Mehr Kohle in der Krise: Glückwunsch, liebe Werner Ratsmitglieder!

mlzMeinung

Die neu gewählten Werner Ratsmitglieder waren sich schnell einig: Mehr Kohle in der Corona-Krise muss her! Aber vor allem wandert die jetzt erst mal in die Fraktionskassen. Ein Kommentar.

Werne

, 07.11.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, was das beste Amt der Welt ist? Falls ja, dann ist Ihnen dabei womöglich ein klassisches Ehrenamt in den Sinn gekommen. So etwas wie Helfer bei der Tafel zum Beispiel. Oder - falls Sie sich nicht ganz so sehr am Mainstream orientieren möchten - sogar das Finanzamt. Manche Menschen kommen ja schließlich auf die kuriosesten Ideen. Doch selbst die sind noch weit entfernt von dem, was sich da oben in den Köpfen der frisch gewählten Werner Ratsmitglieder abgespielt haben muss.

Als neu formierte kollektive Kreativabteilung hatte die Runde aus Ehrenamtlern gleich in ihrer ersten Sitzung eine total prickelnde Idee: Mehr Kohle in der Krise muss her! Aber zunächst mal nicht für die Stadt. Auch nicht für die Bürger. Sondern für die eigene Fraktionskasse. Man will schließlich finanziell abgesichert sein. Nicht, dass man nachher noch so dasteht wie die Gastronomen, denen das Wasser mitten in der Pandemie bekanntlich bis zum Hals reicht.

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Und weil man in Krisenzeiten ja nun mal zusammenhalten muss, waren sich die Ratsfrauen und Ratsherren auch schnell einig: Statt 55 Euro pro Ratsmitglied und Monat gibt‘s nun 75. Jemand was dagegen? Nein? Gut, einstimmig beschlossen. Schön, wenn man so harmonisch in eine neue Wahlperiode starten kann - und damit zugleich eine Sache anpackt, an die sich die Vorgänger in den vergangenen elf Jahren nicht so recht herangetraut hatten. Denn genau so lange ist es her, dass besagte Zuwendungen letztmalig angepasst wurden. Damals von knapp 40 auf eben 55 Euro.

Konsensfindung und schnelles Handeln ohne großes Gequatsche - so macht Lokalpolitik doch Spaß! Sowohl denjenigen Ratsmitgliedern, die ganz neu dabei sind als auch denjenigen, die quasi schon „alte Hasen“ sind.

Zeichen setzen - ohne Timing und Verstand

Doch jetzt mal ganz ohne Ironie und Sarkasmus: Dieser Beschluss ist ein Witz! Geradezu ein Schlag ins Gesicht der Menschen, denen es aktuell wirklich hundeelend geht. Man muss keineswegs Mitglied einer Ethik-Kommission sein, um das zu spüren. Und man muss auch kein Uhrmacher sein, um zu erkennen, dass das Timing für einen solchen Akt kaum schlechter hätte sein können.

Zugegeben: Der Ausdruck, man wolle „ein Zeichen setzen“, mag bisweilen etwas zu inflationär gebraucht werden – und dadurch zur abgedroschenen Phrase verkommen. Aber es gibt durchaus Situationen, in denen er ins Schwarze trifft. Gegebenheiten, bei denen er fast schon alternativlos ist. Zum Beispiel in Krisenzeiten. Und eines der ersten Zeichen, die der neu formierte Werner Stadtrat da in seiner konstituierenden Sitzung präsentiert hat, ist ein amtlicher Griff ins Klo, ein No Go: Mehr Kohle in der Krise - aber an der falschen Stelle.

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