Gefährliches „Spielzeug“: Kinder fanden einst Granaten im Werner Stadtwald

mlzVideokolumne Heidewitzka

Nach Kriegsende 1945 blieben die Schulen in Werne geschlossen. Die Kinder vertrieben sich ihre Zeit auf andere Weise - etwa mit gefährlichem „Spielzeug“. Darum geht‘s diesmal in unserer Kolumne Heidewitzka.

Werne

, 17.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Ende März 1945 amerikanische Truppen in Werne einmarschierten, neigte sich der Krieg in der kleinen Lippestadt dem Ende zu. Endlich keine heulenden Sirenen mehr, wenn alliierte Flugzeuge am Himmel auftauchten, um ihre Bomben in den Nachbarstädten abzuwerfen. Monatelang war das öffentliche Leben dadurch nahezu zum Stillstand gekommen.

Das galt auch für den Schulbetrieb. Statt in den Klassenzimmern dem geregelten Unterricht zu folgen, hatten die Werner Kinder gemeinsam mit ihren Familien immer öfter den Luftschutzkeller oder Zechenbunker aufsuchen müssen. Und nun - nach dem Einmarsch der Alliierten - wurde der Schulbetrieb sogar gänzlich eingestellt. Doch wie sollte sich der Nachwuchs nun die Zeit vertreiben? Vor allem die Jungs fanden schnell eine Alternative - ohne zu wissen, auf was für eine Gefahr sie sich dabei einließen.

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Heidewitzka Folge 29 - Gefährliches "Spielzeug" aus dem Stadtwald

Der damals zehnjährige Karl-Heinz Stengl schildert die Lage so:

Gefährlich war es, wenn wir auf zurückgelassenes Kriegsgerät der deutschen Wehrmacht stießen. Wenn wir auf noch nicht demontierten Flugabwehrgeschützlafetten Karussell fuhren, wobei wir oft nicht wussten, ob diese noch funktionsfähig waren. Wenn wir Munitionsdepots aufsuchten und mit der Munition zündelten. Im Werner Stadtwald war ein solches verlassenes Munitionslager, aus dem wir Granaten der Kaliber 7,5 Zentimeter aus ihren aus Binsengeflecht bestehenden Verpackungskörben herausholten, ihnen die Granate von den Kartuschen schlugen, um an die Treibmittel zu kommen, die aus Pulversäckchen und Pulverstangen bestanden.

Ja, Glück haben wir gehabt! Dass die Granaten keine Zünder trugen, war uns zu diesem Zeitpunkt unbekannt. Mit den Pulverstangen konnte man tolle Raketenstarts vollziehen. Einzeln oder gebündelt zündeten wir ein Ende dieser Stangen an. Mit demselben Ende in die Erde gesteckt, entwickelten sie nach einer kurzen Zeit einen gewaltigen Schub und sausten unter lautem Zischen und enormer Rauchentwicklung in den Himmel.

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Eine Gruppe Kinder hatte Zwei-Zentimeter-Patronen und eine Menge Pulversäcke und Pulverstangen zusammengetragen. Sie zündeten sie an und liefen davon. Trotz aller Versuche wollte das Pulver oft nicht brennen. Von diesem Zeug lag genug herum. Es ging auch nicht immer glimpflich ab. Bei einem Sprengversuch, mit Sprengzündern einen Baum umzulegen, wurden bei der Explosion armdicke Holzsplitter herausgeschleudert, die einem Jungen die Hand böse verletzten.

Wir waren die Jüngsten, die häufig erst durch die Älteren angeregt wurden, dieses gefährliche Spiel zu betreiben. Und so könnte man fortfahren, von Sprengungen mit Tellerminen, vom Abschuss einer Panzerfaust auf einen alten Lippekahn, von Pistolenschießen oder von der missglückten Sprengung eines Unterstandes am Eick.
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