Nagelstudio-Prozess: Rechtslose Landsleute erwirtschafteten Gewinne

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Es geht um Menschenhandel, Steuerhinterziehung und Geldwäsche: Am Donnerstag (16. Juli) sind weitere Details zu den Dutzenden illegal betriebenen Nagelstudios in der Region bekannt geworden.

von Matthias Münch

Werne, Bergkamen, Münster

, 17.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Akribisch wühlt sich die 12. Große Strafkammer durch die Daten- und Aktenberge, die die Ermittler für den Nagelstudio-Prozess am Landgericht Münster aufgetürmt haben. Am Donnerstag hörte die Wirtschaftskammer weitere Zeugen, unter anderem Vermieter von Ladenlokalen in verschiedenen nordrhein-westfälischen Städten.

Zuvor hatte das Gericht Insolvenzunterlagen des 48-jährigen Deutsch-Vietnamesen aus Ibbenbüren durchforstet. Er und sein sieben Jahre älterer Bruder aus Münster sind die Hauptangeklagten. Sie waren die Clanchefs, die das Netz von Nagelstudios mit illegal aus Vietnam eingeschleusten Frauen, Männern und Jugendlichen gesponnen haben sollen.

Zwei Drittel der Umsätze erwirtschafteten rechtslose Landsleute

Mit zur Führungsebene gehörte die 37-jährige Nichte der beiden Brüder, die das Kosmetik-Handwerk beherrschte und deshalb die Statthalter in den einzelnen Studios einarbeiten konnte. Die wiederum beschäftigten zur Tarnung einige offiziell angestellte Vietnamesen mit geringen Löhnen.

Zwei Drittel der Umsätze erwirtschafteten sie hingegen mit rechtlosen Landsleuten, die weder Arbeits- noch Aufenthaltspapiere besaßen. Sie bekamen ihre Bezahlung in bar. Davon mussten sie zunächst ihre Schleuserbanden oder gefälschten Einreisedokumente bezahlen und dann auch die laufenden Fahrt- und Unterkunftskosten.

Die Ermittlungsführerin vom Zoll bezeichnete die Unterkünfte als „Behausungen“. Bei der Abwicklung der offiziellen Geldströme für die Pacht der Nagelstudios und die Unterbringung der Beschäftigten wirkte eine weitere Nichte der Bosse mit: eine 31-jährige Vietnamesin aus Rottweil, die jüngere Schwester der anderen weiblichen Angeklagten. Sie eröffnete Bankkonten für das laut Staatsanwältin konzernmäßig aufgebaute Firmengeflecht, das bis nach Werne reichte.

Nagelstudio-Imperium: Ein Konstrukt auf Franchise-Basis

Der Hauptangeklagte selbst stufte sein Imperium als ein Konstrukt auf Franchise-Basis ein. Die einzelnen Studioleiter seien eigenverantwortliche Geschäftspartner gewesen. Tatsächlich selbstständig konnten aber nicht einmal die beiden 29 und 40 Jahre alten Mitangeklagten aus Bergkamen und Paderborn arbeiten. In seinem Geständnis schilderte der Bergkamener, der im Frühjahr 2016 nach Deutschland kam, wie er die Weisungen der Führungsebene befolgen musste.

Mit dem gestrigen Prozesstag verabschiedete sich das Gericht in eine knapp dreiwöchige Sommerpause. Am 3. August geht es weiter.

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