Im Vergleich zu den katholischen Christen standen die evangelischen in Werne meist im Hintergrund. Auf diesem Bild ist das anders: Vorne die evangelische Martin-Luther-Kirche, hinten die katholische Christophorus-Kirche. © Gemeinde / FV Stadtmuseum
Video-Kolumne Heidewitzka

Kirchengemeinde in Werne wurde einst aus Rünthe regiert – trotz kaiserlicher Unterstützung

Gegenüber den katholischen sind die evangelischen Christen in Werne traditionell in der Unterzahl. Trotz kaiserlichen Beistands wurde die Gemeinde zudem lange aus der ungeliebten Nachbarstadt regiert.

Vor einhundert Jahren, am 11. April 1921, starb die letzte deutsche Kaiserin Auguste Victoria, Ehefrau von Wilhelm II., im Alter von 62 Jahren in Doorn im holländischen Exil. Viele evangelische Kirchen, Krankenhäuser, Schulen, Straßen und sogar eine Zeche in Marl sind nach ihr benannt worden. Sie war dreißig Jahre lang deutsche Kaiserin und wird von den Historikern als eine konservative, aber auch sozial engagierte Landesmutter beschrieben.

Zu ihrer Zeit eine der meistfotografierten Frauen, mit ihren gewaltigen Hüten und überlangen Perlenketten, gab sie sich stets züchtig gekleidet. Als Prinzessin aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg kam sie zur Welt und wuchs in der Lausitz und in Schlesien auf. Sie war eigentlich nicht standesgemäß für den preußischen Prinzen Wilhelm. Aber mit Zustimmung von Kaiser Wilhelm I. wurde im Jahre 1881 mit großem Prunk geheiratet und sie bekamen sechs Söhne und eine Tochter.

Im Dreikaiserjahr 1888 folgte Prinz Wilhelm seinem Vater Friedrich III., der nur wenige Monate als Kaiser regierte. Seine Gemahlin, nunmehr Kaiserin Auguste Victoria, wollte eine Mustergattin sein und engagierte sich für mehr als einhundert karitative Einrichtungen und begründete die Evangelische Frauenhilfe. In den Arbeitervierteln von Berlin entstanden auch durch ihre Mitwirkung über sechzig neue Kirchen, weshalb sie auch im Volksmund „Kirchenguste“ genannt wurde.

Katholiken in Werne in der Überzahl: 1555 zu 15

Was hat nun die letzte deutsche Kaiserin, die heute in Deutschland kaum noch jemand kennt, mit dem kleinen Städtchen Werne an der Lippe zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun? Da Werne, als 1803 das Oberstift Münster aufgelöst und die Stadt zunächst preußisch wurde, dann französisch und schließlich 1815 endgültig an Preußen fiel, um jene Zeit ausschließlich katholische Einwohner hatte (außer sieben Judenfamilien, wie es in einen Urkunde heißt) versuchte man in Berlin, evangelische Staatsbeamte in das katholische Münsterland zu versetzen.

So war der Vater von Antonie Jüngst ein preußischer Steuereinnehmer aus Berlin, der nach Werne kam und dort seine katholische Ehefrau kennenlernte. 1821, vor genau 200 Jahren, standen 15 evangelische Einwohner 1555 katholischen entgegen – bis 1845 gab es in Werne-Stadt nur eine einzige evangelische Geburt gegenüber 648 katholisch getaufte Kinder. Die wenigen evangelischen Christen trafen sich in der Gastwirtschaft Heinrich Rohe nahe dem Kapuzinerkloster zu ihren Gottesdiensten und Versammlungen.

Kaiserin Auguste Victoria schenkte der Werner Kirchengemeinde unter anderem eine Bibel.
Kaiserin Auguste Victoria schenkte der Werner Kirchengemeinde unter anderem eine Bibel. © Library of Congress © Library of Congress

Um 1900 lebten dann 208 evangelische Christen in Werne und diese wurden von Rünthe aus verwaltet. Nach der Abteufe von Schacht I und II der Zeche Werne kamen in den darauffolgenden Jahren viele Bergleute aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern nach Werne, und die Zahl der evangelischen Christen nahm immer mehr zu.

So wurde 1900 ein Kirchenbauverein gegründet, und 1903 schenkte die Ur-Urenkelin von Freiherr vom Stein, die evangelische Gräfin von Kilmannsegge zu Kappenberg, der evangelischen Gemeinde ein Grundstück in unmittelbarer Nähe der Stadt Werne, wie es heißt „einige Gärten vor den Toren der Stadt“. Dort wurde schon am 17. Mai 1904 die neue evangelische Stadtkirche feierlich eingeweiht.

Die Bibel der Kaiserin ist immer noch in Gebrauch.
Die Bibel der Kaiserin ist immer noch in Gebrauch. © Gemeinde / FV Stadtmuseum © Gemeinde / FV Stadtmuseum

Diese Kirche, gebaut großenteils mit Ziegeln, die auf der Zeche Werne gebrannt wurden, ist eine der wenigen, deren Altarraum nicht nach Osten zeigt und deren ursprünglicher Eingang nicht zur Stadt gerichtet ist, sondern nach Evenkamp – dort, wo die meist evangelischen Bergleute wohnten.

Kaiserin Auguste Victoria verfolgte mit großem Interesse die neuen evangelischen Kirchengründungen nicht nur in der Hauptstadt Berlin, sondern vor allem auch in den katholisch geprägten preußischen Landesteilen, wie Westfalen. Als sie eine Bittschrift vom Werner Kirchenbauverein erhielt, in der um die notwendige Ausstattung einer jeden evangelischen Kirche gebeten wurde, sandte sie sogleich eine Bibel mit eigener Widmung, die noch heute in Gebrauch ist, ebenso wie die silberne Taufschale und das notwendige Abendmahlsgerät.

Rünthe regierte die Werne Kirchengemeinde bis 1925

Erst 1925 wurde die evangelische Kirchengemeinde selbstständig – davor gehörte sie zu Rünthe – und so wurde ein Jahr später die Übertragung der Kirche und des Grundstückes an die Kirchengemeinde Werne genehmigt – die Zahl der evangelischen Christen betrug zu jener Zeit circa 2000.

Nach dem 2. Weltkrieg stieg durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen die Zahl der evangelischen Christen sprunghaft an, so dass Anfang der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Anbau an die evangelischen Stadtkirche notwendig wurde – der Eingang wurde bei dieser Erweiterung an den Seite verlegt.

1969 und 1976 errichtete man zwei weitere Gemeindezentren am Ostring und in Stockum, doch die Hauptkirche blieb immer die später in Martin-Luther umbenannte Stadtkirche vor den Toren des historischen Stadtkerns von Werne, wo auch ein großes evangelisches Gemeindezentrum im Jahre 1985 entstand.

Wer mehr über die evangelische Kirchengemeinde Werne wissen möchte, kann dies in der Festschrift:„100 Jahre Martin-Luther-Kirche – 100 Jahre jung…“ nachlesen.

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