Zwischen Baumeister und Totengräber: Eine Kirchhof-Story

mlzVideo-Kolumne Heidewitzka

Die Christophorus-Kirche ist Wahrzeichen der Stadt. Ziemlich imposant. Aber kaum überraschend, wenn man weiß, wer hinter ihrem Bau steckt. Darum geht’s in unserer Video-Kolumne Heidewitzka.

Werne

, 03.08.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Kirchhof ist doch eigentlich ein recht beschauliches Plätzchen: Die schöne Christophorus-Kirche, umringt von hübschen alten Häusern. Ein fast schon himmlischer Ort, könnte man meinen. War aber nicht immer so...

Werne vor gut 1200 Jahren. Der gute Liudger - seines Zeichens Bischof von Münster - legt mit dem Bau einer kleinen Kapelle im wahrsten Sinne des Wortes den „Grundstein“ für die „Urzelle“ von Werne.

Video
Heidewitzka Folge 14: Eine Kirchhof-Story

Für das Fleckchen also, von dem aus das kleine Städtchen zu dem wurde, was es heute ist. Immer mehr Händler und Kaufleute siedeln sich an. Und weil die Lippestadt in der Folge immer mehr wächst, braucht es irgendwann natürlich eine größere Kirche.

Die kommt dann auch. Relativ pünktlich zur ersten Jahrtausendwende erhält Werne seine erste steinerne Kirche. Gut 150 Jahre später weiht der Bischof an selber Stelle die erste romanische Kirche ein. Ein bis dato recht harmonischer Verlauf. Nahezu himmlisch eben...

Hallo, Herr Baumeister

Doch das ändert sich schlagartig, als im Jahre 1400 die Grafen von der Mark in Werne einfallen und nicht nur 43 Häuser niederbrennen, sondern auf ihrem Raubzug auch den Turm der Kirche zerstören.

Keine Frage: Ein neues Gotteshaus muss her. Und wer soll‘s richten? Na klar, der Herr Roseer. Der ist im 15. Jahrhundert schließlich schwer angesagt. Eine Art Star-Architekt, wenn man so will. Immerhin hat der gute Mann gerade erst die Reinoldikirche in Dortmund errichtet. Die Referenzen stimmen also. Und weil auch die Werner mittlerweile Gefallen an dem schicken gotischen Stil gefunden haben, ist man sich recht schnell einig. Na dann: Auf ans Werk!

Zwischen Baumeister und Totengräber: Eine Kirchhof-Story

Mehr als 600 Jahre dauerte es, bis der Kölner Dom endlich eingeweiht werden konnte. Die Werner Kirche St. Christophorus war in 60 Jahren fertig - ist aber natürlich auch eine Nummer kleiner. © picture alliance/dpa

Den Kölner Dom abgehängt

Nur knapp 60 Jahre später steht das neue Gotteshaus dann auch schon. Ist zwar nicht ganz so imposant wie der Kölner Dom - hat aber auch nicht ganz so lange gedauert.

Und weil man sich als guter Katholik natürlich auch nach seinem Ableben möglichst nah am Ort des kirchlichen Geschehens aufhalten möchte, sammeln sich rund um die Kirche immer mehr Gräber an.

Zwischenzeitig werden es so viele, dass die Totengräber gar nicht mehr hinterherkommen. Gerade zu Seuchenzeiten - etwa als im Zuge der Pest 1634 die halbe Stadtbevölkerung stirbt - herrscht bei den Bestattern Hochkonjunktur.

Ab ins Gebeinhaus mit Euch

Die Frage ist nur: Wohin mit all den Dahingeschiedenen? Weiter weg von der Kirche - das will eigentlich niemand. Also buddelt der Totengräber kurzerhand diejenigen wieder aus, die schon ziemlich lange einen Platz unter der Erde blockieren. Irgendwann muss nun mal jeder weichen. Auch vom Friedhof.

Immerhin: Die sterblichen Überreste werden nicht würdelos entsorgt. Sie landen im „Gebeinhaus“. Und da herrscht Ordnung. Arm zu Arm, Bein zu Bein, Schädel zu Schädel. Sortieren ist angesagt. Freilich nicht in ganz so großem Stil, wie man es später in Paris macht, wo zwischen 1785 und dem frühen 19. Jahrhundert im Zuge der Schließung mehrerer Pfarrfriedhöfe die Gebeine von rund 6 Millionen Bürgern in die Katakomben überführt werden.

Zwischen Baumeister und Totengräber: Eine Kirchhof-Story

In den Katakomben von Paris wurden die Knochen von fast 6 Millionen Bürgern gestapelt. Auch in Werne gab es einst ein Gebeinhaus. Übrig ist von dem aber nichts mehr. © picture alliance / dpa

Es ist schon ein Bisschen gruselig

So viel Logistik ist in Werne nicht nötig. Ein bisschen gruselig ist es dennoch. Und darum bereiten die Preußen dem Spuk auch ein Ende, als sie 1815 in die Lippestadt kommen.

Von nun an werden die Toten außerhalb der Stadtmauern begraben. Auf dem Friedhof, über den die Werner auch heute - im Jahr 2019 - noch spazieren. Inzwischen heißt er Steintorpark. Beerdigt wird hier schon lange keiner mehr.

Und für viele ist er inzwischen eher ein beschauliches Plätzchen. Genauso wie der Kirchhof um St. Christophorus.

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