Dort soll es entstehen: Das geplante Industriegebiet an der Nordlippestraße in Werne hat für viel Protest gesorgt. Eine Bürgerinitiative stemmt sich gegen das Vorhaben. © Felix Püschner
Nordlippestraße

Industrie- und Gewerbegebiet Werne: Fragen und Antworten im Überblick

Um das geplante Industrie- und Gewerbegebiet an der Nordlippestraße in Werne gibt es reichlich Diskussionen. Aber auch immer wieder Verunsicherung. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Der regionale Kooperationsstandort Nordlippestraße Nord in Werne gehört aktuell zu den meist diskutierten Themen der Lippestadt. Er sorgt für erhitzte Gemüter, Proteste, Rechtfertigungen – und immer wieder für Verunsicherung. Kein Wunder bei einem derart großen und wohl auch folgenreichen Projekt. Wir geben einen Überblick über wichtige Fragen und Antworten.

Was soll dieser „Regionale Kooperationsstandort Nordlippestraße Nord“ eigentlich sein?

Der Regionalverband Ruhr (RVR) möchte an insgesamt 24 Standorten im RVR-Gebiet größere Gewerbeflächen entwickeln. Zu diesen Standorten soll – wenn es nach dem Willen der Stadt und eines Großteils der Politik geht – auch Werne zählen. Der Grund: Das Angebot an zusammenhängenden Gewerbeflächen ist in der Lippestadt in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.

Die Nachfrage ist zugleich riesig. So hat die Wirtschaftsförderung laut eigenen Angaben im vergangenen Jahr mehr als 40 Anfragen von Firmen ablehnen müssen. Durch den fehlenden Platz könnten sich keine neuen Firmen ansiedeln, bestehende Firmen könnten sich nicht erweitern, heißt es.

So sehen die Pläne aus: Die Werner Politik hat bislang aber lediglich ihre Zustimmung für den nördlichen Teil (32 Hektar) gegeben. Der südliche Teil ist quasi nur eine regionale Optionsfläche.
So sehen die Pläne aus: Die Werner Politik hat bislang aber lediglich ihre Zustimmung für den nördlichen Teil (32 Hektar) gegeben. Der südliche Teil ist quasi nur eine regionale Optionsfläche. © Stadt Werne © Stadt Werne

Wo genau befindet sich der Standort und wie groß ist die Fläche?

Vorgesehen ist eine rund 32 Hektar große und derzeit überwiegend landwirtschaftlich genutzte Fläche zwischen Nordlippestraße, Münsterstraße (B54) und Schulze Twenhöven. Optional könnte eine 28 Hektar große Fläche südlich der Nordlippestraße hinzukommen. Letztere ist zwar in dem vom RVR erarbeiteten „Sachlichen Teilplan Regionale Kooperationsstandorte zum Regionalplan Ruhr“ eingezeichnet, doch nach Angaben der Stadtverwaltung nicht in die aktuelle Entwicklungsplanung für Werne einbezogen.

Warum hat man sich ausgerechnet diesen Bereich in Werne ausgesucht?

Weil es insbesondere aus Sicht der Verwaltung keine Alternativen gibt. Im Werner Süden befindet sich ein Naturschutzgebiet, im Osten gibt es aus regionalplanerischer Sicht Einschränkungen. Im Westen befinden sich bereits zwei große Gewerbegebiete (Wahrbrink). Das Gelände des Gersteinwerks käme als Kooperationsstandort zwar infrage – und ist im RVR-Plan auch vermerkt –, steht allerdings noch nicht zur Verfügung. Schließlich dient es noch der Kapazitätsreserve für die Netzstabilität in Deutschland.

Im bisherigen Flächennutzungsplan waren noch 13 Hektar Gewerbeflächen ausgewiesen, doch die sind laut Stadtverwaltung fast gänzlich bereits veräußert. Insgesamt gibt es in Werne aktuell 289 Hektar Gewerbefläche. Das entspricht etwas weniger als 5 Prozent der versiegelten Fläche in der Lippestadt.

Die Bürgerinitiative BIN kritisiert die Flächenversieglung, die mit einem Industrie- und Gewerbegebiet einhergehen würde.
Die Bürgerinitiative BIN kritisiert die Flächenversiegelung, die mit einem Industrie- und Gewerbegebiet einhergehen würde. © Felix Püschner © Felix Püschner

Wie weit sind die Planungen fortgeschritten – und was passiert als nächstes?

Die Mitglieder des Ausschusses für Stadtentwicklung, Planung und Wirtschaftsförderung haben im März 2021 mehrheitlich für eine Änderung des Flächennutzungsplans – von landwirtschaftlicher zu gewerblicher Fläche – und die Aufstellung eines Bebauungsplans gestimmt. Beides mit Blick auf den Teil nördlich der Nordlippestraße. Zugleich haben sie die Verwaltung damit beauftragt, eine Rahmenplanung zu erarbeiten.

Diese zielt offiziell darauf ab, „Voraussetzungen für ein möglichst umweltverträgliches und nachhaltiges Gewerbegebiet“ zu schaffen. Die Rahmenplanung bildet die Grundlage für alle weiteren Planungen und umfasst unter anderem Konzepte für Energie und Verkehr.

Kann die Stadt selbst entscheiden, welche Unternehmen sich ansiedeln?

Verwaltung und Politik haben immer wieder betont, dass die Planungshoheit und das Baurecht bei der Kommune selbst liegen. Die Stadt kann die ansiedelnden Unternehmen demnach also selbst auswählen und beispielsweise vertraglich festhalten, welche spezifischen Anforderungen an den Klimaschutz von den Firmen eingehalten werden müssen.

Bürgermeister Lothar Christ hatte in diesem Zusammenhang zuletzt betont: „Eine Schwerindustrie mit hohen, rauchenden Schornsteinen wollen wir auch in Zukunft nicht haben.“ Genauso wenig wolle man große Logistik-Unternehmen, die viel Fläche benötigen, aber nur wenige Arbeitsplätze schaffen.

Laut Polizeiangaben nahmen rund 500 Leute an einer Protest-Aktion im März teil.
Laut Polizeiangaben nahmen rund 500 Leute an einer Protest-Aktion im März teil. © Jörg Heckenkamp (A) © Jörg Heckenkamp (A)

Wie steht die Bevölkerung zu dem Vorhaben?

Es gab bereits mehrere Protest-Aktionen. Im Vorfeld der Ausschusssitzung im März demonstrierten gut 200 Bürger an der Alten Münsterstraße gegen die Pläne. Gut eine Woche später waren es sogar rund 500 Menschen, die sich auf Einladung der Initiative „Natürlich! Werne“ an der B54 versammelten und eine Menschenkette bildeten, um ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen. Inzwischen hat sich mit der „Bürgerinitiative Industriegebiet Nordlippestraße“ (BIN) eine weitere Gemeinschaft gegründet, die den Kooperationsstandort an dieser Stelle unbedingt verhindern will – und unter anderem bereits 250 Teilnehmer für eine Protest-Radtour gewinnen konnte.

Zudem teilte die Stadt Anfang April mit, dass ein Bürgerbegehren angestrebt wird. Die Initiatoren fordern die Rückabwicklung der Beschlüsse des Ausschusses. Möglich ist auch, dass die Sache auf einen Bürgerentscheid hinausläuft.

Welche Argumente sprechen für den Kooperationsstandort an der Nordlippestraße?

Grundsätzlich haben die Planungen viele Befürworter – abgesehen von der Stadtverwaltung gehören unter anderem ein Großteil der Werner Politik und die Aktionsgemeinschaft „Wir für Werne“ dazu. Weit oben auf der Liste der Pro-Argumente stehen wirtschaftliche Aspekte: der Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Gewerbesteuereinnahmen. Die Stadt fürchtet, dass bestehende Unternehmen abwandern könnten, weil sie keine räumlichen Erweiterungsmöglichkeiten in Werne haben.

Man müsse bei den Planungen aber ein besonderes Augenmerk auf die Umwelt- und Klimaschutzaspekte legen, fordern die Befürworter. Im Zuge der Projektvorstellung hat die Stadtverwaltung mehrere Punkte aufgeführt, wie man dem gerecht werden könnte – angefangen bei Photovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerken bis hin zu Ladeplätzen für E-Fahrzeuge.

Welche Argumente haben die Gegner bislang vorgetragen?

Letztlich stellt ein solches Industrie- und Gewerbegebiet einen starken Eingriff in die Natur dar. Ein wichtiger Punkt für die BIN ist in diesem Zusammenhang der Erhalt des „grünen Tores zum Münsterland“. Neben der Flächenversiegelung und dem damit einhergehenden Verlust eines Naherholungsgebiets gibt es seitens der Kritiker aber auch erhebliche Zweifel daran, dass Wunsch und Realität am Ende tatsächlich deckungsgleich sein werden.

Die Sorge ist demnach groß, dass die Stadt letztlich genau die Unternehmen bekommt, die sie eigentlich nicht haben will: weitere Großunternehmen mit wenigen Arbeitsplätzen, die dann gegebenenfalls sogar nur prekäre Beschäftigungsverhältnisse bieten.

Über den Autor
Redakteur
Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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Felix Püschner

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