Brieftauben gehören bei Familie Schulz zum Alltag. Vieles dreht sich um das Federvieh. Doch das „Brieftaubenwesen“ hat einen schweren Stand. An dem Kulturerbe gibt es auch harsche Kritik.

Werne

, 03.01.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Taubenschläge – das sind doch diese verdreckten, heruntergekommenen Scheunen, in denen Dutzende Tiere auf engstem Raum hysterisch herumflattern und derart Radau machen, dass dem Nachbarn selbst die größte Lärmschutzwand nichts bringt. Muss doch so sein – sonst wäre die Floskel „es geht hier zu, wie im Taubenschlag“ ja völlig sinnlos. Und doch: Mit der Realität hat diese Annahme kaum noch etwas zu tun…

Louisa Schulz (19) streut etwas Futter auf den Boden. Binnen Sekunden haben sich ein paar gefiederte Freunde bereits zum Aufpicken versammelt. Relativ geordnet sogar, fast schon in Reih‘ und Glied. Hier im Taubenschlag von Familie Schulz lässt es sich gut leben. Vor allem, wenn man eine Brieftaube ist.

Louisa füttert die Tauben – und die wirken alles andere als gestresst.

Louisa füttert die Tauben – und die wirken alles andere als gestresst. © Felix Püschner

Der Schlag hat fast schon etwas Luxuriöses an sich: Auf knapp 30 Quadratmetern hausen gut 100 Tiere, sowohl Zucht- als auch Reise- beziehungsweise Flugtauben. Es gibt Kotbänder, die die Notdurft der Tiere auf Knopfdruck abtransportieren und eine Art Klimaanlage, die vor allem im Sommer dafür sorgt, dass die Luft im Schlag besser ist als draußen.

Nicht mehr wie bei Opa auf dem Dachboden

„Das ist nicht mehr so wie früher bei Opa auf dem Dachboden. Da wurde vielleicht nur einmal im Jahr saubergemacht und man brauchte eine Atemschutzmaske“, sagt Michael Schulz (51). Seine Tochter grinst und nickt. Das „Brieftaubenwesen“, das ist hier eine echte Familiensache, eine Tradition. Aber eine, die kontinuierlich verblasst.

Die Brachtstraße, in der das Haus und der Schlag von Familie Schulz stehen, galt einst als Taubenhochburg. „Hier gab es früher mal über 50 Züchter“, sagt Andrea Schulz (48). Heute gibt es nur noch einen: ihren Mann Michael. Und der lebt sein großes Hobby schon seit 40 Jahren aus.

„Besser ein Brieftaubenzüchter als jemand, der jeden Sonntag auf dem Sportplatz steht“

„Als wir uns 1988 kennengelernt haben, hatte er natürlich schon Tauben. Und ich dachte mir: Besser ein Brieftaubenzüchter als jemand, der jeden Sonntag auf dem Sportplatz steht“, erinnert sich Andrea.

Da habe sie offen gesagt aber auch noch nicht gewusst, wie viel Arbeit dieses Hobby mit sich bringt. Denn Michael ist nach der Arbeit täglich im Schlag. Im Sommer sogar vier bis fünf Stunden. Ob das Frau und Tochter stört? Überhaupt nicht, denn die sind längst ebenfalls Feuer und Flamme für das Federvieh. Ist eben eine Familiensache.

Michael Schulz geht seinem Hobby schon seit 40 Jahren nach und hat Tochter Louisa und Frau Andrea längst dafür begeistert.

Michael Schulz geht seinem Hobby schon seit 40 Jahren nach und hat Tochter Louisa und Frau Andrea längst dafür begeistert. © Felix Püschner

Und warum gerade Tauben? „Ich habe früher nie verstanden, was Papa da hinten im Schlag eigentlich immer so lange macht. Aber wenn man sich etwas mehr mit den Tieren beschäftigt, sie zahm werden, einem auf der Schulter sitzen – dann baut man da schon eine besondere Beziehung auf“, sagt Louisa.

Wenn Michael Schulz von seinen Tauben spricht, dann spürt man eine ordentliche Portion Pathos. Manchmal klingt es fast schon romantisch. Und man kann es sich geradezu bildlich vorstellen: Ein angenehmer Sommertag. Schulz sitzt auf seiner Bank im Garten und blickt in den Himmel. Da tauchen plötzlich Tauben am Horizont auf, kommen immer näher und steuern zielsicher den heimischen Schlag an.

Faktencheck

Die Brieftaube

In Deutschland gibt es aktuell über 2.500.000 Brieftauben. Eine Brietaube kann bis zu 120 km/h schnell fliegen und täglich eine Distanz bis zu 1.000 km Luftlinie zurücklegen. Brieftauben stammen von der Felsentaube ab und gehören zur Rasse der Haustauben. Wegen ihres guten Flug- und Heimfindevermögens nutzten die Menschen die Tiere früher als Botentauben.

Schulz erkennt die Tauben schon aus der Ferne – und zwar nicht nur, dass es seine Tauben sind, sondern auch um welche genau es sich im Einzelfall handelt. Schließlich hat jede Taube ihr eigenes Aussehen, ihren eigenen Charakter, ihr eigenes Verhalten.

Schulz pfeift und die Tiere kommen an ihren Platz

Merkmal des Federviehs Nummer 245 ist es beispielsweise, den Heimatschlag nicht aus südöstlicher Richtung anzufliegen. Kann ja jeder. Manchmal will man offensichtlich auch als Taube aus der Menge herausstechen.

Schulz pfeift dann kurz und die Tiere flattern herein, jedes an seinen Platz. Alles muss schließlich seine Ordnung haben. Auf dem Dach rumlungern so wie zu Opas Zeiten? Unvorstellbar.

Voraussetzungen: ein bisschen verrückt sein und gute Nachbarschaft

Schulz, der aktuell Vorsitzender des 600 Mitglieder zählenden Regionalverbands 412 ist, sagt, es brauche vier Dinge, um Tauben zu „spielen“ (wie es so schön heißt): Vor allem Zeit und Platz. Zudem müsse man noch ein bisschen verrückt sein und – ganz wichtig – eine gute Nachbarschaft haben.

Denn obwohl es heute rundum und im Taubenschlag gesitteter zugeht als früher, ist nicht jeder von dem Hobby begeistert. Die Nachbarn von Schulz haben keine Probleme damit. Andere hingegen schon. Und das trübt die Idylle merklich…

Kritik der Tierschützer: „Tauben werden in den Tod geschickt“

Denn am „Brieftaubenwesen“ gibt es auch Kritik. Allen voran von Deutschlands größter Tierrechtsorganisation: Peta. Die nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Bewertung des Taubensports, den Umgang mit den „Rennpferden des kleinen Mannes“ geht. Dort heißt es unter anderem im Wortlaut:

  • Brieftauben werden für Auszeichnungen in den Tod geschickt. Die „Verlustrate“ bei Taubenwettflügen liegt bei 53 Prozent.
  • Gnadenlose Leistungszucht: Sie werden getötet, wenn sie nicht schnell genug sind.
  • Den Züchtern geht es nicht um das Wohlbefinden der Tiere, sondern nur um wirtschaftlichen Gewinn. Die Tiere werden auf Auktionen an den Höchstbietenden verscherbelt.

Schulz kennt diese Kritik natürlich. Die sei nicht neu. Aber sie komme aktuell wieder verstärkt auf. „Und ich bin ehrlich: In manchen Dingen hat Peta sogar Recht“, sagt Schulz. Allerdings nicht mit allem und auch nicht in der Form, in der es die Organisation darstelle.

Da wären zum Beispiel die 56 Prozent „Verlustrate“. Diese Zahl stammt aus einer Studie. Sie bedeutet jedoch keinesfalls, dass mehr als die Hälfte der Tiere bei Wettflügen elendig krepiert – an Dehydration, Erschöpfung und Verletzungen, wie Peta schreibt.

So spektakulär sieht kann ein Auflass der Brieftauben zum Wettflug aussehen. Aber schicken die Züchter ihre Tiere wirklich in den Tod, wie die Peta behauptet?

So spektakulär sieht kann ein Auflass der Brieftauben zum Wettflug aussehen. Aber schicken die Züchter ihre Tiere wirklich in den Tod, wie die Peta behauptet? © Verband Deutscher Brieftaubenzüchter

Tatsächlich verhält es sich mit der „Verlustrate“ etwas anders. Sie gibt vielmehr Aufschlüsse über den Anteil der Tiere, die ein Züchter beziehungsweise Spieler konstant über die gesamte Reisesaison einsetzt. Heißt im Klartext: Wer im ersten Rennen 50 Tauben an den Start schickt, im letzten Saisonrennen aber nur noch 25 davon, der hat eine Verlustrate von 50 Prozent.

Die Gründe dafür sind vielseitig: Tauben können verloren gehen, Raubvögeln oder Windrädern zum Opfer fallen. Es kann aber auch sein – und das ist laut Schulz meistens so –, dass ein Züchter zum Schluss nur noch die Tauben einsetzt, die Siegchancen haben. Der Rest wird geschont. Verlust heißt nicht unbedingt Tod. Auch das kann man besagter Studie entnehmen.

Wettbewerbe haben einen besonderen Reiz

„Wenn ich Tauben auf den Wettflug schicke, möchte ich auch alle wiederhaben. Ich will keine verlieren“, sagt Schulz. Natürlich habe der Wettbewerb einen besonderen Reiz und als Züchter sei er auch ehrgeizig – aber eben nicht um jeden Preis.

Der 51-Jährige hat in der abgelaufenen Saison 46 Jungtauben an den Start geschickt. Verloren gegangen sind ihm vier. Schulz dreht seinen Tauben auch nicht den Hals um, wenn sie zu langsam sind. Die älteste Taube im Schlag ist stolze 17 Jahre alt. Wettbewerbe sind da schon längst nicht mehr drin.

Eine Taube für 2,75 Millionen Euro

Auch die Zucht hat für Schulz einen gewissen Reiz. Das sei wie bei Pferden, sagt er. Es gebe ein paar erfolgreiche Linien, die eine „überproportional gute Nachzucht“ einbringen. Und gerade in China explodiere der Markt. Die teuerste Taube sei dort in diesem Jahr für 2,75 Millionen Euro versteigert worden. Geld spielt also durchaus eine Rolle.

„Man darf den Ehrgeiz nicht über das Wohl der Tiere stellen.“
Michael Schulz

„Und es gibt unter den Taubenzüchtern sicherlich auch schwarze Schafe“, betont Schulz. Schwierig werde es dann, wenn der Ehrgeiz zu groß und die Versorgung der Tiere nicht angemessen sei.

Wenn ein Spieler umgekehrt jedoch das Wohl der Tiere über den Erfolg stelle und den Sport auf moderne Weise betreibe, gebe es auch keine Probleme: „Ich lasse meine Tiere zum Beispiel regelmäßig vorsorglich vom Tierarzt untersuchen und spreche mit Ernährungswissenschaftlern. Wer Höchstleistung erbringen will, muss trainieren und sich entsprechend ernähren. Das gilt für Tauben genauso wie für Marathonläufer. Wenn ein Tier nicht hundertprozentig fit ist, dann muss es halt zuhause bleiben.“

Kommission kann einschreiten

Dass es inzwischen eine Kommission gibt, die einen Wettflug untersagen kann, wenn die Wetterbedingungen fragwürdig sind, hält der Verbandsvorsitzende für einen wichtigen Schritt. Eine solche Absage habe es bei der jüngsten Hitzewelle auch schon gegeben. „Und das war die richtige Entscheidung. Wenn die Bedingungen bedenklich sind, sollte man nicht starten dürfen“, sagt Schulz.

Er plädiere ohnehin für professionelle Unterstützung durch Meteorologen. Denn wenn die Tiere auf ihrem Flug durch ein 150 Kilometer breites Regenband fliegen müssen und dann „ziemlich bescheiden nach Hause kommen“, dann schade das vor allem den Tauben – aber letztlich auch den Züchtern und ihrem Ansehen.

Das Brieftaubenwesen hat Tradition. Aber ist es auch ein Kulturerbe?

Das Brieftaubenwesen hat Tradition. Aber ist es auch ein Kulturerbe? © Felix Püschner

Das Brieftaubenwesen als Kulturgut

Dass die Züchter keinen leichten Stand haben, zeigt auch die Entscheidung der Unesco-Kommission, die dem Brieftaubenwesen erst vor wenigen Wochen eine Abfuhr erteilt hat.

Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter hatte sich um die Aufnahme des traditionsreichen Brauchtums in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes beworben. Während dies auf NRW-Ebene vor einigen Monaten bereits gelang, blieb es den Taubenfreunden auf bundesweiter Ebene versagt. In der Begründung der Unesco heißt es hierzu:

„In der vorgelegten Bewerbung werden jedoch gesellschaftliche Kontroversen um Tierhaltung und -nutzung nicht thematisiert. Eine Reflektion über eine angemessene Mensch-Tier-Beziehung und damit verbundener ethischer Fragen findet nicht statt. Die teils vordergründige kommerzielle Nutzung der Tiere im Wettbewerbskontext widerspricht den Aufnahmekriterien des Verzeichnisses. Auch ist unklar, ob die Einhaltung der Tierschutzgesetze Deutschlands durch die Praktizierenden jeweils vollumfänglich gewährleistet ist.“

Die Brieftaubenzüchter sehen das anders. Von deren Seite heißt es: „ Dass das Brieftaubenwesen dem Deutschen Tierschutzgesetz folgt und sich darüber hinaus noch selbst höchste Tierschutzstandards auferlegt, ist für uns selbstverständlich. Das Wohlergehen der Brieftauben steht für uns jederzeit im Vordergrund.“

Schulz sieht das genauso. Und er sei auch bereit, mit Gegnern seines Hobbys zu diskutieren, auf sachlicher Ebene. Damit es irgendwann nicht mehr nur im Taubenschlag gesitteter zugeht.

Info: In Deutschland gibt es aktuell über 30.000 Brieftaubenzüchter. Das Brieftaubenwesen entstand in Belgien Anfang des 19. Jahrhunderts und schwappte schnell nach Deutschland über, wo sich 1884 ein erster Brieftaubenzüchterverband gründete. Im April 2018 wurde das Brieftaubenwesen in das Inventar der immateriellen Kulturgüter Nordrhein-Westfalens aufgenommen. Neben der Haltung und Zucht der Tiere sowie den Wettflügen über unterschiedliche Distanzen gehören auch Ausstellungen der Tiere zum Brieftaubenwesen.
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