Geschäftsführer der Nagelstudios sprachen oft nicht einmal Deutsch

mlzNagelstudio in Werne

Da waren’s nur noch fünf: Der Nagelstudio-Prozess am Landgericht Münster geht ohne süddeutsche Beteiligung weiter. Die 32-jährige Angeklagte aus Rottweil am Schwarzwald ist auf freiem Fuß.

von Matthias Münch

Werne, Bergkamen

, 01.09.2020, 16:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Unter dem Namen der 32-Jährigen hatten die Chefs eines vietnamesischen Clans Mietverträge und Geldflüsse auch in Werne laufen lassen. Sie konnte aber glaubhaft machen, dass ihre 37-jährige Schwester und ihr 55-jähriger Onkel aus Münster sie dabei nur als „Strohfrau“ missbraucht hatten. Mit ihrem Pass hatten die Clanchefs Konten eröffnet und Verträge für illegal betriebene Nagelstudios in NRW geschlossen.

Nur geringe Beteiligung an den Taten

Nach Auffassung der federführenden Staatsanwältin Elfi Lechtape war der Beitrag der 32-Jährigen zur Gesamtaktivität der Bande nur gering. Deshalb hatte sie im August angeregt, dass Verfahren gegen die Rottweilerin gegen eine Geldauflage einzustellen. Die zu erwartende Strafe sei mit der neun Monate langen U-Haft der Angeklagten so gut wie verbüßt. Die Verteidigung stimmte dem zu. Die 12. Große Strafkammer entließ die 32-jährige aus dem Gefängnis.

Gegen die anderen fünf Vietnamesen, unter anderem einen 28-jährigen Mann aus Bergkamen, verhandelt das Gericht intensiv weiter. Ihnen wird Sozialversicherung- und Steuerbetrug in Millionenhöhe, Menschenschmuggel und Geldwäsche vorgeworfen.

Haupttäter setzten Vietnamesen als Strohleute ein

Dabei sollen die Hauptangeklagten immer wieder Landsleute in etlichen nordrhein-westfälischen Städten als „Strohleute“ eingesetzt haben. Offiziell fungierten die Vietnamesen, die teilweise nicht einmal deutsch verstanden, als Geschäftsführer der Nagelstudios.

Tatsächlich waren sie laut Anklage abhängig Beschäftigte, für die weder Lohnsteuern noch Versicherungsbeiträge abgeführt wurden. Unter ihnen arbeiteten wiederum völlig rechtlose, zuweilen minderjährige Frauen und Männer mit dubiosem Aufenthaltsstatus.

Schwierige Suche nach der Wahrheit, Prozess verlängert

Um dies alles herauszuarbeiten, wendet die Wirtschaftskammer viel Mühe auf. So hat sie den ursprünglich bis Oktober angesetzten Prozess um 16 Verhandlungstage bis zum 16. Dezember verlängert. Wie schwierig die Wahrheitsfindung ist, zeigte sich auch am Dienstag wieder, als hintereinander ein 47-jähriger Mann aus Gladbeck und eine 43 Jahre alte Frau aus Castrop-Rauxel auf dem Zeugenstuhl Platz nahmen.

Der Mann verweigerte gleich komplett die Aussage, weil er als Schwager des Clanchefs dazu das Recht hatte. Die Frau, die bei einer Zollkontrolle in einem Dülmener Nagelstudio aufgeflogen war, erklärte seelenruhig, dass sie das Studio eigentlich kaufen wollte. Als die Kontrolle stattfand, habe sie nur gestrickt und geschaut, wie die Geschäfte liefen.

Zeugin erzählt eine sehr dubiose Geschichte

Auch in den Wochen danach habe sie nur zur Probe in dem Nagelstudio gearbeitet, um herauszufinden, ob sich eine Übernahme des Geschäfts lohne. Seltsam nur: Sie hatte das Gewerbe schon vorher unter ihrem Namen bei der Stadt angemeldet.

Einer der Strohmänner des Clans war der Vietnamese aus Bergkamen. Er hat als einziger Angeklagter ein frühzeitiges und umfassendes Geständnis abgelegt.

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