Kirchenasyl schon vor 500 Jahren Thema in Werne

Blick ins Geschichtsbuch

Asyl in der Kirche - für 359 Flüchtlinge in Deutschland ist das momentan der einzige Weg, der drohenden Abschiebung zu entgehen. Vier Menschen leben auch in Werne unter dem Schutz der Kirche. Schon vor rund 500 Jahren war das Thema Kirchenasyl in der Lippestadt aktuell - damals hat ein armer Tropf namens Johan Sluchop Zuflucht unterm Kirchturm gesucht - die Geschichte ging leider nicht gut aus...

WERNE

, 16.03.2015, 05:54 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Kirche St. Christophorus war vor rund 500 Jahren das Ziel des Asylsuchenden Johan Sluchop. Kirche und Werner Bürger gewährten ihm tatsächlich Zuflucht - dennoch ging Johans Geschichte nicht gut aus.

Die Kirche St. Christophorus war vor rund 500 Jahren das Ziel des Asylsuchenden Johan Sluchop. Kirche und Werner Bürger gewährten ihm tatsächlich Zuflucht - dennoch ging Johans Geschichte nicht gut aus.

Als er an diesem Sommertag des Jahres 1527 die Gasse vom Roggenmarkt zum Kirchplatz vor sich sieht, atmet Johan Sluchop auf – zum ersten Mal seit Tagen. Die Flucht aus der Burg an der Horne ist ihm gelungen. Wenn er jetzt noch diese wenigen Schritte schafft bis zur Kirche St. Christophorus, ist er in Sicherheit – glaubt Johan. Und mit ihm glaubt die ganze Werner Bürgerschaft – ein Irrtum.

Der Reihe nach: Johan Sluchop war von den Knechten des Amtmannes, der auf der Werner Burg residiert, „to der erden gestoetet, gevangen, geslagen“ worden. So ist es im Werner Bürgerbuch nachzulesen. Heimatforscher Berthold Ostrop hat diese Misshandlung von einst wieder lebendig werden lassen in seinem Buch „Geschichte und Geschichten: Der Kirchplatz St. Christophorus“.

Solidarität mit Johan

Die Schergen des vom Münsteraner Bischof eingesetzten Amtmannes beschuldigen Johan des wiederholten Diebstahls – ob zu Recht, lässt sich nicht mehr sagen. „Fest steht aber, dass die Werner Bevölkerung wohl nicht an seine Schuld glaubte und sich mit Johan solidarisiert hat“, sagt Ostrop.

Die Werner läuteten die Bürgerglocke und riefen damit die „ganztze gemeyne, borger unnd inwonner“ zusammen, wie es im Bürgerbuch steht. Die starke Gemeinschaft wendet sich gegen die Leute des Amtmannes: die beiden Männer, die Johan festgenommen und ins Burgverlies geworfen hatten, aus dem der sich nur mit Glück befreien konnte. „Unter Hohn und Spott“ hätte die aufgebrachte Menge die zwei ins städtische Gefängnis am Deipeturm gebracht.

Die Fronten zwischen dem bischöflichen Landesherrn und seinen Leuten von der Burg und den aufmüpfigen Bürgern der Stadt sind verhärtet. Schließlich zeigt sich, wer den längeren Atem hat: „Die Werner mussten klein beigeben“, schreibt Ostrop. „Schweren Herzens“ hätten sie die Knechte des Amtmannes wieder freigelassen.

Weiteres Schicksal ungeklärt

Das Schlimmste aber passiert erst danach: Der Amtmann marschiert von der Burg quer über den Roggenmarkt zum Kirchplatz – dem geweihten und geschützten Boden: Johans Zuflucht. Er hat eine Sondererlaubnis vom Bischof dabei und führt Johan ab. Über sein weiteres Schicksal schweigt sich das Bürgerbuch aus.

Für die Werner hat ihr Eintreten für den Asylsuchenden noch ein Nachspiel: Der Bischof verhängt eine Geldstrafe von 600 Gulden – der Auslöser für eine tiefe Schuldenkrise.

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