Karl-Heinz Möller hat sich in seinem Arbeitszimmer eine kleine eigene Welt erbaut - inklusive einer kleinen Sim-Jü-Kirmes. © Felix Püschner
Modellbau

Mit Video: Sim-Jü findet trotz Corona-Lockdown statt – allerdings in Entenhausen

Eine Sim-Jü-Kirmes trotz Corona? Und dann auch noch jetzt, mitten im Lockdown? Das gibt‘s tatsächlich - und zwar in Entenhausen, dank Karl-Heinz Möller. Wir haben uns von dem Werner erklären lassen, was dahintersteckt.

Karl-Heinz Möller schaut ganz genau hin, als sein Zug im Entenhausener Bahnhof einfährt. Unweit davon erblicken die Passagiere bereits die bunten Lichter der Imbissbuden und Fahrgeschäfte. Ein Kettenkarussell ist dabei. Genauso wie eine Losbude und ein Flohzirkus. Aber Moment mal: Ein Flohzirkus? Das klingt doch gar nicht so recht nach dem beliebten Werner Volksfest, wie man es in der jüngeren Vergangenheit kennt.

„Es ist ja nicht wirklich Sim-Jü. Aber als die Kirmes im vergangenen Jahr abgesagt wurde, habe ich mir gedacht, ich baue mir hier einfach meine eigene – auch wenn es nur eine ganz kleine ist“, sagt Möller und lächelt. Es ist seine ganz persönliche Version der Mini-Sim-Jü. Mit dem Unterschied, dass diese tatsächlich stattfindet – und dann auch noch über einen deutlich längeren Zeitraum als ihre „große Schwester“.

Der 72-jährige Modelleisenbahner bastelt seit 12 Jahren in seinem Arbeitszimmer an den Städten Entenhausen und Hammo. Erstere hat ihren Namen dem Auto zu verdanken, das Möller und seine Frau mehr als 30 Jahre lang fuhren: eine Ente. Und Hammo, das hat etwas mit Möllers beruflicher Vita zu tun – denn der ist inzwischen pensionierter Lehrer. Sein früherer Arbeitsort: das Gymnasium Hammonense in Hamm, auch bekannt als „Hammo“. Bei seinem Abschied erhielt Möller von seinen Kollegen Geld für ein Bahnhofsmodell. Und schon war klar, wie die zweite kleine Stadt in seiner Miniaturwelt heißen würde.

Modellbau, sagt der Werner, das sei so ein bisschen wie ein Virus – allerdings im positiven Sinn. Es habe bei ihm angefangen, als er sechs Jahre alt war. „Da hat mein Vater mir und meinem Bruder eine Eisenbahn mit zwei Lokomotiven gebaut. Da war das Virus geboren, dann allerdings eine ganze Zeit lang nicht mehr aktiv, bis es nach der Pensionierung wieder aus seinem Versteck kam“, sagt Möller mit einem Augenzwinkern.

„Manche bleiben Zeit ihres Lebens Teppichbahner – und sind damit glücklich“

Karl-Heinz Möller

Eine der beiden Lokomotiven hat der 72-Jährige auch heute noch in einer Vitrine stehen. Es ist sein wertvollstes Stück, sowohl emotional als auch finanziell. Aber was macht den Reiz am Modellbau eigentlich aus? Das ständige Herumkriechen unter dem Tisch, um Elektronik zu verlegen oder die Kleinstarbeiten an der Oberfläche, die oft ein Geduldspiel sind und auch schon mal nerven können, werden es ja wohl nicht sein…

„Doch, das gehört dazu. Man kann beim Modellbau eine ganze Menge Fantasie einbringen, basteln, an der Technik feilen – da kommen viele Dinge zusammen. Und wenn alles dann tatsächlich so klappt, wie man es sich vorher gedacht hat, dann macht‘s auch Spaß“, erklärt Möller. Obendrein sei es eine deutlich sinnvollere und produktivere Tätigkeit, als den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen und zu zocken.

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Die kleine Welt eines Werner Modelleisenbahners

Es sind auch die vielen Details, die Akzente, die man in der Szenerie mit Figuren setzen kann, die der ganzen Sache ihren Charme verleihen. Da wären zum Beispiel die Beatles-Figuren, die auf einem Dach in Hammo ein Konzert spielen. Angelehnt ist die Szene an das bekannte Rooftop-Concert der Band in London im Jahr 1969. Es war der letzte Liveauftritt der Beatles. Möller hat ihn auf seiner Modell-Anlage verewigt. Genauso wie die winzige Snoopy-Figur, die auf dem Dach einer Hundehütte am Rande von Hammo sitzt.

Auf dem Weg zu seinem Städtekomplex hat Möller den klassischen Pfad des Modelleisenbahners beschritten – angefangen beim Typ Teppichbahner. „Das sind die Leute, die mit ihrer Eisenbahn auf dem Boden rumkriechen. Manche machen das Zeit ihres Lebens und sind damit glücklich“, erklärt der 72-Jährige und lächelt wieder. In der „Szene“ gebe es aber auch die „Schachtelsammler“, die ihre Schätze niemals aus der Verpackung holen. Und die Vitrinensammler. „Das ergibt sich aber meist daraus, dass man irgendwann so viele Lokomotiven hat, dass man sie nicht alle auf der Anlage fahren lassen kann.“

„Fertig wird man damit eigentlich nie. Das gehört dazu.“

Karl-Heinz Möller

Auch in Möllers Arbeitszimmer gibt es viele solcher Vitrinen. Und der Spielraum wird mittlerweile nicht nur auf den Gleisen eng. Denn die Städte sind schon ziemlich dicht bebaut. Allerdings finde man immer wieder etwas, das man umgestalten oder erweitern könne, betont Möller. Bevor man mit so einem Großprojekt starte, habe man zwar einen gewissen Plan, aber der sei natürlich nicht in Stein gemeißelt: „Und fertig wird man eigentlich sowieso nie. Wenn kein Platz mehr da ist, schafft man sich welchen. Oder man baut Dioramen.“

Schaukästen also. Und natürlich hat auch Möller einige davon. In einem ist derzeit der Kleinbahnhof von Werne zu sehen – in einem anderen die Kohlenverladung von der Zechenbahn auf der Kanalbrücke. Und wer weiß, vielleicht finden beide ja irgendwann doch noch einen Platz in der Miniaturwelt auf dem großen Tisch. Womöglich muss dann etwas anderes weichen. Sim-Jü wird es aber wohl nicht sein. Corona hin oder her.

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Redakteur
Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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Felix Püschner

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