Tierquälerei oder Tierschutz? Die Jagd wird hierzulande kritisch beäugt. Dennoch finden immer mehr Frauen Gefallen daran. Drei Jägerinnen aus Werne sprechen über die Faszination Jagd.

Werne

, 14.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die einen sagen Tierquälerei, die anderen Regulierung des Wildbestandes. „Jäger kümmern sich um den Naturschutz“ kontra „Jäger lieben die Lust am Töten“. Es gibt kontroverse Diskussionen um die Jagd in Deutschland.

Klar ist, dass sich der Nabu (Naturschutzbund Deutschland) zu einer naturverträglichen Jagd bekennt und die Landesregierung bald ein neues Jagdgesetz verabschieden will – zugunsten der Waidmänner und -frauen. Ja, die Jagd wird immer beliebter und weiblicher.

2018 haben laut Deutschem Jagdverband 20.060 Anwärter bundesweit für den Jagdschein gepaukt, eine Verdoppelung binnen rund zehn Jahren. 2009 waren es noch 9656 Teilnehmer. Die Frauenquote sei deutlich auf knapp ein Viertel gestiegen. Aktuell gibt es etwa 385.000 aktive Jäger. 230 Mitglieder zählt der Hegering Werne. Davon sind 22 weiblich.

Jagd ist eine Familientradition

Was fasziniert die Frauen an der Jagd, die in der Bevölkerung bisweilen kritisch beäugt wird? Drei Jägerinnen aus Werne – unterschiedlichen Alters – erklären es.

Die Jagd ist Familientradition. Annegret Lohmann (64) aus Werne hat ihren Jagdschein schon seit 27 Jahren. Damals habe man sie schon skeptisch angeschaut, als sie sagte, sie wolle nun auch den Schein machen. „Erst wurde das nicht ganz ernst genommen. Aber meine Familie ging jagen und dann hat es mich irgendwie auch gepackt“, sagt Lohmann heute.

Tradition, Natur und Fleisch: Das macht für drei Jägerinnen aus Werne die Jagd aus

Annegret Lohmann (64) hat ihren Jagdschein vor 27 Jahren gemacht und wurde seinerzeit noch skeptisch angeschaut. © Andrea Wellerdiek

Seinerzeit war sie eine der wenigen Frauen, die überhaupt einen Jagdschein gemacht haben. Dabei wusste sie zunächst gar nicht, ob sie nach dem „grünen Abitur“ überhaupt jagen gehen würde. Doch das Interesse sei immer größer geworden, erzählt sie.

„Ich habe es noch nicht eine Sekunde bereut, den Jagdschein gemacht zu haben“, sagt sie rückblickend. Sie sei stets mit Respekt behandelt worden. „Ich hatte keine Probleme in der Männerwelt. Ich bin akzeptiert worden“, erzählt die Wernerin, die auch in den Vorstand des Hegerings Werne gewählt wurde. Die 64-Jährige engagierte sich zudem lange in der Jagdhundeausbildung und bei den Jagdhornbläsern.

Tradition, Natur und Fleisch: Das macht für drei Jägerinnen aus Werne die Jagd aus

Yvonne Schulz (28) ist durch ihren Onkel zur Jagd gekommen. Heute nimmt die Lehrerin gern auch Freunde mit auf den Hochsitz, um ihnen das Jagdwesen zu zeigen. © Andrea Wellerdiek

Während Annegret Lohmann mit 36 Jahren ihren Jagdschein ablegte, absolvierte Yvonne Schulz (28) noch vor ihrem 18. Geburtstag die Prüfung. Schon als Kind ist sie mit ihrem Onkel zur Jagd gegangen. Wie der Onkel mit seinem Hund umgegangen ist - diese besondere Beziehung – das habe sie schon damals als kleines Mädchen fasziniert.

Der Onkel habe sie dann irgendwann für den Jagdschein angemeldet. Noch ohne Führerschein wurde Yvonne Schulz von ihm auch zu den Kursen gebracht. „Als ich mal drei Wochen lang einen Auslandsaufenthalt hatte, hat er sich für mich dahin gesetzt und hat alles mitgeschrieben. Die Unterlagen waren ordentlicher als meine“, erzählt sie und lacht.

Das Technische an der Waffe hat ihr dabei weniger gelegen, so die 28-Jährige. Die Arbeit mit dem Hund hingegen interessierte sie von Anfang an. Dementsprechend leichter fiel ihr der Prüfungsbereich Hundewesen, erzählt Yvonne Schulz, die heute als Lehrerin tätig ist.

Tradition, Natur und Fleisch: Das macht für drei Jägerinnen aus Werne die Jagd aus

Claudia Bleckmann (40) hat seit mehr als 20 Jahren ihren Jagdschein. Heute ist sie Geschäftsführerin im Hegering Werne. © Andrea Wellerdiek

Claudia Bleckmann (40) nickt zustimmend. Sie selbst habe mehr für den Jagdschein als für ihr Abitur gelernt, erzählt sie. Auch sie ist praktisch mit der Jagd aufgewachsen, hat ihrem Vater regelmäßig auf der Pirsch im eigenen Revier über die Schulter geschaut.

Vor 22 Jahren hat die gelernte Agraringenieurin ihr „grünes Abitur“ mit etwa 100 schriftlichen Fragen und der praktischen Prüfung inklusive abgelegt.

„Wenn man einen Rehbock schießt, ihm die letzte Ehre erweist und dann mit nach Hause nimmt und ihn verarbeitet, ist das heute etwas Besonderes. Ein Rehwild zuzubereiten, gefällt mir. Man weiß genau, was er gefressen hat. Besseres Fleisch kann man nicht essen“, sagt die 40-Jährige, die heute Geschäftsführerin im Hegering Werne ist.

Wildgerichte mit bekannter Herkunft

Was früher gang und gäbe war, nämlich selbst zu schlachten, sei mittlerweile eine Seltenheit. „Wir alle haben den Bezug dazu verloren. Als Jägerin ist man näher dran. Man weiß, was man tut und man handelt mit der Natur – so wie die Menschen das schon lange machen“, sagt Claudia Bleckmann und blättert in einem Kochbuch für Wildgerichte, das sie gerade bei der Messe „Jagd und Hund“ in Dortmund gekauft hat. „Das sind schon tolle und moderne Rezepte heutzutage.“

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Jagdhornbläser Hegering Werne

Wie die beiden anderen Frauen bereitet Claudia Bleckmann das selbst geschossene Wild gern in der Küche zu. „Spätestens wenn man das Wild bei uns gegessen hat, gibt es keine kritischen Fragen zur Jagd mehr“, sagt Yvonne Schulz, die auf Nachfrage gern auch ihre Freunde mit auf den Hochsitz nimmt.

Dann zeigt sie, was sie an der Jagd fasziniert: „Das Zusammenspiel mit der Natur ist etwas Besonderes. Man lernt sie auf ganz intensive Weise kennen und schätzen“, sagt die 28-Jährige. Sie denkt an einen Moment zurück, von dem sie lange zehren konnte: Ein kleines Rehkitz wird vom Muttertier gesäugt. Der Nachwuchs in der idyllischen Natur – ein Anblick wie im Bilderbuch.

„Das niedliche Tier gehört genauso dazu wie das Stück Fleisch.“
Yvonne Schulz

Doch wie kann man von dieser Idylle kurz darauf wortwörtlich den Schalter umlegen? „Ich persönlich konzentriere mich auf die Situation, dass ich es richtig treffe, damit das Tier einen vernünftigen und schnellen Tod hat. Dann bin ich so aufgeregt, dass ich alles andere in den Moment ausblende. Wenn es nicht passt, bin ich wieder in einem anderen Modus und kann das Ganze genießen. Es fühlt sich nie so an, als ob man die schöne Situation kaputt machen würde. Das gehört einfach dazu. Das niedliche Tier gehört genauso dazu wie das Stück Fleisch“, sagt Yvonne Schulz.

Es ist immer eine Entscheidung von Sekunden. Alles muss passen: das Tier, die Entfernung, die Position des Tieres. „Wenn man sich unsicher ist, dann muss man den Finger gerade lassen. In dem Fall ärgere ich mich auch nicht, sondern erfreue mich an der Natur“, sagt Annegret Lohmann.

Respekt vor betagten Hirschen

Und wenn alles passt, darf man nicht allzu lange grübeln. „Bei mir geht innerlich schon etwas ab. Ich persönlich kämpfe dann noch immer ein bisschen mit mir. Immer noch“, sagt die Rentnerin. Manchmal lässt sie ihren Finger gerade.

Sie erzählt von einer Drückjagd im vergangenen Herbst. Da habe sie zweimal solch starke und betagte Hirsche gesehen, dass sie die Waffe nicht zücken konnte. „Ich hätte es nicht übers Herz bringen können. Das war mir zu gewaltig.“

Claudia Bleckmann stimmt ihr zu. Sie habe auch einmal einen wunderschönen Hirsch auf der Jagd gesehen. „Ich habe mich so daran erfreut. Den hätte ich auch nicht schießen können. Ihn anzuschauen war genauso schön. Es gibt ja das Vorurteil, dass Jäger Lust am Morden und Töten haben. Für mich ist das definitiv nicht so.“

Tradition, Natur und Fleisch: Das macht für drei Jägerinnen aus Werne die Jagd aus

Annegret Lohmann, Yvonne Schulz und Claudia Bleckmann (v.l.) verbindet die Leidenschaft für die Jagd. © Andrea Wellerdiek


Das Jagdgesetz der vergangenen rot-grünen Landesregierung setzte laut des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) bundesweit ethische und ökologische Maßstäbe, auch wenn aus Natur- und Artenschutzsicht noch weitere Verbesserungen möglich gewesen wären. Nun kündigt die neue CDU/FDP-Landesregierung ein neues Jagdgesetz an. Zum Beginn des Jagdjahres im April 2019 könnte es bereits greifen.

„Die Leistungen der Jägerinnen und Jäger für den Erhalt der Artenvielfalt und den Naturschutz müssen wieder mehr wertgeschätzt werden. Hierzu benötigen wir ein nachhaltiges, praxisgerechtes Jagdrecht in Nordrhein-Westfalen“, sagte die einstige Umweltministerin Christina Schulze Föcking (CDU) vor rund einem Jahr.

Liste der jagdbaren Tierarten könnte länger werden

Die Liste der jagdbaren Arten könnte wieder länger werden. Vor dem Regierungswechsel war der Katalog von mehr als 80 auf 28 Tierarten zusammengestrichen worden. Das heißt aber nicht gleichzeitig, dass auch mehr gejagt werden kann. Es geht vielmehr darum, dass diese Arten von den Jägern gehegt werden können.

Der Nabu bekennt sich zu einer naturverträglichen Jagd. Dabei muss das erlegte Tier sinnvoll genutzt, sprich in der Regel verzehrt, werden. Darüber hinaus darf die bejagte Art in ihrem Bestand nicht gefährdet werden.

Der Hegering Werne zählt aktuell insgesamt 230 Jäger. Davon sind 208 männlich und 22 weiblich. Sechs Jägerinnen sind jünger als 40 Jahre alt, acht Jägerinnen zwischen 40 und 60 und sechs Frauen zwischen 61 und 99 Jahre alt.
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