Außergewöhnliche Verbrechen: War es Tierliebe oder Mord aus Habgier?

mlz10 mal Werne

Dieses Kapitalverbrechen erregte im Jahr 2010 viel Aufmerksamkeit. Im Gericht kam es zum Mammutprozess. Heute laufen Hühner dort, wo einst die Besitzerin eines Pferdehofs sterben musste.

Werne

, 14.10.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

War es Tierliebe oder Habgier, um an den Pferdehof in Werne zu kommen? Warum eine damals 26-jährige Ex-Jura-Studentin die 65-Jährige Elsbeth B. getötet und auf einem Nachbarhof im Heu versteckt hatte, versuchte das Landgericht Dortmund in einem fast zweijährigen Prozess aufzuklären.

Jetzt lesen

Alles begann als Vermisstenfall

Es war Sim-Jü im Oktober 2010, als das grausame Verbrechen Werne erschütterte. Auf einem Pferdehof in Horst reihten sich die Polizeiwagen aneinander. Ein Nachbar hatte die 65-jährige, alleinlebende Besitzerin als vermisst gemeldet. Tagelange hatte die Polizei mit Hundertschaft, Hubschrauber und Suchhunden die Felder und Wälder rund um den Hof abgesucht.

Dann wurde die Leiche gefunden – 800 Meter von ihrem Zuhause entfernt auf einem anderen Hof in einer Pferdebox. Versteckt unter Heu und Mist. Nicht nur deshalb war klar, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen war: Ihr Körper wies 22 Stichwunden auf.

25-jährige Bekannte schnell im Visier der Fahnder

Schon bei der Vermisstensuche stieß die Polizei auf eine 25-jährige Frau, die ihre Pferde auf dem Hof stehen hatte. Sie verstrickte sich bei ihren Aussagen in Widersprüche. Schließlich gestand sie, Elsbeth B. ermordet zu haben. Es sei zum Streit gekommen, weil die Hofbesitzerin die Tiere nicht ordentlich versorgt habe, gab die Frau an. Pferde wie Kühe hätten im eigenen Mist gestanden. Aus Tierliebe hätte sie handeln müssen, so die junge Frau.

Nach dem gewaltsamen Tod der Besitzerin blieb der Hof in Werne-Horst unbewohnt und wurde nach einigen Jahren abgerissen.

Nach dem gewaltsamen Tod der Besitzerin blieb der Hof in Werne-Horst unbewohnt und wurde nach einigen Jahren abgerissen. © Foto: Jörg Heckenkamp

Wie die spätere Rekonstruktion der Ereignisse aber zeigte, hatte sie sich vor dem Fund der Leiche als neue Besitzerin des Hofes ausgegeben. Die Alt-Bäuerin würde in eine seniorengerechte Wohnung ziehen, so ihre Erklärung. War es daher tatsächlich Tierliebe, die sie zu der Tat verleitete, oder war es Habgier, um an den Hof des Opfers zu kommen?

Schwurgericht sucht nach dem Tatmotiv

Auf diese Frage musste das Schwurgericht am Dortmunder Landgericht eine Antwort finden. Dass die ehemalige Jura-Studentin die Täterin war, stand außer Frage. In zwei Briefen hatte sie sich zu der Tat bekannt. Doch war die junge Frau auch schuldfähig? Auch diese Frage musste im Prozess beantwortet werden.

Der zog sich über Monate. Zwei Jahre nach der Tat erlitt die Angeklagte einen Nervenzusammenbruch und musste in eine Klinik eingewiesen werden. Lange stand in den Sternen, ob sie verhandlungsfähig war oder nicht.

Jetzt lesen

Nach über 50 Verhandlungstagen forderte die Staatsanwaltschaft im Februar 2013 schließlich lebenslängliche Haft wegen Mordes. Sie sah es als erwiesen an, dass die junge Angeklagte ihre ältere Bekannte aus Habgier erstochen hatte. Tatmotiv sollten die finanziellen Probleme der Angeklagten gewesen sein. Sie hatte ihr Studium abgebrochen, persönliche Probleme bekommen und Schuldenberge angehäuft. Als Postzustellerin konnte sie sich schließlich den monatlichen Unterhalt ihrer Pferde, 680 Euro plus Futter und Tierarzt, nicht mehr leisten.

Die Verteidigung hingegen plädierte auf Totschlag. Die Tiere hätten auf dem Hof unter „desolaten Zuständen“ leben müssen. In ihrer „Not“ habe die junge Frau zum Messer gegriffen. Dabei setzte man auf verminderte Schuldfähigkeit.

Motiv für die Tat bleibt ein Geheimnis

Das Dortmunder Schwurgericht urteilte schließlich 11 Jahre und acht Monate Haft wegen Totschlags. Warum die 65-Jährige aber sterben musste, das konnte das Gericht trotz akribischer Beweisaufnahme und Befragung vieler Zeugen und Sachverständiger nicht aufklären. Obwohl Staatsanwaltschaft und Verteidigung in Revision gingen, hatte das Strafmaß Bestand. Für eine vorzeitige Haftentlassung wurde im Jahr 2018 kein dafür erforderliches psychiatrisches Gutachten eingereicht.

Heute erinnert in Werne nichts mehr an das Verbrechen: Die Gebäude der alten Hofstelle sind abgerissen, neue Hallen und Flächen entstanden - und auf der neuen Hühnerfarm kratzen nun massenhaft Hühner.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt