Ist das eigene Kind krank, hoffen Eltern auf schnelle Hilfe von Kinderärzten. In Werne müssen sie zum Teil trotz Termin Stunden warten. Doch die Lage könnte sich bald verbessern.

Werne

, 04.01.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Telefon tutet. Immer wieder ertönt das Freizeichen, doch auch nach langer Wartezeit nimmt niemand ab. Erst beim dritten Versuch nimmt eine Dame in der Praxis der Werner Kinderärztin Dr. Jasmin Lidgett bei unserem Anruf ab. „Es ist gerade ganz schlecht. Unsere Praxis ist brechend voll“, heißt es.

Die Schlange in der Praxis von Dr. Lidgett ist im Dezember immer wieder lang. Von der ersten Etage durch das ganze Treppenhaus bis auf die Straße schlängeln sich Eltern mit ihren Kindern. Es wird gehustet, geschnieft und geweint. Es ist die Zeit, in der es draußen kalt und nass wird. Die Zahl der Erkältungen nimmt zu – und gerade bei Eltern ist viel Geduld gefragt.

Bis zu zwei Stunden Wartezeit trotz Termin

Die beiden Werner Kinderärzte haben alle Hände voll zu tun. Besonders, wenn einer von ihnen, im Fall im Dezember Dr. Michael Gilbert, für zwei Wochen im wohlverdienten Urlaub ist.

„Beide Praxen sagten, es könne trotz Terminen zu Wartezeiten von bis zu zwei Stunden kommen“, beschreibt eine Leserin, die ihren Namen nicht nennen möchte, ihre Erfahrungen mit den Werner Kinderärzten. Sie ist noch neu in der Stadt und überrascht über die langen Wartezeiten.

Es hat sich herumgesprochen, dass Kinderärzte überfüllt sind

Die Leserin ist Mutter von einem Säugling und einem Kind unter drei Jahren. So lange Wartezeiten, schreibt sie dieser Redaktion, kann und möchte sie eigentlich nicht in Kauf nehmen.

Eine Erfahrung, die nicht nur sie als Neu-Wernerin gemacht hat, sondern auch Anika Hilsmann. Schon immer wohnt sie in Werne und kennt die Situation mit nur zwei Kinderärzten gut. „Es hat sich herumgesprochen, dass die Kinderarztpraxen überfüllt sind“, sagt die 37-Jährige.

Kinderärzte in Werne sind überlastet – Stundenlange Wartezeiten trotz Termin möglich

Annika Hilsmann mit ihren Zwillingen Hannah (l.) und Sophie. © Mario Bartlewski

„Ich bin der Meinung, ein Kinderarzt fehlt definitiv noch in Werne“, so Hilsmann. Eine Meinung, die viele Werner Eltern vertreten, die aber von den Zahlen des Kreises Unna nicht untermauert werden kann.

Wie viele Ärzte für eine Stadt, einen Kreis oder eine Region benötigt werden, legt die sogenannte kassenärztliche Bedarfsplanung fest. Die Bedarfsplanung soll eine ausreichende flächendeckende Versorgung mit niedergelassenen Ärzten gewährleisten.

Es dürfen sich keine weiteren Kinderärzte niederlassen

Im Kreis Unna versorgen derzeit 26 Kinderärzte 63.287 Kinder und Jugendliche (Stand Mai 2018). Das entspricht bei einer vorgegebenen Messzahl von 3527 Kindern pro Kinderarzt einem Versorgungsgrad von 133,8 Prozent.

Nach diesen Vorgaben ist der Kreis Unna also mit Kinderärzten überversorgt. „Es dürfen sich keine weiteren Kinderärzte niederlassen“, bestätigt Jens Flintrop, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Bestehende Kinderarztsitze können jedoch bei Eintritt in den Ruhestand an einen Nachfolger übergeben werden.

Viele Veränderungen und mehr Aufwand für Kinderärzte

Doch es gibt ein großes Aber: Laut Flintrop hat sich das Arbeitspensum der Kinderärzte in den vergangenen Jahren stark verändert. Grund dafür ist gestiegene Behandlungsbedürftigkeit der Kinder und Jugendlichen – beispielsweise durch zunehmende ADHS-Erkrankungen, Mobbing und psychische Probleme.

Auch die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und Screenings für Kinder sind im Laufe der Jahre mehr geworden. „Vor diesem Hintergrund kann es trotz statistischer Überversorgung immer wieder passieren, dass einzelne Kinderarztpraxen extrem ausgelastet sind – insbesondere jetzt in der Erkältungszeit“, so Flintrop.

„Wir gehen über unsere Grenzen hinaus“

Das merken auch die Werner Kinderarzt-Praxen. „Hier tobt gerade der Bär“, sagt Tanja Wiegmann, medizinische Fachangestellte in der Praxis von Dr. Gilbert. „Eigentlich gibt es in Werne zu viele Kinder für zu wenig Ärzte“, sagt sie.

Schleichend seien die Anforderungen immer mehr geworden. „Mehr als arbeiten können wir nicht. Und im Moment gehen wir über unsere Grenzen hinaus“, so Wiegmann. Und das gehe das ganze Jahr über so.

Kinderärzte sind sich uneinig für ausreichende Versorgung

Die große Zahl an Vorsorgeuntersuchungen sei schwierig mit Akutpatienten vereinbar. Zum Teil müssten Eltern mit ihren Kindern fünf bis sechs Monate auf einen Termin für eine Vorsorgeuntersuchung warten. „Wir hätten nichts gegen einen Kinderarzt mehr in Werne. Das muss man so eingestehen“, sagt Wiegmann.

Anders sieht es Kinderärztin Dr. Jasmin Lidgett. „Ein dritter Kinderarzt würde keine Entlastung bringen“, sagt sie. „Meiner Ansicht nach bekommen wir die Kinder gut versorgt.“

Diese Strategien haben Eltern für sich entwickelt

Innerhalb von 30 bis 45 Minuten versuche man die Eltern mit ihren Kindern dranzunehmen. Doch das klappe leider nicht immer – gerade im klassischen Zeitraum für Erkältungen zwischen November und März.

Um mit dieser Situation zurechtzukommen, legen sich die Eltern unterschiedlichste Strategien für den Kinderarztbesuch zurecht. Hilsmann, die mit ihren dreijährigen Zwillingen Hannah und Sophie von Beginn an Dr. Michael Gilbert besucht, ruft vor ihrem Besuch – trotz Termin – in der Praxis an.

Großeltern mit einbinden oder in der Praxis anrufen

„Ich frage dann, wie es gerade aussieht, ob ich pünktlich kommen kann oder lieber etwas später“, sagt Hilsmann. Die Leserin, die ihren Namen hier nicht lesen möchte, bindet hingegen die Großeltern für die ältere Tochter mit ein. Anstatt mit ihrem Säugling im Wartezimmer zu sitzen, geht sie zudem lieber durch die Stadt.

Doch eins halten die Eltern fest: Die Qualität der Werner Kinderärzte ist gut. „Ich werde immer mit meinen Sorgen und Ängsten wahrgenommen. Man nimmt sich Zeit für mich – und deshalb nehme ich auch die Wartezeit in Kauf“, sagt Hilsmann über ihre Besuche bei Dr. Gilbert.

Neue Hoffnung auf weiteren Kinderarzt

Doch trotzdem können Werner Eltern auf Besserung hoffen. Der Gemeinsame Bundesausschuss, der für die Grundlage des Bedarfsplans verantwortlich ist, soll die Bedarfsplanung reformieren.

Vorgesehen ist dabei eine Aktualisierung der Messzahlen, um aktuellen Entwicklungen in der ambulanten Versorgung (nicht nur in der kinderärztlichen) Rechnung zu tragen.

Die Arbeiten an der Reform der Bedarfsplanung haben bereits begonnen, wann sie beendet sind, ist noch nicht bekannt. Doch sie könnte auch Werner Eltern viele Stunden in Wartezimmern ersparen.

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