Nach 30 Jahren ist für Elke Kappen Schluss

Ehemalige Jugenddezernentin

Nach 30 Jahren im Dienst der Stadt Werne wird Jugenddezernentin Elke Kappen (52) am Mittwoch verabschiedet. Sie wechselt in ihre Heimatstadt Kamen, wo sie ab dem 15. April als Erste Beigeordnete fungiert. Im Abschiedsinterview spricht Kappen über schlaflose Nächte und schwierige Entscheidungen.

WERNE

, 13.04.2016, 15:06 Uhr / Lesedauer: 4 min
Nach 30 Jahren ist für Jugenddezernentin Elke Kappen jetzt Schluss in Werne. Die 52-Jährige wechselt in ihre Heimatstadt Kamen, dort wird sie als 1. Beigeordnete tätig sein.

Nach 30 Jahren ist für Jugenddezernentin Elke Kappen jetzt Schluss in Werne. Die 52-Jährige wechselt in ihre Heimatstadt Kamen, dort wird sie als 1. Beigeordnete tätig sein.

Frau Kap pen, wenn Sie auf 30 Jahre zurückblicken: Ist das aktuell das beste Werne, dass es für Familien je gegeben hat? Ja, unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen und auch unter dem Schwerpunkt Vereinbarkeit von Familie und Beruf glaube ich das  schon. Zumindest bezogen auf die Rahmenbedingungen, die wir mit unseren finanziellen Möglichkeiten aktiv gestalten können. Das spiegelt sich auch in den Zuzugszahlen für Werne wider. Natürlich hat es früher vielleicht mehr Familienunterstützung gegeben, weil z.B. Großeltern gleich gegenüber gewohnt haben und sich um die Kinder kümmern konnten. Aber das sind gesellschaftliche Veränderungen, auf die wir keinen Einfluss haben... und wenn es dann noch ein neues, familienfreundlichen Solebad gibt!

Sind die Zuzüge eine Messzahl, um die Qualität der Arbeit zu bewerten? Wenn im nächsten Jahr 50 Personen wegziehen oder zuziehen, kann man das nicht zwingend als Seismograf für unsere Arbeit nehmen. Da spielen ja auch Faktoren wie Arbeitsplätze in Werne oder in der Umgebung eine Rolle. Aber wenn die Leute zum Beispiel in Dortmund oder Münster arbeiten und sagen, dass sie Werne als Wohnort gewählt haben, weil sie hier für ihre Kinder sofort eine Betreuungsmöglichkeit finden und ein gutes Schulsystem vorhanden ist , ist das natürlich eine Auszeichnung für uns.

Schafft man es denn, alle notwendigen Bereiche im Blick zu halten? Der Zuschnitt unseres Dezernats ist schon spannend, weil wir wirklich alle Maßnahmen, die irgendwie mit Bildung zu tun haben, umfassen.  Zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit den Sportvereinen, die eine wichtige Schnittstelle bilden oder die Zusammenarbeit zwischen Schule und städtischer Bücherei. Und diese Kontakte sind ja keine Einbahnstraße, der Austausch findet in beide Richtungen statt, und wir bekommen widergespiegelt, wo Bedarfe sind. Das läuft mit der Zeit vor allem über persönliche Kontakte.

Wie wichtig ist dabei der persönliche Kontakt mit den Eltern, gerade auch im Jugendamt? Sehr wichtig, weil die Eltern ihre aktuelle  Lebenssituationen widerspiegeln, die dann natürlich auch Einfluss auf die Entscheidungen in Politik und Verwaltung haben. Jeder Verwaltungsmitarbeiter bringt eigene persönliche Erfahrungen und Einschätzungen mit. Durch den direkten Kontakt mit den Eltern wird aber jedem nochmal bewusst, was diese Familie beschäftigt und beeinflusst. Spannend dabei: Die familiären Fragen sind ähnlich, egal in welcher sozialen oder finanziellen Lage sich die Familie befindet, z.B. beim Eintritt in die Elternschaft.

Sie haben als Sozialarbeiterin quasi auf der untersten Ebene angefangen und sind nun fast ganz oben. Verliert man da nicht irgendwann das Gefühl für die Basis? Ich glaube nicht, dass so etwas verloren geht. Mit ist der Kontakt zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen immer wichtig gewesen. Man kann manchmal die Situation besser erfassen, wenn man an der Basis gearbeitet hat gerade im Bereich des Jugendamtes.

Das sind nicht immer einfache Situationen. Wenn man zum Beispiel ein Kind aus einer Familie nehmen muss — wo lässt man so eine Erfahrung nach Feierabend? Es ist ganz wichtig, dass die Kollegen untereinander einen guten Kontakt haben. Sicher gibt es auch professionelle Begleitung, aber die Möglichkeit, Dinge hier im Hause auf gleicher Ebene zu besprechen, spielt eine ganz wichtige Rolle ebenso wie eine gute Unterstützung durch die Leitung.

Fällt so eine Entscheidung leicht? Diese Entscheidung trifft das Jugendamt ja nicht alleine. Daran sind viele Personen  beteiligt, zum Beispiel das Familiengericht. Aber natürlich belastet einen das persönlich. Und das ist auch richtig so, weil das der Schwere des Eingriffs in die Lebensbiographie eines Kindes angemessen ist. Wenn man das wie einen Aktenvorgang abhaken würde, sollte man in einem anderen Bereich arbeiten.

Wie kann man denn so einen großen Bereich wie das Dezernat III überblicken? In dem man in der Steuerung Schwerpunkte in einzelnen Bereichen setzt. Es geht nicht alles gleichzeitig. Mal ist die Schule Schwerpunkt, mal der Sport, mal die Kultur. Schließlich will man keinen Schnellschuss machen sondern durchdachte perspektivische Entscheidungen vorbereiten  — das wurde von der Politik in Werne immer wertgeschätzt.

Wie kriegt man es eigentlich hin, dass alle politischen Fraktionen an einem Strang ziehen? Weil wir in vielen schwierigen Themen eine hohe Sachorientierung hatten. In den Bereichen hätte man sehr schnell durch Polemik Fronten aufbauen können , die der Sache nicht gut tun. Darauf hat die Politik in Werne um der Sache willen oft verzichtet und ihre Gestaltungsspielräume gemeinsam mit der Verwaltung genutzt. Eigentlich wollen doch unterm Strich alle das Gleiche: optimale Rahmenbedingungen für die Kinder in der Stadt und entsprechende Entscheidungen treffen.

Mussten Sie schon mal gegen Ihre Überzeugung entscheiden? In kleinen Dingen ja. Aber ich bin froh, dass wir bei den großen Entscheidungen eine gemeinsame Linie hatten.

Schon mal eine Entscheidung bereut? Ja sicher, wie jeder von uns, aber Gott sei Dank keine gravierenden, weil wir alle Entscheidungen auf einer soliden Basis getroffen haben. In der Rückschau mag man vielleicht mal gedacht haben: „Hätten wir dies oder das vorher gewusst, wäre die Entscheidung anders ausgefallen." Aber in der Rückschau mit den Erkenntnissen, die man dann ja zusätzlich hat, ist es eigentlich nicht zielführend , weil man ja auch nicht weiß, wie sich die Dinge anders entwickelt hätten. Wir haben versucht gemeinsam mit der Politik nach besten Wissen und Gewissen alles zu berücksichtigen, was zu diesem Zeitpunkt möglich war, folglich gibt es auch nichts zu bereuen.

Welche Entscheidung ist Ihnen besonders schwer gefallen? Schwer ist vielleicht das falsche Wort. Aber bei der Einführung der Sekundarschule waren wir schließlich an dem Punkt, wo wir entscheiden mussten: Wir haben jetzt alle Eltern optimal mitgenommen und informiert, so dass die Schule nun kommen kann. Diese Entscheidung dann auch tatsächlich zu treffen, war ein enormer Schritt.

Gab es keine schlaflosen Nächte? Doch sicher, zuletzt bei der dritten Ausnahmegenehmigung für den notwendigen sechsten Zug der Sekundarschule, den man uns eigentlich schon abgelehnt hatte. Da bestand ja die Gefahr, dass Eltern ihre Kinder auf eine Schule außerhalb Wernes schicken müssen, wenn wir nicht eine weitere Ausnahmegenehmigung bekommen. Das hat dann ja Gott sei Dank geklappt.

Sind Momente wie der, als Sie im Rat diese Ausnahmegenehmigung verkünden konnten, dann der Gegenpol zu den schlaflosen Nächten? Es ist vielmehr die Erkenntnis, dass man Dinge beeinflussen und verändern kann und das in konstruktiver Zusammenarbeit  mit der Bezirksregierung in Arnsberg und dem Schulministerium in Düsseldorf. Dann zu sehen, dass sich beide dann doch auf uns zu bewegt haben, freut einen sehr. Ein schönes Beispiel für pragmatische Lösungen auf kommunaler Ebene.

Was hat Sie motiviert, nach 30 Jahren nochmal in Kamen durchzustarten? Sich einen neuen Gestaltungsspielraum zu erarbeiten und unter anderen Rahmenbedingungen etwas Neues auszuprobieren. Und genauso, wie Werne meine Stadt ist, ist natürlich auch Kamen meine Stadt.

Geboren, aufgewachsen und immer noch dort wohnhaft — Sie sind ein Kamener Kind. Genau. Umso schöner war es für mich, dass einige Leute überzeugt waren, ich würde in Werne wohnen. Das zeigt, dass hier etwas gewachsen ist. Und natürlich werde ich weiter ein Auge auf Werne haben.

Kommen Sie zur Einweihung der neuen Grundschule? Sehr gerne — vorausgesetzt natürlich, dass ich eingeladen werde. Aber ich würde auch sehr gerne zur Verabschiedung des ersten Abschlussjahrgangs der Marga-Spiegel-Sekundarschule kommen.

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1986 bewarb sich Elke Kappen als Diplom-Sozialarbeiterin für ein Anerkennungsjahr bei der Stadt Werne – unter anderem mit diesem Foto.Als Sozialarbeiterin sammelte sie bereits Erfahrungen in der Projektsteuerung, beispielsweise als Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD).
2006 übernahm sie die Leitung des Jugendamtes.
2009 übertrug ihr Bürgermeister Lothar Christ den Bereich Schulen.
2010 wurde Elke Kappen Dezernentin für Jugend, Familie und Bildung.

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