Die Kinder bringen ihre Eltern auf die Matte: Beim TV Werne trainieren Tochter, Sohn und Mutter gemeinsam im Judo. Dabei sind vor allem die weiblichen Judoka hier sehr erfolgreich.

Werne

, 15.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Verbeugung, linke und rechte Hand greifen ins Revers des Gegenübers. Ein schüchterner Blick geht nach oben ins Gesicht der Gegnerin. Und dann drücken, schieben, die andere von den Beinen bringen. Jule gefällt Judo. Die Elfjährige ist seit fünf Jahren dabei und sehr erfolgreich.

Wie ihre aktuelle Kontrahentin Lea konnte sie sich in ihrer Gewichtsklasse beim jüngsten Kreisturnier durchsetzen. Die beiden Mädchen sind zwei von vielen Jungen und Mädchen, die beim TV Werne trainieren. Auch ihre Geschwister und ihre Mütter sind dabei. Das ist keine Seltenheit. Der Judo-Sport ist in Werne eine Familienangelegenheit.

„Danke Papa, dass du mich damals mitgenommen hast.“ Der geflügelte Spruch im Fußballstadion gilt auch für einige Mitglieder des TV Werne. In ihrem Dojo, also ihrer Trainingshalle, gehen Erwachsene und Kinder ganz selbstverständlich gemeinsam auf die Matte. Dabei sind nicht nur die Mädchen und Jungen durch ihre Eltern zum Judo gekommen, sondern auch andersrum.

Tochter und Mutter gemeinsam im Dojo: Judo ist in Werne eine Familienangelegenheit

Mutter und Töchter im Dojo (v.l.): Bianca Glück, Sylvia Rüschenschmidt, Lea Konert, Elli Konert und Marina Althoff sowie Mira Konert und Jule Rüschenschmidt (vorn). © Andrea Wellerdiek

„Ich habe angefangen, weil auch mein Sohn Finn Judo macht“, erzählt Marina Althoff. Vor rund fünf Jahren brachte sie ihren Sohn das erste Mal zu einem Schnuppertraining in die Jahnturnhalle. Für Finn war schnell klar, dass es sein Sport werden würde. Regelmäßig saß Mutter Marina beim Training auf der Holzbank, schaute sich die Fortschritte des Nachwuchses an.

Irgendwann kribbelte es bei ihr. „Ich habe allerdings zwei Jahre gebraucht, bis ich über die kleine Kante gekommen bin“, sagt die Wernerin und zeigt auf den Mattenrand. Zu respekteinflößend und abschreckend sei es anfangs noch gewesen, als sie die Kinder hat fallen sehen. „Und die ganzen blauen Flecken habe ich bei meinem Sohn natürlich auch gesehen“, sagt sie.

Wettkampf versus Fitness

Heute bindet sie sich selbst zwar noch keinen blauen (2. Kyu), sondern den grünen Gürtel (3. Kyu) um. Innerhalb von drei Jahren, die sie jetzt dabei ist, hat sie bereits sechs Prüfungen abgelegt und den dritthöchsten Schüler-Ausbildungsgrad im Judo erreicht. Ihr Sohn Finn hat mittlerweile mit dem Judo aufgehört.

Nach dem Schülergraden folgt der Meistergrad (Dan) mit dem schwarzen Gürtel. In diese Liga ist Sylvia Rüschenschmidt, die auch durch ihre Kinder zum Judo gekommen ist, schon aufgestiegen. Die Wernerin begann erst im Erwachsenenalter mit dem Sport. Dabei möchte sich die 44-Jährige auch bewusst mit anderen messen, sich weiterentwickeln.

Viele Frauen verfolgen hingegen ein anderes Ziel: „Meistens steht der Gesundheits- und Fitnessgedanke im Vordergrund. Sie möchten sich selbst behaupten, selbstbewusster auftreten und sich verteidigen können“, erklärt Angela Andree, Breitensport-Referentin beim Nordrhein-Westfälischen Judo-Verband (NWJV).

Tochter und Mutter gemeinsam im Dojo: Judo ist in Werne eine Familienangelegenheit

Erwachsene und Kinder üben miteinander und gegeneinander die Wurftechniken. Bianca Glück bringt langjährige Erfahrung im Leistungssport mit. © Andrea Wellerdiek

Auf Leistungsniveau hat hingegen Bianca Glück zwölf Jahre lang Judo betrieben. Sie wurde 1999 und 2003 bei den Deutschen Meisterschaften jeweils Dritte in ihrer Gewichtsklasse bis 48 Kilogramm. Bis 2009 trat Glück, die auch mehrfach Deutsche Hochschulmeisterin wurde, in der Bundesliga für Bayer Leverkusen an.

Schon im Alter von fünf Jahren begann sie mit dem Sport. Auch ihr Bruder und ihre Mutter gingen auf die Matte. „Da bin ich dann mitgezogen“, erzählt die 39-Jährige.

Was folgte war jahrzehntelanger Leistungssport mit unzähligen Wettkampfteilnahmen im In- und Ausland und Trainingslagern mit der Weltelite. Das bedeutete 13 bis 14 Trainingseinheiten in der Woche – sprich zweimal am Tag morgens und abends ging es auf die Matte. Judo bestimmte ihr Leben.

Leben ohne Judo sei unmöglich

Mittlerweile ist die Grundschullehrerin zweifache Mutter. Sie lebt seit drei Jahren in Werne. Andere Dinge rückten in den Vordergrund. Doch nach den Schwangerschaften kribbelte es wieder bei ihr. „Ich habe mir eingeredet, dass ich ohne Judo leben kann. Das klappt aber nicht“, sagt sie rückblickend.

In der Lippestadt fand sie dann vor rund einem Jahr beim TV Werne eine neue sportliche Heimat. Und die Judoka hier profitieren davon. Bianca Glück übernimmt Trainingseinheiten, genießt es, ihre Erfahrungen weiter zu geben – vor allem an den Nachwuchs.

Dabei zeigt sie, dass Judo nicht rüpelhaft ist und es nicht ums Kämpfen geht. Vielmehr steht der respektvolle Umgang mit dem Partner – so wird der Gegner im Judo genannt – im Vordergrund. Die Sportler müssen sich konzentrieren. Judo ist ein komplexer Sport, bei dem es auf die Technik ankommt. Tai-Otoshi, Ippon-Seoi-Nage oder Uki-Goshi – bis die Würfe richtig sitzen, dauert es.

Das Gelernte zeigen die Judoka dann bei regelmäßigen Wettkämpfen mit anderen Vereinen im Wettkampf-Modus. Denn klar ist: Im Training fällt der Partner leichter als im Wettkampf. Dabei spiele die unterschiedliche Gürtelfarbe der Teilnehmer keine Rolle, erklärt Sylvia Rüschenschmidt.

Tochter und Mutter gemeinsam im Dojo: Judo ist in Werne eine Familienangelegenheit

Judo eignet sich für Kinder ab 5 Jahren, sagt Angela Andree vom Nordrhein-Westfälischen Judobund. Hier duellieren sich Mira und Timo. © Andrea Wellerdiek

Bei den Kindern treten jeweils drei Jahrgänge in einer Altersklasse an. Das macht dann teils nur einen Unterschied von zwei Kilogramm aus. So haben auch zierliche Persönlichkeiten wie Jule Rüschenschmidt gute Chancen auf den Sieg. Neben den Erfolgserlebnissen tut es den Kindern auch mental gut, wie die Mütter unisono sagen.

Jule, die mit dem Gürtel in Orange-Grün auch schon fünf Prüfungen erfolgreich bestanden hat, wirkt zurückhaltend. Sie ist auch einen Kopf kleiner als die gleichaltrige Lea. Manchmal habe sie etwas zu kämpfen, weil sie so klein sei, meint ihre Mutter Sylvia Rüschenschmidt. Deshalb sei Basketball wohl auch nichts für das Mädchen gewesen. Judo hingegen schon.

Auf der Matte kommt es manchmal zu ungleichen Duellen

Was sie kann, zeigt sie auf der Matte. Wenn die Partner wechseln, tritt sie auch gegen Männer an. Und die Elfjährige bringt auch sie zu Boden. Stolz reißt sie die Arme in die Luft, wenn sie eine Technik so angewandt hat, dass der Partner – egal wie groß oder stark er sein mag – besiegt ist. „Dann kann sie zeigen: So klein bin ich gar nicht“, sagt Sylvia Rüschenschmidt.

Ihre Tochter habe durch Judo mehr Selbstbewusstsein entwickelt. Elli Konert nickt. Neben den beiden Töchtern Lea und Mira macht auch Sohn Noah mit. Er habe ebenfalls profitiert. „Er hat ein besseres Körpergefühl, weil man den ganzen Körper trainiert“, sagt die 47-Jährige.

Motorische Grundlagen lernen

Das Judo-Training entwickelt bei den Kindern und Jugendlichen eine gute, sportlich motorische Grundausbildung, wie Angela Andree vom Nordrhein-Westfälischen Judo-Verband betont. Mittlerweile versucht der Judoverband die Kinder im noch jüngeren Alter für das Judo zu begeistern.

Mit dem Programm „Judo spielend lernen“ sollen die Fünf- bis Siebenjährigen angesprochen werden. Laut Andree lernen sie neben den Werten wie Disziplin, Respekt und Höflichkeit auch einfache motorische Grundlagen kennen: Hüpfen, Kullern, Rollen, Springen, einen Partner drücken und sich selbst befreien.

Gerade bei jungen Sportlern ist Judo beliebt: Von den insgesamt 40.057 Mitgliedern waren 23.184 unter 14 Jahre alt (Stand für das Jahr 2018). 11.808 sind davon weibliche Mitglieder. In Werne sind insgesamt 140 Mitglieder aktuell in der Judo-Abteilung gelistet.

Tochter und Mutter gemeinsam im Dojo: Judo ist in Werne eine Familienangelegenheit

Die elfjährigen Jule (l.) und Lea treten gegeneinander an. Die beiden sind Freundinnen. © Andrea Wellerdiek

Und wer dabei bleibt und sich einem Verein wie dem TV Werne anschließt, kann sich in Wettkämpfen messen. Für die Kinder steht neben dem Wetteifern laut Andree aber auch eins im Vordergrund: zusammen mit einem Partner auf der Matte stehen, sich respektvoll messen und Freundschaften schließen. Wie das geht, zeigen Jule und Lea eindrucksvoll.

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Judo ist in Werne Familiensache

Mutter, Tochter und Sohn gehen gemeinsam ins Dojo: Beim TV Werne trainieren einige Familien im Judo. Dabei sind vor allem die weiblichen Judoka hier sehr erfolgreich.
15.02.2019
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Beim TV Werne trainieren gern ganze Familien im Judo. © Andrea Wellerdiek
Viele Mädchen und Jungen sind dabei.© Andrea Wellerdiek
Jung und Alt üben nebeneinander und miteinander.© Andrea Wellerdiek
Bianca Glück hat früher Leistungssport betrieben und ist nun beim TV Werne aktiv.© Andrea Wellerdiek
Bis die Wurftechniken im Judo richtig sitzen, dauert es seine Zeit.© Andrea Wellerdiek
Beim TV Werne trainieren gern ganze Familien im Judo. Dabei sind vor allem die weiblichen Judoka erfolgreich.© Andrea Wellerdiek
Viele Mädchen und Jungen sind beim TV Werne aktiv - und das sehr erfolgreich.© Andrea Wellerdiek
Judo ist nicht nur eine Angelegenheit für Jungs. Das beweisen Lea, Jule und Co. mit ihren Erfolgen© Andrea Wellerdiek
Jule (11) schultert die achtjährige Mira.© Andrea Wellerdiek
Groß und Klein treten auch gegeneinander an.© Andrea Wellerdiek
Beim TV Werne trainieren gern ganze Familien im Judo. Dabei sind vor allem die weiblichen Judoka erfolgreich.© Andrea Wellerdiek
Die Judoka sprechen von Partnern nicht von Gegnern.© Andrea Wellerdiek
Jule (l.) und Bianca Glück im Duell© Andrea Wellerdiek
Bianca Glück, die lange Leistungssport betrieben hat, gibt ihre Erfahrungen heute weiter.© Andrea Wellerdiek
Etwa 140 Mitglieder zählt die Judoabteilung des TV Werne aktuell.© Andrea Wellerdiek
Dr. Michael Gilbert ist der Abteilungsleiter im Judo.© Andrea Wellerdiek
Im Judo ist das möglich: Klein kann auch Groß besiegen.© Andrea Wellerdiek
Elli Konert und Trainer Dieter Saremba messen sich.© Andrea Wellerdiek

Um noch mehr Mädchen und Frauen für Judo zu begeistern, laden die Verantwortlichen des TV Werne zum ersten Mal zu einem Schnupperworkshop ausschließlich für weibliche Judoka ein. Er steigt am Sonntag, 17. Februar, von 10 bis 12 Uhr in der Jahnturnhalle, Jahnstraße 51. Einfache Sportkleidung reicht. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Die beiden Schwarzgurt-Trägerinnen Bianca Glück und Sylvia Rüschenschmidt übernehmen die Trainingsleitung. Weitere Informationen bei Sylvia Rüschenschmidt unter Tel. (02389) 987664. Weitere Infos unter http://www.judo.tvwerne.de/
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