Neue Heimat Werne - ein Gastarbeiter blickt zurück

Jubiläum bei Anwerbung

Keine Blasmusik. Kein Blitzlichtgewitter. Und erst recht kein Moped. Als Ahmet Dogan 1971 in Deutschland ankommt, erwarten ihn nur Novemberkälte, Regen und ein Platz im überfüllten Männerwohnheim an der Lippestraße in Werne - ganz anders als bei der Begrüßung des millionsten Gastarbeiters vor genau 50 Jahren.

WERNE

, 10.09.2014, 05:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

So viel Glück hatte Armando Rodrigues nicht: der Mann, den sie am 10. September 1964 auf dem Kölner Bahnhof als millionsten Gastarbeiter begrüßt haben – mit Musik, Medien und Moped. Der Portugiese bleibt nur sechs Jahre in Deutschland.

Als Ahmet Dogan in der türkischen Schwarzmeerregion die Koffer packt, um ein neues Leben im unbekannten Werne zu beginnen, ist Rodrigues schon wieder zuhause in Portugal – todkrank. Seine ganzen Ersparnisse aus Deutschland werden die Behandlung aufzehren, ohne Erfolg.

Dogan kennt Rodrigues’ Schicksal nicht, als er sich auf den Weg macht. Aber selbst wenn: Es hätte den neugierigen Elektriker kaum gebremst. „Ich wollte das machen“, erzählt der kleine Mann mit dem inzwischen grauen Schnauzbart.

„Das“ ist die Reise nach „Almanya“, dem Land, in dem so viele Landsleute seit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei 1961 arbeiten. Einmal selbst sehen, worüber die anderen schwärmen: moderne Technik, schöne Autos – das ist es ihm wert, seinen Arbeitsplatz in Turhal zu kündigen, seine junge Frau zurückzulassen und in die Fremde zu gehen.

Der Plan ist so: Drei Jahre gut verdienen, sparen und das Geld in der Türkei ausgeben. „Daraus wurde nichts“, wirft Fikriye Dogan (62) ein, „zum Glück.“ Nach einem Jahr Einsamkeit folgt sie 1972 ihrem Mann nach Deutschland. Die Söhne Adnan (heute 41) und Ayhan (39) werden geboren. Erziehung, Haushalt – genug zu tun für die junge Frau, die sich bewusst keine eigene Arbeitsstelle sucht. „Wir sprechen beide nicht gut deutsch“, sagt sie.

Den Kindern sollte es da besser ergehen. Sie spielen mit deutschen Kindern, engagieren sich in der Schule – mit Erfolg. Beide Söhne sind heute erfolgreich: der jüngere in der Wirtschaft in Dortmund, der ältere als Zahnarzt in Werne.

Fikriye Dogan steht auf, geht zum Schrank und kommt mit zwei Fotos zurück: „Unsere Enkelinnen“, sagt sie und strahlt. Dass die beiden kaum Türkisch sprechen, sei „nicht schlimm, Hauptsache, wir verstehen uns.“

Heimat? Das Wort gibt es nicht in der Mehrzahl. Die Dogans haben sich für eine entschieden – in Werne. „Wir sind Deutschland dankbar“, sagt der Bergmann im Ruhestand und blickt wieder aus dem Fenster.

Zahlen & Fakten
Migrationshintergrund haben laut Zensus NRW 4280 der knapp 30.000 Werner. Das sind etwas über 14 Prozent.
Ihren jeweiligen Pass behalten haben davon 1180 Personen, die übrigen wurden Deutsche.
Die familiären Wurzeln liegen meistens im Osten. 1230 Werner mit Migrationshintergrund stammen aus Polen, 630 aus Staaten der Russischen Föderation und 510 aus Kasachstan.
680 Werner haben einen türkischen Migrationshintergrund.
Während der Anwerbezeit ausländischer Arbeitskräfte (1955 bis 1973) sind 330 Migranten nach Werne gekommen. Der Zuzug setzte erst spät ein: Ende 1969.
Die meisten Menschen mit Wurzeln im Ausland (1880) leben bereits seit 20 Jahren oder noch länger in Werne. 

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