich auf vier unterschiedliche Räume, außerdem gibt‘s hinten noch den großen Saal für - bestuhlt - bis 120 Personen. Als Wirte zeichnen seit 1999 Hans-Ludger (73) und Elisabeth (68) Berger mit ihrem Team verantwortlich.

Wir lassen uns zu einem Vierer-Tisch im hinteren, großen Speisenraum führen. Die Tische sind nett eingedeckt, der Raum ist hell und jahreszeitlich mit Herbstdekorationen verziert. Meine Begleitung prüft die florale Tischdeko: „Echte Blumen“, stellt sie zufrieden fest. Die beiden jungen Frauen, die uns abwechselnd bedienen, sind freundlich, zuvorkommend und machen ihre Sache gut.

Das Essen

Die Karte ist umfangreich, weist die üblichen Verdächtigen wie „Schnitzelparade“, „Spezialitäten des Hauses“, „Steaks“ oder „Toast-Gerichte“ auf. Die fünf vegetarischen Angebote bestehen unter anderem aus zwei Folien-Kartoffeln und einem Gemüsepfannkuchen.

Erfreut nehme ich die günstigen Preise der Hauptgerichte wahr - bis mir auffällt, dass sie alle ohne Beilagen annonciert sind. Das heißt, der Gast bestellt sich zu seinem Schnitzel Wiener Art für 6,20 Euro zum Beispiel Pommes frites für 1,80 und eine Gemüsebeilage für 2 Euro dazu.

So summiert sich mein Rinderfiletsteak mit Pfifferling-Rahmsoße (16 Euro) mit Kroketten (1,80 Euro), Gemüsebeilage (2 Euro) und Sauce Hollandaise (1 Euro) auf 20,80 Euro. Ich nehme es vorweg: Diesen Preis ist das Gericht mehr als wert.

Meine Begleitung blättert zwar die umfangreiche Karte durch, hatte sich aber eigentlich schon von Anfang an für ein Gericht von der speziellen Wildkarte entschieden: nämlich für die Wildentenbrust auf Calvadosrahm mit geschmorten Apfelspalten, Kroketten und Speckrosenkohl: 17.90 Euro komplett. Ich nehme es vorweg: Diesen Preis ist es mehr als wert.

Heidekrug: Eingeschränkte Öffnungszeit, uneingeschränkter Genuss

Perfekter Auftakt: die Wildkraftbrühe mit Pfannkuchen-Streifen. © Jörg Heckenkamp

Vorab ordern wir eine Wildkraftbrühe mit Pfannkuchenstreifen, die wir uns teilen wollen. Sie lässt keine Wünsche offen. Der Wildgeschmack kräftig, ohne aufdringlich zu sein, die Pfannkuchen-Streifen haben ihren Eigengeschmack behalten und passen mit ihrer milden Süße hervorragend zu der ausgekochten Wildbrühe. Erster dicker Pluspunkt. Und es folgen weitere.

Heidekrug: Eingeschränkte Öffnungszeit, uneingeschränkter Genuss

Schön angemacht, gute Portion, toller Geschmack: die Wildente mit Calvadosrahm und Apfelspalten. © Jörg Heckenkamp

Nämlich die Hauptgerichte. Wie schon erwähnt, überzeugen sie auf ganzer Linie. Lediglich die Konsistenz der Ente bringt mein Gegenüber kurz ins Grübeln. Einige Stücke waren doch etwa härter vom Fleisch. „Aber es ist eben eine Wildente, da ist das Fleisch nicht immer butterweich“, meint sie. Den Geschmacksfreuden tut das keinen Abbruch. Vor allem die Calvaldossoße ist ein Träumchen für sich.

Heidekrug: Eingeschränkte Öffnungszeit, uneingeschränkter Genuss

Das Filet selbst schlägt mit 16 Euro zu Buche, für die Beilagen (Kroketten, Gemüse, Soße) kamen insgesamt 4,80 Euro oben drauf. Alles sein Geld wert. © Jörg Heckenkamp

Gleiches kann ich von meiner Pfifferling-Rahmsoße berichten, die der perfekte Begleiter für mein rosa gebratenes und doch butterweiches Steak ist. Meine Begleitung probiert bei mir, schaut einmal kurz hoch und meint: „Besser geht‘s nicht.“

Ähnliche Lobeshymnen stimmen wir für den selbstgemachten Rosenkohl (noch knackig genug, aber nicht zu bitter), den bissfesten Blumenkohl, Erbsen- und Möhren und vor allem für die offenbar selbstgemachte Sauce Hollandaise an. Die glänzt durch buttrigen Geschmack, der genau den richtigen Zitronen-Ton aufweist und gefällt allgemein durch die „cremig-fluffige Konsistenz“, wie die Küchen-Könnerin an meinem Tisch es ausdrückt.

Wir fühlen uns rundum bestens verwöhnt, auch was die Größe der Portionen angeht. Zum Schluss haben wir doch noch einen Verbesserungsvorschlag: Wenn die Teller angewärmt gewesen wären, hätten wir noch länger Freude an den köstlichen Gerichten gehabt.

Heidekrug: Eingeschränkte Öffnungszeit, uneingeschränkter Genuss

Das zweite Dessert, eine fluffige Creme auf Pflaumen, mundete hervorragend. © Jörg Heckenkamp

Womit wir beim kühlen Abschluss der bis dato sensationell guten Speisenfolge sind: Dessert. Die Dame wählt die Herrencreme, der Herr den Herbsttraum, der sich als eine Creme auf Pflaumen entpuppt. Und zwar in einer Konsistenz und geschmacklichen Brillanz, dass ich, nun mehr pappsatt, loben kann: „Vanillig, sahnig, cremig.“ Den Preis von vier Euro ist sie mehr als wert.

Heidekrug: Eingeschränkte Öffnungszeit, uneingeschränkter Genuss

Die Herrencreme schmeckte meiner Begleitung, allerdings waren ihr die zahlreichen Blockschokolade-Stücke zu groß. © Jörg Heckenkamp

Meiner Begleitung mundet die Herrencreme ebenfalls hervorragend, sie stört sich allerdings an den kräftigen Blockschokolade-Stückchen. Aber sie weiß selbst: Das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich dagegen mag solche bissfesten Stücke.

Die Getränke

Biere, Weine, Sekt, alkoholfreie oder heiße Getränke, Spirituosen und Cocktails - die Getränkekarte ist umfangreich, die Preise sind gemäßigt. So kostet ein Glas Wein (0,2 l) meist 4 Euro. Das Krombacher-Pils (0,3 l) ist für 2,10 Euro zu haben, das Glas Cola (0,3 l) für 2,20 Euro. Die Flasche Weizenbier schlägt mit 3,50 Euro zu Buche, ein Espresso mit 1,80 Euro.

Die Preise

Sind für den unkundigen zunächst sehr günstig. Wahrscheinlich fällt es auch erst nach einer Weile auf (so ging es mir jedenfalls), dass (fast) alle Hauptgerichte ohne Beilagen aufgeführt sind. Die kann man sich gegen Aufpreis selbst zusammenstellen. Was ja auch seine Vorteile hat, zumal die Preise sehr moderat ausfallen. Wie oben angeführt kostete mein Rinderfilet inklusive drei Sonderbeilagen 20,80 Euro. Die Wildente auf der Sonderkarte war komplett mit Kroketten und Rosenkohl für 17,90 Euro zu haben. Die Wildkraftbrühe tauchte mit 4,50 Euro auf der Abrechnung auf, die beiden Desserts (traum-haft!) mit jeweils 4 Euro. Eine gebackene Forelle inkl. Kartoffeln und kleinem Salat ist für 14,80 Euro zu haben. Die vier Kindergerichte kosten alle günstige 5,50 Euro.

Kurzum: Was wir gegessen haben, war jeden Euro wert, eher noch günstig zu nennen.

Heidekrug: Eingeschränkte Öffnungszeit, uneingeschränkter Genuss

Der große Speisenraum war herbstlich dekoriert. © Jörg Heckenkamp

Die Atmosphäre

Das Landgasthaus ist etwas in die Jahre gekommen. Der Laminatboden im großen Speisenraum und die überholten Sitzmöbel fallen mir negativ auf, das Bemühen um die jahreszeitliche Dekoration positiv. Wir haben uns insgesamt jedenfalls wohl gefühlt, hatten auch keinen anderen Rahmen erwartet.

Der Service

Unsere beiden jungen Bedienungen machten ihre Sache hervorragend. Sie waren aufmerksam, freundlich und zuvorkommend.

ACHTUNG 1: Der Heidekrug lässt keine Kartenzahlung zu. Bargeld ist angesagt. Wir mussten tatsächlich unsere letzten Reserven mobilisieren, um die Rechnung über knapp 70 Euro zahlen zu können und um nicht in der Spülküche zu landen.

ACHTUNG 2: Entgegen der Angaben in der Speisenkarte hat der Heidekrug drei Ruhetage, nämlich montags, dienstags und mittwochs. Die Angaben im Netz sind korrekt (Stand November 2018).

Jahreszeitlich bedingt bietet das Lokal Sonderaktionen wie Struwen-Essen, Wildkarte, Gänse-Essen oder Grillen im Sommer.

Kinderfreundlichkeit

Vier günstige Kindergerichte hält die Karte bereit. Die anderen Gerichte der Karte sind als kleine Portionen zu haben, „die Kinder zahlen dann den Preis wie beim Seniorenteller“, sagt Wirtin Elisabeth Berger.

Im Sommer ist der große Biergarten des Heidekrugs gern angesteuertes Ziel für Radfahrer, auch für Familien, da es einen großen Spielplatz gibt.

Barrierefreiheit

Pluspunkt: Das Landgasthaus hat einen eigenen Zugang für Rollstuhlfahrer. Auch der Saal ist barrierefrei. Der Weg vom Speisensaal bis zu den Toiletten ist lang.

Mein Fazit

Ich habe einen unerwartet köstlichen Abend verbracht. Und das zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis mit aufmerksamem Service. Lediglich die Einrichtung war nicht so ganz nach meinem Geschmack.

Anfahrt/Parken

Das Restaurant liegt weit im Außenbereich, an der Verbindungsstraße zwischen Werne-Horst und Herbern. Im Sommer ist der Heidekrug Zielpunkt vieler Fahrradtouren. Parkplätze sind direkt am Haus vorhanden.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Restaurant-Check Landgasthaus Heidekrug

Der Heidekrug liegt, wie man salopp sagt, in der Knüste. Aber ein Besuch lohnt sich trotz längerer Anfahrt auf jeden Fall.
15.11.2018
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Schön angemacht, gute Portion, toller Geschmack: die Wildente mit Calvadosrahm.© Jörg Heckenkamp
Wirtin Elisabeth Berger (68).© Astrid Berger
Der schön eingedeckte Festsaal.© Astrid Berger
Blick in den großen Speisenraum.© Astrid Berger
Das Filet selbst schlägt mit 16 Euro zu Buche, für die Beilagen (Kroketten, Gemüse, Soße) kamen insgesamt 4,80 Euro oben drauf. Alles sein Geld wert.© Jörg Heckenkamp
Anziehungspunkt für Radfahrer ist im Sommer der Biergarten des Landgasthauses Heidekrug.© Astrid Berger
Der schön eingedeckte Saal bietet bestuhlt bis 120 Personen Platz.© Astrid Berger
Der Haupteingang findet sich seitlich vom langgezogenen Gebäude an der Herberner Straße 19.© Jörg Heckenkamp
Der frühere Haupteingang mit mit einer breiten Rampe für Rollstuhlfahrer versehen.© Jörg Heckenkamp
Perfekter Auftakt: die Wildkraftbrühe mit Pfannkuchen-Streifen.© Jörg Heckenkamp
Links das Restaurant, im Hintergrund der Saal.© Jörg Heckenkamp
Herzallerliebst - im Eingangsbereich findet sich dieses herbstliche Arrangement.© Jörg Heckenkamp
Ein Espresso muss nachher sein, 1,80 Euro.© Jörg Heckenkamp
Der große Speisenraum war herbstlich dekoriert.© Jörg Heckenkamp
Die Herrencreme schmeckte meiner Begleitung, allerdings waren ihr die zahlreichen Blockschokolade-Stücke zu groß.© Jörg Heckenkamp
Das zweite Dessert, eine fluffige Creme auf Pflaumen, überzeugte rundum.© Jörg Heckenkamp

Was sagt das Netz zum Landgasthaus Heidekrug?

4,5 von 5 Sternen sind der Durchschnitt von insgesamt 74 Google-Rezensionen. Oft loben die Gäste den Biergarten.

Bei Tripadvisor finden sich zwei Einträge, einer befriedigend, einer gut.

Restaurant-Infos

Landgasthaus Heidekrug, Herberner Straße 19, 59368 Werne, Tel. (02599) 759062.

Der Heidekrug bei Facebook

Donnerstags bis samstags von 17 bis 22 Uhr, sonntags 10 bis 22 Uhr, Frühstück auf Anfrage.

Montags bis mittwochs geschlossen.

Alle Werner Restaurant-Checks

Wie funktioniert der Restaurant-Check? Wir gehen ohne Vorankündigung in die jeweiligen Restaurants – als ganz normale Gäste. Wir sind keine Gastro-Experten, sondern einfach Menschen, die gerne an schönen Orten essen. Wir beschreiben die Läden so, wie wir über sie auch mit Freunden und Bekannten sprechen würden. Mit ihren Schwächen, mit ihren Stärken. Ehrlich. Nachdem wir die Rechnung beglichen haben, offenbaren wir uns und vereinbaren für die nächsten Tage einen Fototermin für die Gaststätten-Aufnahmen.
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