Neue Förderschule: Ist das ein Armutszeugnis für die Inklusion oder der richtige Schritt?

mlzPro und Contra

Die Jugendhilfe Werne will eine neue Förderschule gründen. Heißt das, dass die Inklusion versagt hat? Oder ist es der richtige Schritt? Wir stellen Pro- und Contra-Argumente gegenüber.

Werne

, 04.12.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gut drei Jahre nach der Schließung der Barbaraschule möchte die Jugendhilfe Werne eine neue Förderschule gründen. Wäre das ein Rückschritt in Sachen Inklusion, die seit 2009 in Deutschland gilt? Ist es ein Armutszeugnis für die Pädagogik? Oder ist es der richtige Schritt? Unser Pro und Contra.

Neue Förderschule kann die Lösung sein

Zwei Klassenlehrer für jede Klasse - das ist einer der vielen Ansätze, um dem Inklusionsgedanken in unseren Schulen gerecht zu werden. Im Idealfall soll der Klassenlehrer mit einer Fachkraft unterstützt werden, die sich um die Förderung und Betreuung von sogenannten Inklusionskindern, also Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, kümmern soll. So weit die Theorie.

Doch wie so oft sieht es in der Praxis ganz anders aus. Noch nicht einmal alle Stellen für Grundschullehrer sind in Nordrhein-Westfalen besetzt. Von dem fehlenden Personal von Sonderpädagogen mal ganz zu schweigen. Doch diese Fachkräfte sind nötig, um die Lehrer zu unterstützen und zu entlasten und um die Kinder mit Förderbedarf vernünftig zu betreuen.

Weil es dieses Personal aber nicht ausreichend gibt, bleibt der Inklusionsgedanke oft genau bei solch einem. Verlierer sind dabei vor allem die Mädchen und Jungen, die eine gute und ihren Bedürfnissen angepasste Schulbildung verdienen. Diese kann es in einer für sie eingerichteten Schulform geben.

Die Idee einer neuen Förderschule kann deshalb die Lösung sein, um den Kindern eine wirklich adäquate Betreuung zu bieten. In kleinen Klassen. Mit ausgebildetem Fachpersonal. In einer überschaubaren Schulumgebung. Mit kurzem Schulweg. Die Jugendhilfe Werne möchte mit ihrer Förderschule genau das ab 2021 bieten. Dass die Jugendhilfe die Schule auf privater Basis plant, ist ebenfalls sinnvoll. Denn so muss man die Hürde - eine gewisse Mindestanzahl an Schulanmeldungen - nicht nehmen. Dann hat die Förderschule eine Zukunft. (von Andrea Wellerdiek)

Jetzt lesen

Neue Förderschule? Das falsche Zeichen!

Wer suchet, der findet. Das gilt auch für Argumente, die eine neue Förderschule rechtfertigen. Und mal ehrlich: Lange suchen braucht man dazu eigentlich nicht. Man hört und liest es ja praktisch überall: Viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an Allgemeinen Schulen nicht so unterstützt, wie man es sich wünscht, heißt es dann für gewöhnlich. Und das sorge bei allen für Frust. Bei den betroffenen Schülern, bei den Eltern, bei den Lehrern und natürlich auch bei den Mitschülern und ihren Eltern. Eine Kernaussage: „Diese Kinder bremsen die anderen aus - und sie stören den Unterricht.“

Mag alles stimmen - doch warum ist das so? Auch hier gibt es einen Tenor. Der lautet: Überforderte Lehrkräfte, zu große Klassen, zu wenig sonderpädagogisches Personal - das konnte ja nur schiefgehen mit der Inklusion. Oder etwa nicht? Natürlich musste das nicht (!) schiefgehen. Und es ist ja auch noch längst nicht gescheitert. Das Problem sind schließlich nicht die Lehrer, es sind auch nicht die Schüler oder ihre Eltern. Es sind die Bedingungen, unter denen die Inklusion bislang stattgefunden hat - und an deren Lösung sich die Politik bisher die Zähne ausgebissen hat.

Kein Wunder, dass manch einem die Rückkehr zur Förderschule daher als der beste Weg erscheint. Und keine Frage: Einen Teil der Probleme kann diese Rückkehr sicherlich lösen. Aber sie kann leider auch ein fatales Zeichen sein. Ein Zeichen dafür, dass Partizipation und Integration eben doch nicht zu schaffen sind. Und sie kann Türen zuschlagen, die man eigentlich öffnen wollte. Denn wer wird in Zukunft schon versuchen, eine Allgemeinschule für ein Kind mit Förderbedarf zu finden, wenn es doch eine bequeme „Alternative“ gibt: Die heißt Förderschule - und ist dann vielleicht nicht mehr nur die Alternative, sondern tatsächlich die erste Option. (von Felix Püschner)

Jetzt lesen

Umfrage

Braucht Werne eine neue Förderschule?

Die Jugendhilfe Werne will zum Schuljahr 2021/22 eine neue Förderschule gründen. Ist das überhaupt nötig?
3 abgegebene Stimmen

Lesen Sie jetzt